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Deutsche Gegenwartsliteratur:Unmöglichkeit einer Insel

Zwischen Japan und Sylt: In seinem Roman "Céleste", dessen Geschichten alle auf Inseln spielen, erzählt Peter von Becker in guter E.T.A.-Hoffmann-Nachfolge von deutschen Künstlern und Kulturbürokraten.

Céleste, die Himmlische. Wer so heißt, für den halten die Götter schon zu Lebzeiten den Himmel bereit. So ist es jedenfalls bei der Titelheldin, um die in Peter von Beckers Roman die halbe Welt kreist. Sie ist eine weltweit gefeierte Großkünstlerin, der weibliche Picasso, wie man sagte, deren vom Autor erfundene Werke eher an eine Kreuzung aus Louise Bourgeois und Damien Hirst denken lassen. Diese Céleste drängt es kurz vor dem 100. Geburtstag nach einem späten Bekenntnis in eigener Sache. Dazu hat sie ihre Tochter und deren ehemaligen Liebhaber, einen in Kunstsachen bewanderten Dresdner Anwalt, in ihr Haus auf der Kanalinsel Guernsey bestellt.

Die knapp 100 Seiten lange Céleste-Geschichte mit ihren Drehungen und Wendungen wäre ein guter Novellenstoff in der E. T. A. Hoffmann-Nachfolge (ein Hoffmann-Motto ist dem Buch vorangestellt). Becker hat sich aber anders entschieden: Er umgibt die zentrale Novelle mit vier kürzeren Geschichten, die wie das Hauptstück sämtlich im Jahre 2013 spielen, und erklärt sie zum Roman. Ein Roman sind die ineinander gefügten Geschichten insofern, als ihre Motive und Figuren lose verknüpft sind und sie alle ein spektakuläres Ende vorbereiten, geradezu ein Feuerwerk an Hoffmannscher Fantastik und Fiebrigkeit.

FEU

Peter von Becker: Céleste. Roman. Mare Verlag, Hamburg 2017. 240 S., 22 Euro. E-Book 17,99 Euro.

Hier muss der Hinweis genügen, dass es zu einer unerfreulichen Begegnung von Berliner Künstlern mit japanischer künstlicher Intelligenz kommt. Alle Geschichten des Romans spielen auf Inseln, sofern man Japans Hauptinsel Honshu dazu zählen will, und alle erzählen von deutschen Künstlern, wenigstens aber von Kulturbürokraten. Zunächst findet sich ein deutscher Erfolgsautor auf einer Äolischen Insel wieder, wohin ihn sein Verleger verschleppt hat, damit ihm endlich wieder ein Erfolgsroman gelinge. Dann macht (oder erträumt sich) der Kulturreferent der deutschen Botschaft in Rom auf Capri die Bekanntschaft einer attraktiven blinden Italienerin, die angibt, im Porno-Business zu arbeiten. In der nächsten Geschichte lässt sich ein Philosoph mit dem schönen Namen Julius Seelenberg am Strand von Sylt von einer deutsch-italienischen Kunststudentin zweimal an der Nase herumführen. Und schließlich begleitet derselbe Philosoph seine schwangere Frau, eine Fotografin, nach Japan, eines Stipendiums wegen.

Man liest so etwas nicht ohne Vergnügen, gerade weil es auch ein bisschen peinlich ist

Das alles ist nicht hart an einer nachprüfbaren Wirklichkeit entlangerzählt, sondern eher eine Staffel von Vexierbildern und Traumgespinsten, die man nicht unbedingt zu einem Roman hätte zusammenfügen müssen. Gemeinsam ist den Geschichten eine etwas klischeehafte Idee von Künstlern, Kunstwerken und -betrieb. Die Gegenwartskunst als ästhetische oder soziologische Tatsache müsste man sehr genau kennen, um sie dann genauso gut erfinden zu können. Hier aber geht es vornehmlich um einen gehobenen Lebensstil, der von der einen oder anderen "Residenz" in Japan oder Sylt weiter beflügelt wird.

Der Hang zum Preziösen in Beckers Blick auf kulturelle Gegenstände spricht sich aus in Passagen wie dieser: "Ich habe zwei Semester in Heidelberg studiert, deutsche Philosophie und Hermeneutik", sagt Célestes japanischer Assistent. "Mich interessieren die Quellen der Wahrnehmung." Man liest so etwas nicht ohne Vergnügen, gerade weil es auch ein bisschen peinlich ist. Sicher kann man Künstler samt ihren Werken ebenso frei erfinden, wie man als Autor sonst auch Lebensläufe erfindet. Aber dazu wäre mehr Kunstverstand erforderlich, als hier demonstriert wird.

Leseprobe

Die Geschichten dieses Romans wandern allmählich von der Licht- auf die Schattenseite. Es wird, auch wo es idyllisch und wohlsituiert angefangen hat, zusehends ungemütlich auf diesen Inseln der gehobenen Lebensart. Dunkle Wolken ziehen sich über Capri und andernorts zusammen, die "Gespenster unseres Lebens", wie Hoffmann zitiert wird, melden sich zu Wort. Die schwarze Romantik wird hier genährt von einer auch verbal ausschweifenden Erotik, die für die beteiligten Personen nichts Gutes verheißt: "Nun greift sie zu mit ihren aufgeraut bäurischen Händen und hat einen nassen Mund", heißt es etwa über die Frau, die dem Erfolgsdichter auf Geheiß seiner Entführer zu Diensten sein soll. Peter von Beckers "Céleste" gibt in seiner üppigen Fantastik den Lesern manches, worüber man nur staunen kann. Am Strand, auf einer Insel, irgendwo zwischen Wachen und Träumen, kann man an seinem Geschichtenreigen sicher Freude haben.

© SZ vom 16.01.2018

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