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Deutsche Gegenwart:Pudel in Warnwesten

Marion Poschmann

Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, lebt heute in Berlin. Für ihren Roman „Die Kieferninseln“ erhielt sie den Klopstock-Preis.

(Foto: dpa)

Marion Poschmann ist mit dem Gedichtband "Geliehene Landschaften" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Parallel dazu sind Essays von ihr erschienen.

Von Tobias Lehmkuhl

In welcher Reihenfolge soll man das lesen, erst den Essayband, dann die Gedichte? Oder umgekehrt? Lesen wir zuerst die "Mondbetrachtung bei mondloser Nacht", bevor wir zu den "Geliehenen Landschaften" greifen, dem Band, mit dem Marion Poschmann für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Auch wenn das möglicherweise - und ganz zu Unrecht - so wirkt, als seien die Essays ein Hilfsmittel zum Verständnis ihrer Lyrik.

Und schon ist dieses unglückselige Wort wieder gefallen: verstehen! Als seien Gedichte komplexe Rechenaufgaben, die sich lösen ließen und ein klares Ergebnis zeitigten. Eher schon handelt es sich bei den vorliegenden wie bei allen guten Gedichten um eine fremde Sprache, in die man sich nach und nach einhören kann, die aber immer auch Wörter und Wendungen, Bilder und Bezüge enthält, die sich nie ganz erschließen lassen, dunkle Flecken, die es braucht, um den Blick für die Ränder zu schärfen, Konturen stärker hervorzuheben, Kontraste zu schaffen.

Inmitten des Reichtums an Anspielungen und Anschauungen überrascht diese Leichtigkeit

Gedichte versprechen weniger Erkenntnisse als vielmehr Erlebnisse, überraschende Erfahrungen. Sinn ist in ihnen keine Frage der Einzahl. Es geht immer um Sinne. Das Gedicht: Ein Netz aus zahllosen kleinen Wahrnehmungsfäden, ein Gebilde aus lauter Knotenpunkten. Und was die Essays angeht: Man weiß häufig erst hinterher, worauf sie einen hätten vorbereiten können. So stellt Marion Poschmann unter dem Titel "Landleben" fest, dass sich Künstlerhäuser und andere Schriftstellerdomizile immer fernab von Städten, dafür in der Nähe von Atomkraftwerken befinden: "Man fragt sich: Ist dies ein seltsamer Zufall, weil sowohl der Schreibende als auch das Atomprojekt eine gewisse Abgeschiedenheit verlangt?"

Man hätte also darauf gefasst sein können, dass man auch bei der Lektüre von Poschmanns Gedichten immer wieder lachen muss, beispielsweise wenn in den "Textaufgaben der Logistik" von einer "Notversorgung mit Moltofill" die Rede ist und nach dem Vers "Du sitzt mit Haferflocken im Nachtzug" sich die Frage stellt: "Mit wie viel Packungen kommst du ans Ziel?" Ebenso wenn es angesichts von Kohleflözen heißt: "Was Wald war im Tertiär, stand schwarz und schwieg." Das schrammt freilich, wie die "Kekse des Philosophen" kurz nach einem Leibniz-Zitat, knapp am Kalauer vorbei.

Es zeugt aber auch von einer Leichtigkeit, die inmitten des Anspielungs- und Anschauungsreichtums, der Gelehrtheit und Selbstreflexivität dieser Gedichte immer wieder überrascht.

Was den Essays wie den Gedichten ebenfalls gemein ist: In ihnen geht es um Räume, um die Wirkung und Wahrnehmung von zumeist eng umgrenzten Räumen wie Gärten und Parks, um - wie der Titel des Essaybandes es schon andeutet - die Konstruktion von Räumen im Bewusstsein und also auch darum, inwieweit Räume "wirklich" sind oder immer nur abgeleitet - "Geliehene Landschaften".

Geliehene Landschaften, das sind laut einem chinesischen Gartenhandbuch aus dem Jahr 1631, bestimmte Elemente, die nicht unmittelbar zum Garten gehören, seine Wirkung aber steigern - umliegende Berge etwa, Pagoden, ja selbst Regen kann ein solches Element sein, eine geliehene Landschaft.

