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Deutsche Gegenwartsliteratur:Ein Problem der Form

Scene from Dali and Bunuel film

Gibt es eine literarische Analogie zu Luis Buñuels „Schnitt durch das Auge“ in „Un Chien andalou“?

(Foto: Reuters)

Passend zur aktuellen Debatte um die Frage, welche ästhetischen Antworten die Literatur auf die Geschichte des Nationalsozialismus und den Holocaust finden kann, ist Thomas Lehrs Novelle "Frühling" neu erschienen.

Es wird gerade viel darüber geredet, was man darf und was man nicht darf, wenn es darum geht, Nationalsozialismus und Holocaust als literarischen Stoff zu benutzen. Es wird so viel und schnell geredet, dass darüber manchmal in Vergessenheit gerät, worum es eigentlich geht. Nicht um Verbote und Gebote, sondern um die Möglichkeit, sich mit einer Vergangenheit auseinanderzusetzen, die uns alle prägt. Die Kunst hat es dabei leichter als die Alltagsmenschen: Sie ist sich bewusst, dass es keine verfügbare Vergangenheit in der Gegenwart gibt, sondern nur Geschichte, also das Konstrukt, mit dem versucht wird, die Vergangenheit und ihr Hineinlangen in die Gegenwart zu begreifen. So unterscheidet es zumindest der Historiker Valentin Groebner.

Kunst sucht in der formalen Auseinandersetzung mit einem Stoff die Auseinandersetzung mit der Frage, wie einer in der Welt steht. Wenn sie das nicht tut, wenn sie den Stoff nur benutzt, ohne sich zu involvieren - und das kann ja auf sehr unterschiedliche Weisen geschehen - ist sie keine Kunst, sondern Produkt einer oft so inhalts- wie skrupellosen Unterhaltungsindustrie, die ihre Konsumenten blöd und gefügig macht und viele ihrer erstaunlich naiven Produzenten übrigens auch.

Was den Nationalsozialismus und die Ermordung der Juden durch nichtjüdische Deutsche angeht, landet man immer wieder bei Peter Weiss und seiner Überzeugung, man könne nur dokumentarisch von den nationalsozialistischen Verbrechen erzählen. Diese Aussage dürfte auch Thomas Lehr gekannt haben, als er im Jahr 2001 seine Novelle "Frühling" veröffentlichte, die der Hanser-Verlag jetzt neu auflegt.

Vermutlich und leider steckt dahinter nicht mehr als ein Routinevorgang: Weil Thomas Lehr trotz seiner wenig konsumentenfreundlichen Schreibweise zunehmend Erfolg hat, sichert sich der Verlag die Rechte an seinem Gesamtwerk und muss dafür die Titel, die in Lehrs vorigen Verlagen veröffentlicht wurden, erwerben und zugänglich machen. Vor Kurzem nannte man das noch romantisch "Werk- und Autorenpflege" und meinte es im Gegensatz zu heutigen Verlagsmanagern tatsächlich so.

Lehrs Novelle ist keine dokumentarische Literatur. Sie hat aber einen dokumentarischen Bezugstext: das Theaterstück "Die Ermittlung" von Peter Weiss, das Dantes "Göttliche Komödie" mit den von Journalisten fragmentarisch angefertigten und von Weiss bearbeiteten Protokollen des Frankfurter Auschwitz-Prozesses überschreibt. "Frühling" bezieht sich ebenfalls auf Dante und blendet Paradies und Hölle in den chimärenhaften Kulissen von Dachau ineinander. Es ist durchaus fragwürdig, was Lehr da treibt, im guten Sinne, stellt er doch selbst eine Frage. Genau die: Wie kann man sich auseinandersetzen mit dem, was passiert ist und was die Gegenwart prägt. Lehr provoziert seine Leser nicht zu der Debatte darüber, was man darf und nicht darf. Er provoziert gar nicht, sondern müht sich ab, künstlerisch einen Weg zu finden zu seinem Stoff, zu sich, die Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen. Der Rezensent Helmut Böttiger meinte bei Erscheinen von "Frühling" vor achtzehn Jahren, also noch vor Lehrs großen Romanen "September" und "Schlafende Sonne", er schreibe plötzlich anders. Der in "Einzelscherben" zerspringende Monolog eines Sterbenden markiere eine "Schwelle" im Werk des Künstlers. Er behielt Recht, und darum ist es heute werkhistorisch so interessant, "Frühling" im Kontext von Lehrs formaler Entwicklung zu lesen.

