Deutsche Gegenwartsliteratur Breite Augen

In "Tage mit Ora" spendiert Michael Kumpfmüller einem frisch verliebten Paar einen Trip durch Kalifornien. Aber die bösen Geister machen ihnen einen Strich durch die Rechnung. Und dem Autor des Romans auch.

Von Hubert Winkels

Liedern lauscht man ergriffen, mitgerissen oder betört, wenn sie einen unvermittelt ins Mark treffen. Man summt sie mit, man tanzt, oder, am besten: Man singt sie mit, oder, am allerbesten, man singt sie zu zweit mit. Das gehört zu den Herrlichkeiten des Lebens. Des Lebens, und nicht des Schreibens oder Erzählens. Denn die Herrlichkeit des Lebens gehört zur Sphäre des Unsagbaren. Übersetzt in Prosa ist die Herrlichkeit hin, im besten Fall ist sie eine herrliche Prothese.

Michael Kumpfmüllers neuer Roman "Tage mit Ora" folgt einem Popsong. Zwei nicht mehr ganz junge Liebende hören ihn unterwegs auf ihrer Reise im Fiat 500 X City Look. Sie fahren die amerikanische Westküste hinunter, grob gesagt von Seattle im Norden bis San Diego an der mexikanischen Grenze, und nach einem Abstecher Richtung Phoenix, Arizona, nach Los Angeles zum Flughafen. Diese Reise erzählt der Roman, die Reise möchte er sein. Die Orte, an denen der Ich-Erzähler und seine Geliebte Ora haltmachen, sind nicht die genannten Großstädte, sondern abgelegene Kaffs in der Nähe, die sie nur aus ihrem Lieblingssong kennen: "June on the West Coast" heißt er. Der melancholische Pop-Lyriker Conor Oberst singt darin von Natur, Jahreszeiten, Tod und Liebe in Winnetka, Mesa, Olympia, San Diego. Seine Band heißt Bright Eyes, und man muss deshalb leider öfter an den gleichnamigen Song von Art Garfunkel denken, auch wenn Song und Roman so kitschig denn doch nicht sind, obwohl beide mit eben dieser Verführung zum Gefühligen schwer zu kämpfen haben. Es ist recht eigentlich ihr Thema. Der lange Text des Songs, die Lyrics also, beenden übrigens den Roman; der dadurch auch so etwas wie einen Wettstreit bietetˋ - wer wohl am besten sänge - zwischen Prosa, Lyrik und Gesang.

„I spent a week drinking the sunlight of Winnetka, California / Where they understand the weight of human hearts“ – so beginnt der Lieblingssong des Erzählers und seiner Geliebten. Sie reisen zu den Orten, die sie aus dem Lied kennen, auch nach Winnetka in der Nähe von Los Angeles.

(Foto: Stephanie Diani/ Bloomberg)

Ora also und der Ich-Erzähler im Fiat. Sie ist Mitte vierzig, er Mitte fünfzig, beide vom Leben gezeichnet, nein: beschädigt. Sie haben sich, bedeutungsreich, auf einer Hochzeit kennengelernt und büxsen bei erster Gelegenheit aus ins Land der Liebe, das bekanntlich nicht von dieser Welt ist: die Insel der Seligen, der Wald bei Athen in Shakespeares "Sommernachtstraum", Kythera, die Insel der Aphrodite, oder eben Olympia bei Seattle bei den Bright Eyes.

"Niemand ist eine Insel", heißt es bei John Donne. Seit einigen Jahrhunderten Liebe als Passion könnte es ergänzend heißen: Nur Liebende sind eine Insel. Doch wer das Glück und die Herrlichkeit dieser Insellage erzählen will, der bekommt es mit echten Problemen zu tun, solchen des Lebens und solchen der Literatur. Denn das Schönste ist das Nicht-Sagbare, weil: der Nicht-Aufschub, die erfüllte Gegenwart. Die Dramaturgie des Lebens schreibt der Liebe die Endlichkeit und damit den Tod ein. Gute Literatur verdeckt diesen Riss selbst in ihren luftigsten Versuchen nicht, weder in Tucholskys "Rheinsberg" noch in Max Frischs "Montauk". Und auch Kumpfmüller tut das nicht, aber er ist doch so sehr ein Erzähler nach der Moderne, dass er dies vorzüglich im Zitieren von anderer Literatur nicht tut. Und er vermeidet es durch seine unaufdringliche, aber intrikate Erzählperspektive.

Doch zuerst zum Trip der Liebenden: Wir folgen dem Blick des verliebten Ich-Erzählers, der nicht so richtig weiß, wer er selbst ist. Erst recht nicht, seit ihn seine erfolgssüchtige Ehefrau Lynn Knall auf Fall verlassen hat. Lynn, wir erinnern uns, hieß die Begleiterin Frischs bei der Reise an der amerikanischen Ostküste, nach Montauk. Und die Geliebte des Innenministers in Kumpfmüllers Roman "Nachricht an alle".