Poschmann nun hat sich für ihre Gedichte eine ganze Reihe eng umgrenzter Landschaften ausgeborgt und in neun Zyklen à neun Gedichten zu dem vorliegenden Band vereinigt: den "Bernsteinpark Kaliningrad" etwa, den "Kindergarten Lichtenberg" oder den "Coney Island Lunapark". Angesichts der großen Rolle, die Parks und Gärten in der ostasiatischen Ästhetik spielen, dürfte es nicht überraschen, dass Kyoto, Matsushima oder Shanghai ebenso wie die Tradition der chinesischen Gelehrtensteine oder der japanische Steingärten eine große Rolle spielen.

Außerdem hatte ja schon die "Mondbetrachtung bei mondloser Nacht" darauf vorbereitet. Hier berichtet Poschmann von ihrem Aufenthalt im Stift Fischbeck und dem dazugehörigen Abteigarten, von einem Ausflug zum Moosgarten im japanischen Kokedera und von ihrem Besuch im Trockenlandschaftsgarten Ryoan-ji, einem Garten, in dem lediglich einige größere Steine inmitten eines zu Wellen geharkten Kiesbetts liegen.

Der fünfhundert Jahre alte Ryoan, schreibt Poschmann, bedeute nichts Bestimmtes, er müsse nicht erklärt werden, man benötige kein Vorwissen. Die Steine bildeten eine ästhetische Konstellation, die absichtslos wirke, spontan und zufällig, womit im Grunde die künstlerischen Neuerungen der Moderne vorweggenommen würden.

Man ist versucht, diese Beschreibung auch als Anleitung für Poschmanns eigene Gedichte anzusehen, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Die Leere, das große Nichts, das in der japanischen Kunst, namentlich im Nō-Theater immer wieder umkreist wird, sowie die starke Rolle des rein Gestischen stehen der bunten Vielgestalt von Poschmanns Versen durchaus entgegen: "Chrysantemenchruschtschow", "Gullyglück", "Erkenntniskrücke" - von einem Ideal der Einfachheit kann hier wahrlich nicht die Rede sein: "Knäckebrotleicht schnappen / Pudel in Warnwesten nach der wirbelnden Luft." Hundert Jahre nach den legendären Nächten im Cabaret Voltaire klingt in Poschmanns Gedichten eine Verwandtschaft mit dem Dadaismus, auch dem Surrealismus an: "Bei uns kommen Bäume ausschließlich / in kleinen Dosen ins Haus", "Denke dich als Traum eines Baums". Die klassische Form des Haiku dient hier vor allem der Persiflage: "Bashos Grab in Otsu: / Mücken / nur Mücken!"

In einem ihrer Essays berichtet Poschmann von der Entstehung ihres ersten Gedichts: Zu Studienzeiten sei sie mit dem Fahrrad durch Bonn gefahren, gesenkten Kopfes, unter ihr glänzte der Asphalt, und da sei dieses erste Gedicht mit aller Macht über sie gekommen. Sie habe angehalten und habe es auf einem Zettel notiert. Seither wundere sie sich, dass das Wort "Inspiration" aus den Poetiken der Gegenwart verschwunden sei.

Was freilich nicht bedeutet, dass es sie nicht mehr gibt. Poschmanns Gedichten in "Geliehene Landschaften" merkt man auf jeden Fall das Vertrauen in die eigenen Bilder und Beobachtungen, in die eigenen Einfälle und die eigene Sprache an, den Mut, rätselhafte Elemente einzubringen, ein Bewusstsein für die Form zudem, ohne dass je formale Elemente die Oberhand gewönnen. Dass sie Sonette schreiben kann, hatte Poschmann schließlich schon in "Geistersehen", ihrem letzten Band, bewiesen.

Trotz der klaren Anordnung von neunmal neun Gedichten, trotz der fast konzepthaft anmutenden Thematik, und obwohl im Untertitel von "Geliehene Landschaften" geradezu streng "Elegien und Lehrgedichte" angekündigt werden, geht die Fahrt mit Poschmanns Versen stets ins Offene. Denn am Ende weisen Garten und Park doch über die eigenen, engen Grenzen hinaus, und zurück auch in eine Zeit, als alles noch Garten, Paradiesgarten war, ein einziges Versprechen. Selbst wenn es im vorletzten Gedicht des Bandes heißt: "Sie haben ihr Ziel erreicht" geht es, da soll man sich nicht täuschen lassen, immer noch weiter: "Du findest hier den Mut zur Lücke (auch / in Gelb erhältlich) und überall Parkmöglichkeiten."

Marion Poschmann: Geliehene Landschaften. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 126 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 16,99 Euro. Marion Poschmann: Mondbetrachtung bei mondloser Nacht. Über Dichtung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 224 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 15.03.2016
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