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Deutsche Gegenwartsliteratur:Nur nichts falsch machen

Jan Böttchers "Y" will ein großer europäischer Roman sein, das Werk scheitert allerdings an seiner politischen Korrektheit.

Die Geschichte beginnt ganz gewöhnlich, aber atmosphärisch genau, an jenem Sommerabend, an dem Benji, der 14-jährige Sohn des Ich-Erzählers, seinen Eltern nicht mehr Gute Nacht sagt. Es sind nette Eltern, Kulturbetrieb. Durch die steigenden Mieten sind sie vom Prenzlauer Berg nach Pankow getrieben worden. Sie sorgen sich um das Wohl ihres Kindes, wissen aber, was gerade als Erziehungswahrheit durchgeht. Also bemüht sich der Vater, locker zu bleiben, als Benji an diesem Abend mit einem fremden Jungen auf seinem Balkon sitzt. Leka spricht nicht, aber offenbar soll er hier übernachten, weil er nirgendwo anders hinkann.

Da ist die Unsicherheit des Vaters, die plötzliche Angst vor dem Einbruch der Katastrophe. Nichts geschieht, aber Jan Böttcher, 1973 in Lüneburg geboren, ehemals Sänger und Texter von Herr Nilsson, zeichnet die Auftaktszene seines vierten Romans, das anschließende Verschwinden von Leka und die Reaktionen darauf so feinfühlig, dass man sofort mitten im Buch ist. Ähnlich suggestiv gelingt auch das Ende: Im vorletzten Kapitel führt den Erzähler das Sinnieren über seine und die Familie Lekas zurück zur eigenen Herkunft. Die Großeltern waren Nazi-Mitläufer, aber das eigentliche Ärgernis sind die Eltern, SPD, die nach dem Krieg die neue Ordnung mit allem kleinbürgerlichen Ernst als von Gott und deutschen Ingenieuren gegeben akzeptierten. Die Hochhausexistenz dieses norddeutschen Haushalts, in dem wenig gesprochen wurde und Ironie etwas für Schlauköpfe war, wirkt auf den Erzähler heute so "hüttenhaft" hingebastelt wie die ganze Bundesrepublik.

Der Autor als junger Mann: Jan Böttcher im Jahr 2007.

(Foto: imago)

Nur die Einstellung allem Fremden gegenüber scheint kaum verändert: Als ein Schüler namens Gregori Petrescu in die Klasse kam, hat der Ich-Erzähler, damals noch ein Junge, zu seinen Freunden gesagt: "Was sucht der denn hier?" Später hasst er sich für seine fremdenfeindlichen Äußerungen. Noch heute versuche er ständig, "mit der Fremde warm zu werden", aber noch immer spürt er Scheu vor ihr. Das belastet sein Verhältnis zu seinem Sohn, den er vor allem Schwierigen bewahren will. "Mitten am Tag habe ich eine riesige Angst davor, Benji immer schon zu wenig zugetraut und fast gar nichts gegönnt zu haben, also dass ich seine wunderbare und wundersame Entwicklung womöglich gehemmt habe."

Diese angstgetriebene Sorge mag als feinsinniges existenzielles Problem erscheinen, aber auch sie ist hier so erzählt, dass man ihr folgt. Das Problem von "Y" sind nicht seine "intimen" Momente. Es entsteht daraus, dass das, was zwischen Anfang und Ende des Buchs geschieht, unter dem noch immer angespannten Verhältnis des Ich-Erzählers zu allem "Fremdem" leidet.

Leka, der bald nach dem anfänglichen Balkon-Abend verschwindet, ist halb deutscher, halb kosovarischer Abstammung. Auf der Suche nach ihm treffen Benji und sein Vater im Berliner Mauerpark auf Jakob Schütte, der Computerspiele entwickelt. Vor Jahren hat er einen Schwarm aus seiner Schulzeit wiedergetroffen. Arjeta Neziri, inzwischen Studentin der Kunstgeschichte, erzählt ihm bei dem Wiedersehen von ihrer Familie, von Flucht und Untersuchungshaft. Jakob verliebt sich von Neuem, aus dieser Liebe ist das Kind Leka hervorgegangen.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

So kommt die Zeitgeschichte des Balkans in den Roman. Die Neziris geraten in den Kosovo-Krieg, danach muss das Land wieder aufgebaut werden, der Kredit, den Schüttes Vater, ein erfolgreicher Architekt, für ein Hotel einfädelt, läuft schief, nicht zuletzt, weil Jakob Probleme mit Arjetas Familie hat. Und nun will Böttcher zwei Binnenhandlungen seines Romans ineinander spiegeln: die Vorgeschichte von Jakob und Arjeta, die Jakob dem Ich-Erzähler in Berlin anvertraut. Und die Geschichte der Reise, die der Ich-Erzähler mit seinem Sohn Benji nach Kosovo unternimmt, wo Leka mit seiner Mutter Arjeta jetzt lebt. Eine gute Gelegenheit, das kulturell "Fremde" anschaulich in die Handlung miteinzubeziehen. Böttcher, der öfter in Kosovo war, versucht das auch. Dass es nicht klappt, hat verschiedene Gründe.

Arjeta ist Künstlerin geworden. Böttcher erzählt ihren dreiteiligen Videofilm nach und lässt den Ich-Erzähler in ihrer Begleitung zu einem ihrer Kunstprojekte in die Provinzstadt Peja reisen. Das ist interessant, aber avantgardistische Film- und Kunstprojekte kann man schlecht nacherzählen. Statt die schäbig-schillernde Hauptstadt Priština, das schläfrige Peja oder das karge Land dazwischen Gestalt annehmen zu lassen, setzt Böttcher den Leser auf die Spur eines landfremden Kulturjournalisten, der nicht viel mehr kennt, als was ihm vorgeführt wird.

Jan Böttcher: Y. Roman. Aufbau Verlag. Berlin 2016. 255 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 15,99 Euro.

Dazu passt, dass Böttcher durchgängig "Kosova" schreibt (wie offiziell albanisch), auch wenn es im Deutschen noch immer ungeschickt, politisch korrekt klingt. Noch deutlicher wird das beim "gegischem Albanisch". Ja, anderswo wird toskisches Albanisch gesprochen, aber solche abstrakt bleibenden Bezeichnungen rücken den Roman nah an Broschüren des Außenministeriums. "Nur nichts falsch machen" ist keine aussichtsreiche Poetologie. Der anvisierte "große europäische Roman" bleibt hier gut gemeintes Projekt.

Ein Teil der Schwierigkeiten des zweiten Teils von "Y" ist dem forcierten Wechsel der Erzählperspektive geschuldet. Einmal wird Jakob in die Distanz des "er" gerückt, dann wieder berichtet er in der Ich-Form von seinen Erlebnissen. Das Bemühte dieser Unmittelbarkeit lässt sich kaum übersehen. Die Berliner Rahmenhandlung rettet den zwar Roman nicht, aber sie führt ihn dorthin zurück, wo Böttcher stark ist: ins Erzählen von zwischenmenschlichen Problemen, die keinem Relevanzdruck unterliegen.

© SZ vom 20.06.2016

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