Deutsche Gegenwartsliteratur Der Mond in der Teetasse

Zu Recht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis: Marion Poschmanns schillernder kleiner Roman "Die Kieferninseln" über eine plötzliche Japan-Reise, die es in sich hat.

Von Tobias Lehmkuhl

Wer jahrelang achtlos an den Kiefernwäldern der Schorfheide vorüberfährt, der wundert sich ein wenig, wie viel Aufmerksamkeit die Japaner ihrem Nadelgehölz widmen. Wobei hierzulande freilich recht monoton der Chokkan vorherrscht, der streng aufrechte Stamm. Auf den japanischen Inseln dagegen gibt es noch ganz andere Kiefernformen. Den s-förmigen Moyōgi, Sōkan, den Doppelstamm, oder Fukinagashi, die windgepeitschte Kiefer.

In den kaiserlichen Gärten in Tokio, so heißt es in Marion Poschmanns neuem Roman, werden die nur auf den japanischen Inseln heimischen Schwarzkiefern sogar bewusst in eine leicht zerzauste Form geschnitten, als Referenz an die Kiefern in der berühmten Bucht von Matsushima, einer der, wie es in jedem Reiseführer heißt, "drei schönsten Landschaften Japans", Endziel zudem der berühmten Reise des Haiku-Dichters Matsuo Bashō.

Gilbert Silvester ist wenig mit Japan vertraut und neigt kaum zu buddhistischer Kontemplation

Wie Bashō im Jahr 1688 macht sich über dreihundert Jahre später ein gewisser Gilbert Silvester auf den Weg zu den Kieferninseln. Allerdings ist es eher dem Zufall geschuldet, dass der deutsche Privatdozent über lauter Teeländer hinweg- und in das wohl berühmteste Teeland fliegt, obwohl er Tee doch eigentlich gar nicht mag. Als er eines Nachts träumt, dass seine Frau ihn betrügt, gibt es für Silvester keinen Zweifel und er beschließt traumgeplagt von einer Sekunde auf die andere, den nächsten Kontinentalflug zu nehmen. Und der geht nun eben nach Tokio.

Japan also ist wahrlich nicht das Land seiner Träume, zudem ist es hier sehr schwer, einen Anknüpfungspunkt an seine Arbeit zu finden, denn Silvester ist Bartforscher im Rahmen eines Drittmittelprojekts, "gesponsert von der nordrhein-westfälischen Filmindustrie sowie zu kleineren Teilen von einer feministischen Organisation in Düsseldorf und der jüdischen Gemeinde der Stadt Köln."

Bei japanischen Männern allerdings ist der Bartwuchs bekanntermaßen spärlich, und so sucht sich der Kulturwissenschaftler, der es im Gegensatz zu seiner erfolgreichen Frau versäumt hat, Karriere zu machen und sich nun von Projekt zu Projekt hangelt, eine andere Aufgabe, eine Rechtfertigung seines Aufenthalts so fern der heimischen Bibliothek. Er kauft noch im tokioter Flughafen das Reise-Tagebuch Bashōs und beschließt, sich auf dessen Spuren zu begeben.

Eine zweite Aufgabe fällt ihm ebenfalls eher zufällig zu. Er hält einen jungen, lebensmüden Japaner davon ab, sich vor einen Zug zu stürzen. Und zwar mit dem schönen Argument, ein Bahnhof sei ja wohl kein angemessener Ort für solch ein Vorhaben, viel zu unpersönlich und trostlos. Man wolle doch lieber gemeinsam etwas Würdigeres suchen, das ließe sich dann auch hervorragend mit der Reise nach Matsushima verbinden.

Marion Poschmann, die in diesem Jahr mit dem erstmals verliehenen Preis für Nature Writing ausgezeichnet wurde, hat den Leser schon in ihrem zuletzt erschienenen Essayband "Mondbetrachtung in mondloser Nacht" mit dem innigen Verhältnis des Japaners zur Natur bekannt gemacht, seinem Hang zur "flüchtigen Schönheit von Blüten, zur zweideutigen Schönheit von Mondlicht, zur vagen Schönheit in sich zurückgezogener Landschaften", wie es in "Die Kieferninseln" heißt.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 168 Seiten, 20 Euro. E-Book 16,99 Euro.

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So wenig vertraut Gilbert Silvester mit Japan ist, so wenig neigt er zu buddhistischer Kontemplation, im Gegenteil, er hält seinem japanischen Begleiter besserwisserische Vorträge über die Stadtentwicklung Tokios, verweigert ihm den Freitod auch im Selbstmörderwald von Aokigahara und zwingt ihn irgendwann sogar dazu, Haikus zu verfassen. Diese beweisen für ihn, den Bartforscher, dann wiederum die "Inkonsequenz jeder Dichtung".

Man könnte Mitleid mit diesem Gilbert Silvester haben. Verrannt und frustriert, ist er einer jener Männer in der Krise, die in diesem Jahr in zahlreichen Romanen ihr graugesprenkeltes Unwesen treiben: Jonas Lüschers ebenfalls mäßig erfolgreicher Geisteswissenschaftler Richard Kraft ist einer von ihnen, der Immobilienmakler Philip in Lukas Bärfuss' "Hagard" ein anderer. Alle streben sie auf die eine oder andere Weise nach Friede und Erlösung, sie alle suchen nicht nur räumlich die weitestmögliche Distanz zu ihrem bisherigen, irgendwie verfahrenen Leben.

Da wäre ein Abschied vom Ich, eine Zeit der Ruhe und des Abstands sicher nicht verkehrt. Gilbert Silvester hat insofern Glück gehabt, als das erste greifbare Flugzeug gleich nach Japan flog und die Flughafenbuchhandlung Bashōs "Auf schmalen Pfaden ins Hinterland" vorrätig hielt. Wo sonst, als in dieser extrem formellen Gesellschaft, ihrem durchrationalisierten Weg auch zur inneren Einkehr könnte er besser Orientierung finden? Im Weg steht ihm allerdings ein "undisziplinierter Geist, der sich von verworrenen Gefühlen übermannen und sich zu irrationalen und sinnlosen Handlungen treiben lässt."

Kann eine Japanreisende jemandem helfen, der mit seinen Lebensvorstellungen kollidiert?

Von einem Japaner, fügt Silvester noch hinzu, hätte er mehr erwartet. Denn natürlich ist der Satz auf seinen Begleiter Yosa Tamagotchi gemünzt, obwohl er doch weitaus besser auf Silvester selbst zutreffen würde, ihn, der aufgrund eines Traumes überzeugt ist, seine Frau betrüge ihn.

Es wäre leicht zu behaupten, in diesem Roman prallten der Westen und der ferne Osten aufeinander. Aber es ist vielmehr so, dass hier ein Mann in mittleren Jahren mit seinen eigenen Lebensvorstellungen kollidiert. Japan und die Kieferninseln sind dabei eine Art Angebot, sich diesem Unfall in der Hälfte des Lebens zu stellen und ihn mit vielleicht nur geringen Blessuren zu überstehen. Ob Silvester dieses Angebot annimmt oder ob ihm am Ende, als er aus dem Fenster auf Matsushima schaut, der Mond nur rein zufällig in die Teetasse scheint, sei hier nicht verraten.

Marion Poschmann hat auf jeden Fall einen fein gewirkten, filigran verästelten Roman geschrieben. Er ist nicht nur klug - das ist Gilbert Silvester auch, und es hilft ihm nicht weiter - er ist zudem ("Bartmode und Gottesbild"!) von heiterer Gelassenheit.