"Destroyer" im Kino Das zweite Gesicht

Die Polizistin Erin Bell (Nicole Kidman) und ihr beeindruckender Unterkiefer.

(Foto: dpa)

Nicole Kidman spielt im Thriller "Destroyer" eine knallharte Polizistin. Leider achtet man als Zuschauer nur auf ihren Unterkiefer.

Von Tobias Kniebe

Etwas ist in diesem Film mit Nicole Kidmans Gesicht passiert. Es hat nicht mehr diese schmale, beneidenswert ebenmäßig ovale Form, die man zu kennen glaubte. Stattdessen wirkt es wie in die Breite gezerrt, als hätte jemand den Filmprojektor falsch eingestellt. Da das Bild aber ansonsten in Ordnung ist, beginnt man bald, sich Fragen zu stellen.

Wo kommt plötzlich dieser überbreite Unterkiefer her, so wuchtig, dass man Kokosnüsse damit zermalmen könnte? Vieles am Körper verändert sich, das ist schon klar. Aber der Unterkiefer ja nun eher nicht. Sollte es also Kidmans Plan gewesen sein, dass man bei jeder Großaufnahme über ihren Unterkiefer nachdenkt, dann geht diese Rechnung voll auf.

Aber das war wohl eher nicht so der Plan. Wahrscheinlicher ist, dass sie einfach einmal völlig anders aussehen wollte als die liebreizend ovale Nicole, die man zu kennen glaubt. Denn im Thriller "Destroyer" (Regie: Karyn Kusama) spielt sie eine extrem fertige Polizistin in L.A., die mit ihrem Leben beinah abgeschlossen hat.

Die Polizistin möchte Rache nehmen am Boss einer Rockergang

So jemanden kann man mit Nicole-Kidman-Gesicht nicht spielen, hat sie sich möglicherweise gesagt, genauso wie sie auch schon der Meinung war, dass man die Schriftstellerin Virginia Woolf mit einer Nicole-Kidman-Nase nicht spielen kann. Damals entschied sie sich, in dem Film "The Hours", für einen prothetischen Nasenhöcker. Hat sie sich diesmal für einen prothetischen Unterkiefer entschieden? Und: Gibt es das überhaupt, prothetische Unterkiefer? Fragen über Fragen.

Um das Bild der fertigen Polizistin komplett zu machen, trägt Kidman außerdem struppige, tabakfarbene Haare und tiefe tabakfarbene Augenringe. Sie humpelt mehr, als dass sie geht, und oft hält sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Unterleib. Selbst als medizinischer Laie vermutet man irgendwann schwere Probleme im Bereich Leber oder Niere, das wird aber nicht weiter ausgeführt. Denn die größten Probleme hat Erin Bell - so heißt Nicole Kidmans Figur in "Destroyer" - mit ihrer Vergangenheit.

Als Undercover-Cop, das erfährt man in zahlreichen Rückblenden, wurde sie einst in eine kalifornische Rockergang eingeschleust, zusammen mit einem männlichen Partner, der ihren Lover spielen sollte und dann auch ihr Lover wurde. Diese Gang verübte zahlreiche Banküberfälle. Aus Gründen, die in Richtung White-Trash-Herkunft gehen, entwickelte Erin Bell dann den Plan, selbst kriminell zu werden, zog ihren Partner mit rein und verschuldete seinen Tod. Außerdem hat sie von ihm noch eine Tochter, um die sie sich aber nie kümmern konnte. Die Tochter ist jetzt ein Teenager mit Hang zu Typen, die auf hart machen.

Man kann das alles recht nüchtern referieren, weil es nie die volle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die gehört nach wie vor diesem irrsinnigen, möglicherweise prothetischen, möglicherweise von einem brillanten Maskenbildner entworfenen Unterkiefer. Und wie Nicole Kidmann damit umgeht, also wie sie zum Beispiel mit ihm malmt, wenn sie in düsterer Stimmung ist, was sie praktisch immer ist. Außerdem investiert sie viel Energie in die Aufgabe, wechselweise sehr grimmig und sehr fertig zu schauen.

Nach und nach stellt sich heraus, dass Erin Bell im Grunde noch zwei Dinge vorhat. Sie möchte Rache nehmen an dem Boss der Rockergang, der immer noch gelegentlich Banken überfällt, und sie möchte etwas für ihre Tochter tun. Die Sache mit der Tochter packt sie dann dahingehend an, dass sie den Freund der Tochter, der ein bisschen auf hart macht, mit ihrer Polizeimarke und üblen Drohungen aus der Stadt jagt. In dem Moment tut einem die Tochter dann etwas leid, denn der Freund hatte sich - anders als die Mutter - durchaus um sie gekümmert. Anders gesagt: Man ist doch recht froh, wenn der Film irgendwann aus und die Zeit mit Erin Bell vorbei ist. Nur die Frage mit den Backenknochen, die bleibt.

Destroyer, USA 2018 - Regie: Karyn Kusama. Buch: Phil Hay, Matt Manfredi. Mit Nicole Kidman, Sebastian Stan, Toby Kebbell, Tatjana Maslany. Concorde, 122 Minuten.