Deutsch im Grundgesetz:Fehlendes Selbstbewusstsein

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Man muss sich nicht aufregen über die Forderung, die deutsche Sprache ins Grundgesetz zu schreiben. Es wäre nur ein wenig lächerlich.

Heribert Prantl

Nein, man muss sich nicht aufregen über die Forderung, die deutsche Sprache ins Grundgesetz zu schreiben. Es wäre also nicht weiter schlimm, wenn künftig etwas so Selbstverständliches im Artikel 22 stünde, gleich hinter der Bundesflagge "schwarz-rot-gold". Es wäre nur ein wenig lächerlich.

Ueber 40.000 Unterschriften fuer Deutsch in Verfassung uebergeben

Sie wurden am Dienstag Nachmittag dem Bundestagspräseidenten Norbert Lammert übergeben: Mehr als 40.000 Unterschriften, gesammelt vom Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA), dem Verein Deutsche Sprache (VDS) und der Bild-Zeitung, sollen den Bundestag dazu veranlassen, über eine Verankerung der deutschen Sprache im Grundgesetz zu beraten.

(Foto: dapd)

"Die Sprache in der Bundesrepublik ist Deutsch". Was sonst? Stünde es schon seit 60 Jahren so in der Verfassung, dann wäre das halt so überkommen aus einer Zeit, in der so wenig selbstverständlich war. Heute einen solchen Satz ins Grundgesetz zu schreiben, wäre ein Zeichen von fehlendem Selbstbewusstsein und von rührender Furchtsamkeit.

Für Gerichte und im Verkehr mit Behörden ist das Deutsche ohnehin in den Gesetzen vorgeschrieben. Natürlich ist die Sprache in Deutschland weder Englisch noch Türkisch. Aber wer das aktuell so betonen muss, zeigt eigentlich nur, dass er gewisse Zweifel daran hat.

Sprache ist aller Integration Anfang. Daher ist Deutsch in den Kindergärten und Schulen viel wichtiger als im Grundgesetz. Ein Satz im Grundgesetz ersetzt keinen Platz im Sprachkurs. Es geht nicht darum, das Selbstverständliche ins Grundgesetz zu schreiben, sondern dafür zu sorgen, dass es selbstverständlich ist und bleibt.

Das erreicht man nicht mit einer neuen Grundgesetzformulierung, sondern mit einer klugen Integrationspolitik. Und um der Bahn den "meeting point" auszutreiben, braucht man kein Grundgesetz, sondern nur einen BahnVorstand, der halbwegs bei Verstand ist.

Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste. So hat einst Karl Kraus gespottet. Die Forderung, Deutsch ins Grundgesetz zu schreiben, gehört zur seichten Rede.

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