Süddeutsche Zeitung

Rezension von "Archipel":Verloren im ewigen Frühling

Inger-Maria Mahlkes Teneriffa-Roman "Archipel" zeugt von der Sprachkraft seiner Autorin. Aber er leidet daran, dass er beides zugleich sein will: Die Geschichte zweier Familien und die Chronik einer Insel.

In der Pförtnerloge des Altenasyls sitzt Julio Baute und sieht sich im Fernsehen die Übertragung einer Etappe der Tour de France an. Julios Pförtnertätigkeit ist im doppelten Sinne von Bedeutung. Zum einen gibt sie ihm das Gefühl, noch von Nutzen zu sein. Zum anderen hat er die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass keiner der zum Teil dementen und verwirrten Heimbewohner unbemerkt das Gebäude verlassen kann. Er ist der Aufgabe nicht immer gewachsen, wie sich herausstellen wird. Julio Baute ist 95 Jahre alt und die heimliche Hauptfigur von Inger-Maria Mahlkes Roman "Archipel", der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht. Heimlich deshalb, weil der Roman in einem 96 Jahre umspannenden Bogen - von 2015 bis zurück in Julio Bautes Geburtsjahr 1919 - einen ganzen Reigen von Figuren auf- und wieder abtreten lässt. Doch der Gravitationspunkt ist der alte Julio, an seiner Biografie entlang wird die Historie eines knappen Jahrhunderts rekonstruiert.

Die Handlung von "Archipel" ist auf der Kanareninsel Teneriffa angesiedelt, der Insel des ewigen Frühlings. Dort, in La Laguna, wo auch Julio Baute seinen Dienst verrichtet, ist Inger-Maria Mahlkes Mutter geboren. Das ist einem 2015 erschienenen Essay Mahlkes zu entnehmen, in dem sie sich mit der Insel beschäftigt. Viele Monate hat die Autorin, die 1977 in Hamburg geboren wurde, seit ihrer Kindheit auf der Insel zugebracht. Und sie erinnert sich noch, wie die Großmutter auch nach dem Ende der Franco-Diktatur beim Anblick der Guardia Civil reflexartig zusammengezuckt ist, weil sie Repressionen befürchtete.

Es ist also kein willkürlich gesuchter, sondern ein gewachsener und gereifter Entschluss, der Mahlke dazu bewogen hat, Teneriffa nicht nur als Schauplatz zu wählen, sondern als einen Brennpunkt geostrategischer, ökonomischer und individueller Interessen zu inszenieren. Die fundierte Kenntnis von Geografie und Mentalität ist zu spüren. Denn die Stärken des Romans sind von der ersten Seite an erkennbar. Sie resultieren aus Mahlkes Fähigkeit, durch Milieu- und Ortsschilderungen Atmosphäre zu schaffen, prägnante Szenen zu entwerfen und in kurzen Kapiteln glaubwürdige, klischeefreie Charaktere zu zeichnen.

"Archipel" beginnt mit der detaillierten Beschreibung der meteorologischen Gegebenheiten. Möglicherweise eine zarte Hommage an den Auftakt von Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften", die sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Es war ein schöner Julitag des Jahres 2015. Ana Baute Marrero, Staatssekretärin, Mitglied der konservativen Partei und Julio Bautes Tochter, schickt sich an, gemeinsam mit ihrem Mann Felipe Bernadotte Gonzalez und ihrer Tochter Rosa eine Kunstausstellung zu besuchen.

Der Krieg und das Franco-Regime kennen keine Sieger

Felipe ist der daueralkoholisierte und desillusionierte letzte Spross einer ruhmreichen Familie, die mindestens das letzte Jahrhundert hindurch die Geschicke der Insel entscheidend geprägt hat. Nun sitzt der Historiker, der sein Forschungsprojekt "Bürgerkrieg und Repression auf den Kanarischen Inseln" aufgegeben hat und seine Lehrtätigkeit an der Universität gleich mit, Tag für Tag im Lederfauteuil seines Klubs und hält den Whiskeypegel auf stabilem Niveau. Auch die Tochter Rosa ist mit 21 Jahren bereits eine Gescheiterte. Nach Madrid aufgebrochen, um irgend etwas mit Kunst zu machen, ist sie nun zurück auf der Insel und weiß zunächst wenig mit sich anzufangen.

