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Deutsche Gegenwartsliteratur:Der Körper als Rückzugsraum

Michael Roes erzählt in "Zeithain" die tragische Geschichte des jungen Preußen-Kronprinzen Friedrich und seines Freundes Katte. Ein großer Mythos der schwulen Traditionsbildung, ein Breitwandepos mit dämonischen Untertönen.

Die Tragödie um Hans Hermann von Katte und Friedrich den Großen als junger Kronprinz gehört zum Kernbestand der preußischen Geschichte und zu den großen Mythen der schwulen Traditionsbildung. Der beklagenswerte Katte wurde in der Festung Küstrin hingerichtet, auf ausdrücklichen Befehl des "Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelm I., dem das auf "lebenslang" lautende Urteil des Militärgerichts zu milde ausgefallen war.

Kattes Verbrechen bestand darin, dass er die Fluchtpläne Friedrichs, der unter den Prügelexzessen und Demütigungen seines Vaters litt, nicht verraten hatte. Auch wenn er dem Kronprinzen davon abriet, war er ihm als Freund bei den Vorbereitungen zur Flucht behilflich und wollte ihn später an einem sicheren Ort treffen. Das wurde ihm als Desertion ausgelegt. Dass er nicht mit Zangen zerrissen, sondern bloß geköpft wurde, rechnete sich der König als Gnade an. Katte wurde 26 Jahre alt. Friedrich, 18-jährig, wurde gezwungen, bei der Hinrichtung von einem Fenster der Gefängniszelle aus zuzuschauen. Experten streiten darüber, ob er rechtzeitig in Ohnmacht gefallen ist.

Preußentum bedeutete Erziehung mit dem Stock und Austreibung der Seele

Wer nun wie Michael Roes einen historischen Roman aus diesem Stoff macht, muss damit leben, dass nicht nur das Ende, sondern auch der Ablauf der Ereignisse gegeben ist. Spannung kann er also allenfalls aus dem inneren Erleben der Figuren und der Auffächerung der Ereignisse entwickeln. Dabei ist jedes Erzählen bereits eine Interpretation. Und so erleben wir die Tragödie von Katte und Friedrich hier ganz eindeutig als homoerotische Liebesgeschichte oder doch zumindest als Begegnung, bei der "beide Leiber tun, was sie wollen", und es sind diese Momente nächtlicher Zärtlichkeit, die aus dem harten Dasein des Soldatentums herausleuchten. Nur so, um diesen Skandal aus der Welt zu schaffen, ist die unversöhnliche Härte des Königs und Vaters zu begreifen. Er, der selber nichts als seine Soldaten liebte, hasste die "feminisierten", musischen Züge an seinem Sohn. In Katte richtete er dessen angeblichen Verführer hin. Das macht aus Katte heute einen Märtyrer der schwulen Sache - so jedenfalls die durchaus nachvollziehbare Sichtweise von Michael Roes in dem großen Roman "Zeithain".

Roes erzählt die gesamte Biografie Kattes und macht aus dieser Lebensgeschichte ein wahres Breitwandepos. Eindrucksvoll schildert er die Kindheitsjahre im brandenburgischen Ort Wust nahe der Elbe, wo Katte von seinem Vater auf ähnliche Weise drangsaliert und halb tot geprügelt wurde wie dann auch Friedrich. Preußentum bedeutete Erziehung mit dem Stock und Austreibung der Seele. Katte wehrte sich, indem er seinen Körper als Rückzugsraum für sich entdeckte, erste kleine erotische Erlebnisse mit den Dorfjungen inklusive. "Das Körperliche liegt tief im Geist verborgen", heißt es an einer Stelle. "Zunächst scheint es, als sei der Körper von Natur aus dem Erzählten ferner als der Geist. Aber das Gegenteil ist wahr: Das Körperliche erst gibt dem Erzählten Tiefe, Fasslichkeit und Bedeutung." In diesem Sinne schreibt Roes eine Geschichte der Körper oder besser: des Leiblichen. Darin eingeschrieben ist im Falle Kattes das ganze Leiden und die schwer erkämpfte Lust - bis hin zum frühen Tod unter dem Schwert.

alte und der junge König, Der

Kronprinz (Werner Hinz, re.) und Katte (Claus Clausen) im Historienfilm „Der alte und der junge König“, 1935.

