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Ostdeutschland:Unzufrieden mit dem Volk

Leipzig will Revolutionsruf ´Wir sind das Volk" weiter schützen

Leipzig, 12. März 1990 - kurz vor der Volkskammerwahl.

(Foto: dpa)

Detlef Pollack besichtigt Protest- und Unmutskultur von der Selbstermächtigung bis zum Ressentiment.

Von Steffen Mau

Der "Fall Ostdeutschland" ist nach wie vor ein offenes Deutungsfeld. Neben Stolz auf das Erreichte meint man ein Murren und Grollen zu vernehmen, das nicht verstummen will. Mindestens seit Pegida ist der Osten auch politisch zur Problemzone geworden. Was geht da vor? Sind die Ostdeutschen ein "unzufriedenes Volk"?

Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Universität Münster, verzichtet schon im Titel auf das Fragezeichen. Er besichtigt die Protest- und Unmutskultur von der Friedlichen Revolution über die Deutsche Einheit bis hin zur ostdeutschen Teilgesellschaft im Hier und Jetzt. Sein Spannungsbogen führt von der Selbstermächtigung zum Ressentiment.

Im ersten Teil seines Buches setzt er sein bereits seit Monaten schwelendes Fernduell mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk über die Frage fort, wer die Trägerschicht der Friedlichen Revolution gewesen sei, die mutigen Bürgerrechtler oder das Volk. Stand die Masse "hinter der Gardine" (Kowalczuk) und schaute zu, oder war das Volk auf der Straße und stürzte die Macht (Pollack)? Pollack zieht fünf mikrohistorische Fallstudien über ostdeutsche Städte heran, um die vom "Volk" ausgehende Demonstrationswelle zu rekonstruieren und stuft den Beitrag der oppositionellen Gruppen zu den Massenprotesten als "bescheiden" ein. Stattdessen seien die grassierende Unzufriedenheit und die Ausreisebewegung als Antriebsfaktoren festzumachen. Seine These wird in diesen Studien unterfüttert, doch bleibt manches zugleich unerschlossen. Protestnetzwerke entfalten ihre Wirkung oft über den organisatorischen Kern hinaus, auch die Rolle des Westfernsehens bleibt undeutlich. Der Zuschreibungsstreit krankt an einer allzu schroffen Gegenüberstellung zwischen oppositionellen Gruppen und "den Leuten". Man darf vermuten, dass Pollack und Kowalczuk über ein Unentschieden nicht hinauskommen werden.

Der Vorwurf: Auch ohne akute materielle Not habe man sich in der Kränkung eingerichtet

Um die Einheit selbst und die heutige Gemütslage der Ostdeutschen geht es in den anderen Teilen des Buches. Beim Weg in die Einheit hätten sich die Bürgerrechtler ins Abseits manövriert, da sie den Willen des Volkes nicht anerkannten. Alle Einheit, so Pollack, ging vom ostdeutschen Volke aus. Dass Kohl sich nach anfänglichem Zögern darauf einließ - eine große Geste. Dass die Westdeutschen, die man nicht eigens befragte, mitmachten - müsse man ihnen hoch anrechnen. Dass aber Kohl, politisch schon auf der abschüssigen Ebene, die Einheit als Chance der Fortsetzung der Kanzlerschaft ergriff, dass es zur Staatsraison der Bundesrepublik gehörte, auf die Herstellung der Deutschen Einheit zu setzen, wird zum Randgeschehen.

Wie das nationale Lametta und die Beschwörung eines ethno-nationalen Gemeinschaftsgefühls andere ausschloss und zum Substitut einer stärker demokratisch-partizipativen Flankierung der Einheit wurde, interessiert den Autor wenig. Seitenblicke und Interpretationsvorteile des Zurückschauens bleiben von Pollack ungenutzt.

Weite Teile des Buches sind solide Arbeit am Gegenstand, zeigen Stimmungslagen, rekonstruieren Prozesse, geben nacherzählend Einblicke in die Umbruchszeit. Die Analysen bestätigen Befunde jüngerer Forschung, an manchen Stellen nuancieren und vertiefen sie diese, über einige Interpretationen kann man sich streiten. Belegt wird noch einmal, dass es nach der übergroßen Zustimmung zur Einheit einen schnellen Stimmungswandel gab, vom Schock des Überfordertseins bis hin zum unlauteren Kolonialisierungsvorwurf. Zwar seien die meisten Ostdeutschen nunmehr "angekommen", wirtschaftlich zufrieden und keine Nestbeschmutzer der Demokratie, doch hätten sich Ressentiment und selbstverkennende Deprivationsgefühle eingeschlichen. Auch ohne akute materielle Not habe man sich im Osten in der Affektlage der Kränkung eingerichtet.