Inger-Maria Mahlke gibt einen Eindruck der allgemeinen Depravation, um diesen Zustand dann historisch herzuleiten. Die Insel wird zu einem Sinnbild eines von der großen europäischen Krise geschüttelten Landes. Zugebaut mit halblegalen und illegalen Hotel- und Feriensiedlungen, die Strände verseucht von Algen, die das Ergebnis mangelhafter Umweltpolitik sind. Ein Ort ohne Perspektive für die junge Generation. Dazu passt, dass in jenem Sommer 2015 gegen Ana Ermittlungen wegen Korruption eingeleitet werden, weswegen sie sich zunächst einmal im Familienanwesen der Bernadottes vor der Presse verschanzt. Ein Anwesen, das, versteht sich, schleichend verfällt. All das erzählt Inger-Maria Mahlke in einer vokabel- und windungsreichen Sprache, die ihren Roman zunächst gegen jeglichen Verdacht des Plakativen imprägniert. Die ersten 200 Seiten von "Archipel" sind in ihrem Detailreichtum und ihrer Beschreibungspotenz starke Literatur.

Die Bautes und die Bernadottes werden im Rückblick paradigmatisch über Jahrzehnte hinweg als politische Antipoden gezeigt. Felipes Großvater Lorenzo steht von Beginn an auf der Seite der Falangisten und steigt als Zeitungsverleger zum propagandistischen Sprachrohr des Regimes auf, um nach der Absetzung der falangistischen Minister im Februar 1957 weinend in seinem Arbeitszimmer zu sitzen. Julio Baute zieht gegen die Faschisten in den Bürgerkrieg, landet im Gefängnis und kehrt nach sieben Jahren traumatisiert und perspektivlos zurück auf die Insel. Der Krieg und das Franco-Regime kennen keine Sieger. Die Privilegierten sind untergegangen in Dekadenz, die Verlierer sind Verlierer geblieben.

Das Problem des Romans ist nicht ein Mangel an Sprachvermögen, sondern seine Konstruktion. Inger-Maria Mahlke erzählt chronologisch rückwärts. Sie unternimmt den Versuch, das Desaster der Gegenwart aus den Tiefenschichten der Vergangenheit auszugraben und damit zu erklären. Dadurch allerdings schafft sie sich eine Reihe formaler Zwänge. Wenn man als Leser immer schon weiß, welche Konsequenzen eine bestimmte Episode hat (weil man davon ja bereits im vorangegangenen Kapitel gelesen hat), stellt sich schnell eine gewisse Spannungslosigkeit ein.

Die Aneinanderreihung historischer Standbilder wird zum erzählerischen Problem

Selbst wenn jede einzelne Szene in sich noch so gelungen sein mag - die Aneinanderreihung von mit Bedeutung aufgeladenen historischen Standbildern funktioniert als Erzählprinzip eines Romans nicht. Die Einzelkapitel müssen, das ist der Zwang des Konstrukts, sowohl permanent resümieren als auch illustrieren. Putschversuch und Bürgerkrieg, Hochzeiten, soziale Positionskämpfe und ein bisschen Inselgeschichte: "Archipel" will Chronik und Seelenerkundung zugleich sein. Das ist zu viel. Darum flacht der im ersten Teil so staunenswert gelungene Text etwa ab der Mitte in zunehmend kürzeren Kapiteln zu einer brav abgearbeiteten Geschichtslektion ab, in der die Charaktere an Kontur verlieren. Es war eine so kluge wie notwendige Entscheidung der Autorin, dem Buch ein Personenverzeichnis anzuhängen.

Inger-Maria Mahlke hat mit Romanen wie "Wie Ihr wollt" und vor allem dem kühlen Glanzstück "Rechnung offen" gezeigt, dass sie eine versierte Schriftstellerin ist. Auch "Archipel" ist ein Buch, das mit vielen imponierenden Passagen im Gedächtnis bleibt. Aber es ist, leider, ein nur teilweise gelungener Roman.

Inger-Maria Mahlke: Archipel. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 432 Seiten, 20 Euro.

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SZ vom 20.09.2018/jael
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