(Foto: ddp images)

Abschnitt für Abschnitt folgt Roes der Spur des Körpers und all den Spuren, Narben, Wunden, die sich am Leib abzeichnen. In den Franckeschen Anstalten in Glaucha bei Halle, die wohl zu Unrecht im Ruf des Reformerischen standen, wurde die väterliche Zucht auftragsgemäß weitergeführt. Die pietistische Gnadenlosigkeit mit Essensentzug und Dunkelhaft nahm auch so manchen Todesfall in Kauf. Weitere umfängliche Kapitel führen zum Studium nach Königsberg, auf eine lange Kavaliersreise quer durch Europa und schließlich zum Militär bei den "Gens d'armes" in Berlin. In London erlebt Katte seine schwule Erweckung, als er eine Nacht mit einem tätowierten, narbengezeichneten Seemann verbringt. Darauf begibt er sich zu einem Tätowierer, von dem er sich das Familienwappen, eine schwarze Katze, in den Oberarm stechen lässt.

Bis dann endlich Friedrich als Kronprinz ins Spiel kommt, sind schon fast 600 Seiten um. Das geht nicht ganz ohne Durststrecken ab, aber immer wieder gibt es atemraubende Passagen und unvergessliche Episoden. Aus der moralischen Strenge und provinziellen Enge, aus militärischem Drill und der überlebensnotwendigen Sehnsucht hinaus ins Offene entstehen eine zerrissene preußische Seelenlandschaft und ein gewaltiges Zeitpanorama. Kunst führt darin allenfalls ein Schattendasein im Untergrund. Das Flötenspiel, das ihn mit Friedrich verbindet, wird Katte von seinem Vater verboten. Doch Besuche bei Bach in Coethen und bei Händel in London lassen in der Weite der im Erzählen hörbar werdenden Musik eine Gegenwelt erahnen, einen Zufluchtsort, der für den Soldatenkönig in den Bereich des Dunklen, Gefährlichen gehören muss.

Michael Roes: Zeithain. Roman. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2017. 804 Seiten, 28 Euro. E-Book 22,99 Euro.

Der erzählerische Kniff, den Roes anwendet, ist eine Rahmenkonstruktion, die einen Ich-Erzähler in unserer Gegenwart installiert. Dieser Philip Stanhope ist ein ferner Nachfahre, der, aus England kommend, all die Orte aufsucht, die in Kattes Leben eine Rolle spielten. So nähert sich Roes seiner Figur an und kann auf dem Umweg über diesen Erzähler dann tatsächlich Katte selbst in der Ich-Form und im Präsens sprechen lassen - und zwar durchgängig bis zum finalen Moment, in dem das Schwert sein Genick trifft.

Zu den fantastischen Momenten zählen die Geburt eines Kojoten und eines dämonenhaften Engels

Das ist möglich als Fiktion in der Fiktion, oder, wie Philip Stanhope es formuliert, als "eine Art Annäherung, eher eine Preußenfantasie als eine Recherche". Er vertraue dabei ganz "der ureigenen menschlichen Fähigkeit der Empathie". Das bedeutet nicht, dass Roes nicht sehr genau recherchiert hätte. Es gibt ihm aber die Freiheit, die einzelnen Lebensabschnitte in der Tiefe auszuloten und Katte aus seinem Erleben heraus Sprache werden zu lassen. Er benutzt dafür einen dem 18. Jahrhundert angemessenen, gravitätischen Stil, ohne aber die damalige Sprechweise nachzuahmen. Das ist durchweg gut zu lesen wie ein großer Abenteuerroman, der in ferne Länder führt. Schwächen hat der Roman allenfalls in den zu ausführlich geratenen Reisebeschreibungen und in der nicht wirklich ausgeführten Rahmenhandlung. Da bleibt der Versuch, dem historischen Roman nicht nur eine Gegenwartsebene entgegenzustellen, sondern die "Preußenfantasie" Stanhopes mit Elementen des fantastischen Schauerromans zu kontern, auf halbem Wege stecken.

Sicher: Stanhope soll selbst eine Geschichte und Kontur bekommen. Dass er im Berliner Hotel ein Bettlaken vollblutet, das dann zum Kunstobjekt wird, mag noch hinnehmbar sein. Die Geburt eines Kojoten und eines dämonenhaften Engels durch ein sterbendes Tier im Tiergarten, führt dann aber in surreale Dimensionen, deren Funktion sich nicht wirklich erschließt. Nicht die Wunder sind das Problem, sondern die Unentschlossenheit, in der dieser Handlungsstrang versickert.

Leseprobe

Und wenn Stanhope dann auch noch mit der schwulen Vergangenheit seines Vaters als britischer Besatzungssoldat in West-Berlin konfrontiert wird, droht der Roman in schwule Erbauungsliteratur abzukippen. Aber das sind nur kleine Einwände gegen ein gewichtiges Buch mit großem erzählerischen Atem. Hans Hermann von Katte wird damit wieder zum Leben erweckt. Das sind wir ihm schuldig.

© SZ vom 11.08.2017

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