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Deutsche Gegenwartsliteratur:Traumlose Nachtruhe

In seinem neuen Roman verwandelt Frank Witzel die Nachkriegszeit in ein unheimliches Panoptikum - und verliert sich in den Labyrinthen seiner Erzähltheorie.

Von Lothar Müller

Vor zwei Jahren gewann der Schriftsteller Frank Witzel, der 1955 in Wiesbaden geboren wurde, mit seinem Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" den Deutschen Buchpreis. Darin spielte ein gelber NSU Prinz, 2 Zylinder 4-Takt, 30 PS, eine nicht unwichtige Nebenrolle. Denn in diesem Roman gehörten die Dinge, etwa Din-A-4-Hefte, Kleidungsstücke, Plastiktiere, Trockenshampoodosen, Plattenspieler oder Modelleisenbahnen zum Personal.

Erzählt wurde von einer Kindheit und Jugend, deren Echoraum weit hinausging über den Sommer 1969 und von den Fünfzigerjahren bis in die Siebzigerjahre und an den Rändern auch schon ins 21. Jahrhundert hineinreichte. John Lennon und die RAF gab es in einer Art Echtzeit und als Wesen der Erinnerung und Mythologie, und wenn jemand in einer mäandernden Exegese das Beatles-Album "Rubber Soul" mit einem erschöpfenden Kommentar umgab, dann flossen die beiden Energieströme zusammen, die zum voluminösen Umfang des Romans beitrugen.

Wörter wie "Volksempfänger" schlagen Brücken in die reale Nachkriegswelt

Der eine Energiestrom entsprang der Obsession für die Alltagskultur der alten Bundesrepublik in den Jahren, in denen sie erstmals mit solcher Wucht vom Pop erfasst wurde. Der andere entsprang der Leidenschaft für die Durchdringung des Alltags mit Theorien, für obsessive Grübeleien, für das Durchwühlen aller möglichen Schubladen voller Begriffsbestecke, egal, ob sie aus der Frankfurter Schule, der Theologie oder dem französischen Strukturalismus entstammten.

„Also machte ich mich auf in Richtung Stadt, ging die Straße hinunter und bog nach rechts in eine Gasse ein, durch die irgendwann einmal eine Straßenbahn gefahren sein musste, denn hier und da waren noch im Boden eingelassene Gleisteile zu sehen.“ So wandert am Ende von Witzels Romans ein Ich dahin.

(Foto: Regina Schmeken)

Der Historiker Philipp Felsch, Jahrgang 1972, fand für die Atmosphäre in Witzels Roman die treffende Formel "BRD noir". Denn die "Bonner Republik" die in den Jahren nach 1989/90, zumal im Kontrast mit der zerfallenden DDR und den Turbulenzen der Nachwendezeit in den "neuen Bundesländern", gern als Hort selbstzufriedener, langweiliger Stabilität ironisiert wurde, wirkte hier wie eine Geisterbahn, in der zur Musik aus Rock und Pop die Gebeine aller Friedhöfe nur so klapperten. Kindermörder wie Jürgen Bartsch gehörten zum festen Inventar in den Träumen der Heranwachsenden. In der Herz-Jesu-Kirche, in der die Hauptfigur des Romans Messdiener war, erhielt um 1970 die Terroristin Birgit Hogefeld Orgelunterricht. Und während der Messe wurden heimlich "Gruselbildchen" getauscht.

Nach einem Gesprächsband mit Philipp Felsch über das "Unheimliche" seiner Herkunftswelt (Philipp Felsch / Frank Witzel: BRD noir, Matthes & Seitz, Berlin 2016) hat Frank Witzel nun wieder einen voluminösen Roman veröffentlicht. Er trägt den auf den ersten Blick eher blassen Titel "Direkt danach und kurz davor", der aber an Reiz gewinnt, wenn man ihn als Umschreibung einer Schrecksekunde liest, in der ein Verhängnis oder eine Katastrophe schon eingetreten, aber noch nicht als solche ins Bewusstsein getreten ist.

Buchcover

Frank Witzel: Direkt danach und kurz davor. Roman. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2017. 552 Seiten, 25 Euro. E-Book 19,99 Euro.