Die Novelle erzählt von einem 50-jährigen Mann, der sich von der krebskranken Tochter einer KZ-Insassin umbringen lässt. In 39 Episoden, die den letzten 39 Sekunden seines Lebens entsprechen, wabert der Text zwischen traumartigen Beschreibungen eines Ortes zwischen den Zeiten und den Rückblenden in die Vergangenheit, die auch grammatisch immer klarer wird: Der Erzähler war der Sohn eines KZ-Arztes. Die Ur-Szene des Textes spielt an einem Sommernachmittag, an dem im Vorgarten der Familie ein Mann auftaucht, sich zum "Appell" meldet, sich auszieht und wie eine Giacometti-Skulptur verharrt, bis die Polizei ihn abführt. Der Erzähler fragt nicht nach und stirbt daran. Sein älterer Bruder fragt nach und stirbt daran. Vor den Vätern sterben die aus deren "Blutschaum" geborenen Söhne.

Das Besondere an Lehrs Text ist seine Form: Er zerhackt die Syntax. Während er später, in "September", auf Satzzeichen so gut wie verzichten wird, während er in "Schlafende Sonne" Textmonolithe ohne Absätze schafft, zerlegt er die Sätze hier in alogische Einheiten: "Helfen Sie. Mir! Glauben Sie: Ich würde niemanden. Bitten, wenn mir nicht immer: der Bürgersteig: das Haus: hören Sie diese dunkle Straße sogar: diese Stadt. Selbst! Immer wieder. Entgleiten würde." So beginnt die Novelle.

"Der vollständige Satz ist eine Lüge", schreibt Marlene Streeruwitz in ihren Tübinger Poetikvorlesungen. "Keine Zuflucht, sich ein Sätzchen mit nach Hause zu nehmen und in Kreuzstichmuster aufzuhängen. Sprache wird zerstückelt in ihre endgültige Säkularisierung. Kein hoher Ton als Einladung und Verführung mitzumachen. Teilzunehmen. Sich aufzulösen." Die zerstückelten Sätze von Thomas Lehr laden aber eben ein teilzunehmen: am Schrecken über das, was die vorige Generation verbrochen hat. Am Versuch, sich reinzuwaschen und Buße zu tun. Am Scheitern daran. Lehr gibt der Zerstörung einen formalen Ausdruck und zeigt: das "hoffnungslose Hin- und Herruckeln eines einzigen Motivs", wie es ebenjener Sommernachmittag darstellt, zerstört die "Bewegung der Gegenwart" und also auch den flüssigen Satz. Er selbst spricht davon, dass diese "orthographischen Störungen" es ihm ermöglichten, die verschiedenen Zeitebenen ineinander zu schachteln und wie in der Musik die Tonart zu wechseln.

Man schwankt, ob das klug und notwendig ist oder prätentiös. Hinzu kommt, dass Lehr sich einen Chor von Stimmen schafft: Dante Alighieri und Robert Musil mit seiner Novelle "Grigia" und dem "inneren Menschen", Paul Klee und Walter Benjamin, Platons Höhlenmenschen, Gottfried Benns Gang durch die Krebsbaracke und Rolf Dieter Brinkmanns "Film in Worten", Buñuels Schnitt durch das Auge und sogar die Gedichte von Wolfgang Hilbig - wer und was spricht nicht alles mit in Lehrs "Frühling". Kann man ihm das vorwerfen? Ist das prätentiös?

"Kunst schreitet nicht fort, sie erweitert sich", schreibt Rolf Dieter Brinkmann in "Der Film in Worten". Und: "Wirksam ist noch viel zu sehr jenes gewöhnlich gewordene Bewusstsein, das Menschen in der Vergangenheit festhält. Sie ... lässt einen Erinnerungsfilm entstehen, aus dem man nicht mehr herauskommt." Thomas Lehr versucht in seiner Novelle dieses Bewusstsein zu verändern. Vermutlich gelingt ihm das nicht, weil er ihm zu sehr verhaftet bleibt. "Die Nerven meiner Zeit zerren an mir", sagte er 2011 als Gastprofessor an der Freien Universität Berlin. Mit "Frühling" habe er die Trauerarbeit, auch das Gedenken an die Opfer wieder aufnehmen wollen. Er zitierte damals Walter Benjamin mit der Auffassung, die Funktion von Literatur sei "die aufeinanderfolgenden Generationen über den Abgrund der Zeit hinweg miteinander zu verabreden und so zum Entstehen jener schwachen messianischen Kraft beizutragen, die den entsetzten Engel tröstet". Das klingt sehr harmonisch. Vielleicht zu harmonisch angesichts der Ungeheuerlichkeit, die so unheimlich derzeit wieder ihr Haupt hebt. Aber sein Versuch ist im Scheitern, wenn es denn ein Scheitern ist, enorm wichtig. Denn es gilt, was sein Erzähler in Frühling sagt: "etwas aber: wird man werden müssen".

Thomas Lehr: Frühling. Novelle. Hanser Verlag, München 2019, 144 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 30.01.2019

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