Lynn, das Gestern, hat schlechte Karten im Roman, Ora, die reine Gegenwart, die guten. Wenn sie lacht, ist alles gut, löst sich alle Qual, die war, in herrlichste Jetzigkeit auf. Man darf das Motiv mystisch nennen. Denn Kumpfmüller verstreut die Spuren des religiösen Verlangens so überdeutlich im Text, dass der Genuss der Vereinigung und des Augenblicks fast ohne Scham ins Göttliche gezogen werden kann. Ora ist auch der Imperativ von orare, beten, und der Roman ein Song für die Angebetete, eine Beschwörung. Nachts, wenn sie über gefährliche Klippen ins dunkle Wasser steigt und heraus, heißt es: "Puh, machte sie. Oh, der Mond. Die junge Göttin im Mond, so sah sie aus, wenn Sie verstehen." Das ist in leichtem Ton verpackt, doch man kann nicht nicht an Botticellis "Geburt der Venus" denken. Überhaupt ist dieses Liebeslied ein heidnisch frommes, wie soll es anders sein in "the sun of Winnetka, California / Where they understand the weight of human hearts".

Doch auch Ora ist eine Beschädigte. Sie hat einen Sohn zu Hause, Jasper, und einen Mann, der nicht mehr da ist. Und nicht zu überlesen ist, dass unsere Liebenden sich auf der initialen Hochzeit vor allem füreinander interessiert haben, weil sie dieselben Tabletten regelmäßig nehmen, starke Psychopharmaka, Antidepressiva, damit sie sich so fühlen wie die normalen Leute, die diese nicht nehmen, wie es heißt.

An dieser Stelle offenbart der Roman eines seiner beiden Risiken. Das erste ist die Nähe zur Idylle, zu ihrer Überzeichnung im Pathos. Wo Tucholsky der Gefahr im rauen Slang begegnet, bemüht sich Kumpfmüller um höhere Ironie, Reflexion und plötzliche Wendungen ins Lapidare. Das gelingt ihm im großen Ganzen. Schwieriger wird es beim zweiten Risiko, das von den aufgerufenen Beschädigungen ausgeht. Deren Darstellung könnte ja auch vom Pathos entlasten. Kumpfmüller aber hat sich etwas mickrig für kursorische Reprisen einiger pathologischer Symptome entschieden. So hat sein Ich-Erzähler - er ist wie Ora in psychologischer Betreuung - eine Sehnsucht, von Balkonen oder Brücken zu springen, ist also chronisch suizidgefährdet. Kein Höhepunkt ohne Absturzlust.

Ora wiederum sieht immer mal wieder the beast, die chimärische Verkörperung der Depression. Die beiden können das sogar wechselseitig erkennen und anerkennen, doch es wird daraus nicht mehr als ein allzu flüchtig gesetzter Kontrapunkt zum lovegame. Von da ist es nicht weit zur eigentümlichen Erzählperspektive des Romans. Der Ich-Erzähler adressiert sein Reden immer wieder an eine konkrete Person oder Instanz, die er aufzuklären gedenkt, der die Intensität seiner Liebesgegenwartsbeschreibung gilt. Möglich, dass es (auch) schlicht die Leser sind, gewiss ist es die Psychotherapeutin, die ihn seit Langem behandelt und ihn durch seine Liebesunglückswirren zu navigieren sucht.

Zu Beginn des Romans erinnert sich der Erzähler daran, dass diese Therapeutin, sagen wir kurz: sein institutionelles Über-Ich, eher unterschwellig seine neue Liebe mit Ora nicht gutheißt, was er übersetzt in: "Sag Nein zu ihr, flüsterte sie. Sie ist nicht gut für dich, ich bin für dich gut; du darfst mit dieser Frau nicht reisen, reise lieber weiter mit mir." Sie will ihm Lebensmut machen mit Nein-Sagen und für das Nein-Sagen. Blöderweise tut der Patient das Gegenteil und übt sich ins Ja-Sagen: Dieses Ja-Sagen ist der Roman. Und er ist auch ein Sendschreiben an die Therapeutin und die Gesellschaft, die sie verkörpert. Sie wollen ihn als kritisch- skeptischen Zeitgenossen, nicht weggetreten in love.

Die Liebesglück-Roadnovel hat, durch gute Dialoge, witzige Aperçus und gelegentliche Selbstironie mitreißende Züge. Gut und einfach gebaut ist sie auch: dreizehn Tage, dreizehn Orte / Strecken, dreizehn Kapitel. Manchmal überstrapaziert Kumpfmüller die Motive transzendenten Sehnens, oft gelingt ihm aber der unbedingt gewollte leichte Ton. Nur die Überwindung der Schwerkraft der beschädigten Normalverhältnisse inszeniert er zu schematisch. Die depressiven Figuren des Nein sind in den kalifornischen Glückskindern so gut wie ausgelöscht. Es findet weniger eine Verwandlung als eine Abkehr vom alten Leben statt. Deshalb muss man am Ende um die Rückkehrer aus Los Angeles fürchten. Unter der Sommer-Sonnen-Liebesgeschichte schlägt dann doch "my so badly broken heart" (Bright Eyes).