(Foto: Verlag)

Eine zentrale Figur wie den Teenager, in der die Erzählungen und essayistischen Erkundungen des Unheimlichen gebündelt werden könnten, gibt es hier nicht mehr. Aber es gibt eine Lokalisierung des Unheimlichen, die an den Vorgängerroman anschließt. Dort war eine der essayistischen Passagen, die eine Art Ideologiekritik der Objektwelt betrieben, dem Fleckenentferner K2R gewidmet: "Flecken und deren Entfernung hatten im Nachkriegsdeutschland eine besondere Bedeutung. Es gab alle möglichen Anweisungen, wie man Tinte, Ruß, Rotwein usw. entfernen konnte ... Man stellte sich gegenseitig Persilscheine aus und perfektionierte die chemische Reinigung, in die man alles brachte, was einen an die verleugnete Schuld erinnerte."

Im neuen Roman ist die Nachkriegszeit, die durch das Bewusstsein des Teenagers spukte, zum Zentrum geworden. Aber sie ist anonymisiert wie die namenlose Stadt, in der Frank Witzel diesmal große Teile des Geschehens ansiedelt. Versehrte Körper und Ruinen, Worte wie "Volksempfänger" oder "Lager", erfundene Romantitel wie "Traumlose Nachtruhe" schlagen Brücken hinein in die reale Nachkriegswelt. Aber die Welt, von der hier erzählt wird, ist systematisch abgedichtet gegen die gleichnamige Jugend der alten Bundesrepublik in den Werken der Zeitgeschichte.

Leseprobe

Es gibt nur das Grundgefühl der doppelgesichtigen Dinge und Menschen, des Grauens, das hinter schnell errichteten Fassaden nistet, der dunklen Flecken im Leben der Menschen und Institutionen. Und dort, wo in den Büchern der Historiker die politischen Ereignisse und Konfliktfelder von der "Entnazifizierung" bis zur Wiederbewaffnung verzeichnet sind, steht hier ein kleines Lexikon zum Volksaberglauben, aus dem man, was geschehen sein könnte, deutend herauslesen muss wie aus einem Traum.

Mit terminologischen Peitschenhieben wird dem Roman der Realismus ausgetrieben

Oder auch Albtraum. Ob eine Villa eine Villa ist oder ein Privatmuseum, in dem die Technik von Menschenversuchen ("Körperteilopferungen", "Augenextraktionen") ausgestellt wird, bleibt unklar. Attentate können fingiert sein oder auch nicht, Ereignisse durchlaufen Variationen, ohne in einer Version einzurasten. Der Konjunktiv und Worte wie "angeblich" unterminieren alles Erzählen, dementieren direkt danach, was kurz zuvor gesagt wurde.

Das bringt ein opulentes Gestöber des Unheimlichen hervor, birgt aber ein Problem. Wohl durch den Erfolg des Teenager-Romans ermutigt, hat der Autor diesen Roman zu einem Konzeptalbum gemacht, das obsessiv dem Ideal seiner Autorschaft huldigt, der Verweigerung einer "geschlossenen", in sich ruhenden Erzählung. Im Teenager-Roman hielten die popkulturellen Obsessionen, die Versenkungen in affektiv besetzte Details der Sprengkraft dieser Aufkündigung des Erzählens die Waage. In diesem Roman herrscht demgegenüber die Theorie-Obsession absolut. Die "Weltmechanik", von der immer wieder die Rede ist, meint nicht nur die gewaltgestützte totalitäre Ordnung, deren Schatten über allen Biografien, Orten und Landschaften liegt. "Solange wir eine Erzählung anstreben, ein geschlossenes Narrativ, überhaupt ein Narrativ, schon den Ansatz eines Narrativs, arbeiten wir dem Entsetzlichen zu." An Sätzen wie diesem, die mit terminologischen Peitschenhieben die Illusionen des Realismus aus der Literatur exorzieren wollen, zeigt sich, woran dieser Roman krankt. Allzu oft opfert er die physiognomische Konkretion der Lust an allegorischen Erfindungen, in denen die theoretische Obsession des Autors sich austobt. Sie stammt aus den Achtzigerjahren, feiert in immer neuen Variationen den Aufschub und die Unterbrechung, die Suspendierung des Sinns.

Suchte der Teenager-Roman immer wieder die Nähe zur Musik, so geben hier Frage-und-Antwort-Litaneien, Listen erfundener Romane und Filme, begriffliche Exerzitien wie die "Zwanzig Ansätze zu einer Theorie des Postmortalen" den Ton an. Der Erfindungsreichtum nötigt Respekt ab. Aber hoffentlich gibt es im nächsten Roman ein stärkeres Gegengewicht gegen den Absolutismus der Theorie.

© SZ vom 27.10.2017
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