Das Buch durchziehen argumentative Eigentore, nicht selten dominiert der Ton der Belehrung. "Volk" ist, so räumt Pollack ein, ein problematischer und amorpher Begriff, aber er benutzt ihn doch. So wird ein Kollektivsubjekt konstruiert, um dessen Dekonstruktion es eigentlich gehen müsste. Der Leser erfährt, dass man die Ostdeutschen nicht essentialisieren dürfe, was aber dann doch getan wird. Beispiele wie der Ex-Politiker Günther Krause oder das Nacktmodel Micaela Schäfer halten her, um die Mischung aus "unreflektierter Unbedarftheit" und "unangepasster Dreistigkeit" prominenter Ostdeutscher zu beklagen. Die ironische Distanz und das Auftreten der Kanzlerin sind hingegen - da ist Pollack sich sicher - nicht typisch ostdeutsch. Das Buch kann sich nicht entscheiden, was es sein will, nüchterne Darstellung oder volkspädagogische Schrift, und stolpert so durch seine Themen.

Kritik am Prozess der Wiedervereinigung lässt der Autor nicht gelten: gewollt, bekommen. Allenfalls hätte man diesen etwas weicher gestalten können. Dass nun die allermeisten zufrieden sind, sollte Grund für Freude und Dankbarkeit sein. Die Analyse der Fehler der Wiedervereinigung, soweit sie überhaupt vorkommt, fällt hinter den Stand der Diskussion zurück. In den Wirtschaftsteilen großer Tageszeitungen und den Äußerungen der Spitzenpolitik - nicht zuletzt von Wolfgang Schäuble - hat man in jüngster Zeit reflektiertere Meinungen vernommen. Erfahrungen, Kultur, Mentalitätsprägungen und Ungleichheiten erwähnt Pollack zwar, möchte sie aber nur bedingt gelten lassen. Zu den Repräsentationslücken durch das ostdeutsche Elitendefizit oder zu ungleicher Vermögensakkumulation sagt er so gut wie nichts. Dass der Osten im Westen vor allem Kosten verursacht hat, nimmt er als gegeben und übersieht die westdeutschen Gewinne der Einheit durch Privatisierung und Marktöffnungen nach Osten.

Immer wieder vergibt Pollack Haltungsnoten und schmollt dem Volk, wenn es nicht so will, wie er denkt und meint. Dass sich der Autor einmischt, darf man ihm nicht verübeln, aber die Vehemenz des Urteils verwundert schon. Immer wieder kippt das Deutend-Verstehende ins Vorwurfsvoll-Urteilende ab. Manche Passagen lesen sich so, als mokiere sich ein Satter über die Tischmanieren der Hungrigen. Am Ende bleibt der Autor, der das Volk in seinem Mut (Friedliche Revolution) und seiner Weisheit (schnelle Wiedervereinigung) erst lobt, unzufrieden. Aus dem Mut- und Weisheitskollektiv sei ein Jammerkollektiv geworden.

Besonders problematisch: Der oder die Ossi hält sich für moralisch überlegen. Wenn sich dann Gefühle der Zurücksetzung mit moralischem Triumphalismus paaren, ist der Volksdünkel nicht weit. Deshalb der Rat: Wir "Ossis" müssten, "bereit sein anzuerkennen, dass wir es lieben, uns zu beklagen, dass wir danach lechzen, beleidigt zu sein, dass unser Jammern ein probates Mittel ist, Berücksichtigung einzufordern." Diagnose: ein - möglicherweise absichtsvoll - falsches Bewusstsein zum Zwecke der eigenen Vorteilssicherung. Die Ostdeutschen wären dann clevere Akteure, die durch die Behauptung eigener Zweitklassigkeit eine Aufmerksamkeitsdividende erzielen. Opferstatus als Chance. "Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum" war ein im Osten gern bemühter Spruch der Neunziger. Pollack, so mutet es an, ist eifrig dabei, diesen Spruch, der auf die "ostdeutschen Füchse" selbst zielt, wiederzubeleben. Sind die Ostdeutschen ein "unzufriedenes Volk"? Vielleicht. Aber noch mehr spricht aus diesem Buch ein mit dem "Volk" unzufriedener Soziologe.

Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk. Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute. Transcript Verlag, Bielefeld 2020. 232 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 13.10.2020
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