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Design & Weihnachten:Mehr Lametta wagen

Okay, Weihnachten ist mittlerweile ein kollektives Kitschdelirium. Aber muss deshalb die Designszene gleich verrückt werden - und in absurde Askese flüchten?

Von Gerhard Matzig

Wenn man die aktuellen Empfehlungen der Wohnportale ernst nimmt, endet der Heilige Abend in zwei Wochen im Desaster. Vielleicht sogar auf der Intensivstation. Dorthin gelangt man, jedenfalls theoretisch, aufgrund des sinnlichen Entzugskomas, in das man angesichts der radikal minimalistischen, ja antiseptischen Adventsschmuck-Hervorbringungen der zeitgenössischen Interior-Branche fällt.

Sollte man also beim Aufwachen die Tristesse eines funktional in den Farben trauriger Stützstrümpfe eingerichteten Krankenzimmers erblicken: Man wird eine solche Szenerie angesichts der misanthropisch verstimmten Design-Hölle zu Hause nahezu umarmen. Gegen ein Weihnachten, das der erlesenen Askese der Less-is-more-Ästhetik entspricht, mutet die Notaufnahme fast schon wie ein Hort wunderkerzenfröhlicher und schokoherzlicher Gemütlichkeit an.

Das Weihnachtsfest also. Gemäß der Online-Wohn-Community "Houzz", die "pompös geschmückte Tische aus Großmütterchens Zeiten" als No-Go beschreibt, weil "der Trend zu dezenteren Arrangements geht", verbringen wir das Fest an einer "lässigen Weihnachtstafel ohne Tischdecke", deren Dekorum vornehmlich aus "Zweigen aus dem Garten" und unaufdringlichen Simpeltellern besteht. Die Teller sind von blauer Farbe - weil Blau angeblich "den Appetit zügelt". Bloß keine Kalorien, weniger ist mehr.

Das appetithemmende Ich-will-so-bleiben-wie-ich-bin-Design ist auch deshalb geboten, weil das Auge, das ja recht gern mitessen würde, nun bei Tisch irritiert auf die magersüchtigen Kerzen blickt, die man in alte Weinflaschen gesteckt hat, um doch noch irgendetwas Stimmungsvolles hervorzubringen.

Übrigens: Wann war das gleich noch mal, die Zeit, da die Kerze in einer mit Stroh umwickelten Chiantiflasche in der Geschmacksrichtung Lambrusco steckte, während man Amon Düül II hörte? Muss Mitte der Siebzigerjahre gewesen sein. Muss denn alles wiederkommen, auch das Elend des Unzeitgemäßseins?

Weg vom Trauma, zurück zum Weihnachtsessen. Klar ist, dass man schon angesichts eines Christbaumkugel-Sets, das sich "Festessen" nennt, aber nur aus drei weißen Kugeln besteht, die mit "Gans", "Rotkraut" und "Knödelchen" beschriftet sind, besser keinen Hunger haben sollte. In der Produktbeschreibung dieses Sets heißt es: "So sieht moderner Weihnachtsschmuck aus!" Wie eine Diät.

Oder wie die LED-Stehleuchte "Pine" in Form eines Weihnachtsbaums. Oder wie jene Weihnachtsbaum-Chiffre, die durch karge, hingetackerte Sterne an der sonst verwaisten Wand den Umriss eines Tannenbaums behauptet. "Diese Weihnachtsdeko", meint das Portal "Planungswelten", ist so "einfach wie wirkungsvoll". Wenn man jedoch keinen Weihnachtsbaum haben will, weil man einen Weihnachtsbaum nicht schön findet, wäre es da nicht noch einfacher und wirkungsvoller, einfach keinen Weihnachtsbaum zu haben? Aber dann fehlte ja das, weshalb man Weihnachtsschmuck unter dem Design-Diktat nur als ironisches Zitat oder geschmackvolle Mimikry handelt - es fehlte der Distinktionsgewinn.

Das ist das Motiv, das die neue kalorienreduzierte Schmucklosigkeit antreibt: Seht her, teilt das Setting aus Leere und Belehrung seiner Umwelt ungefragt mit, ich schmücke mein Zuhause, denn es ist ja Weihnachten, aber ich bin nicht derjenige, der auf den üblichen Kitsch-as-Kitsch-can-Wahnsinn reinfällt; ich bin derjenige mit Stil und Formempfinden.

Auf "Minimalistenfreun.de" liest sich das so: "Weihnachten ist so eine schöne Zeit ... Besinnlichkeit, zur Ruhe kommen, die Familie besuchen, Zeit mit den Liebsten verbringen ... und natürlich in der Adventszeit in eine geschmückte, heimelige Wohnung kommen. Da gibt es Weihnachtssterne, Nikoläuse, Deko-Figuren, rosa Schneemann-Familien, Räuchermännchen, LED-Lichterketten, Tannenbäume mit pompösem Schmuck, Krippen, Adventskränze, Kerzen, Lametta ... wir haben uns gefragt, ob es so etwas wie minimalistische Weihnachtsdeko gibt." Gibt es, Freunde, die richtige Frage ist aber: Wie entkommt man ihr?

Andererseits kann man auch verstehen, dass die Design-Abteilung, die naturgemäß nicht verwechselt werden will mit der Deko-Abteilung, nach Jahren des immer kitschiger und pompöser werdenden Weihnachtsfestes endlich zurückschlägt und mit Askese und Verweigerung dort aufwartet, wo der Nachbar gerade seinen illuminierten "Rentier-Schlitten mit Schneemann" im Vorgarten montiert. Aber noch erhellender als die "eingearbeitete Lichterkette (8 Watt)" ist es, nach dem wahren Grund der mehrheitlich betriebenen, vorweihnachtlichen Schmuckaufrüstung zu fragen.

Mittlerweile ist Weihnachten die konsumistische Rache des kleinen Mannes an der Moderne

Um zu begreifen, was da vor sich geht, ist das posthum herausgegebene Büchlein "Ornament und Verbrechen" hilfreich. Darin sind Schriften des 1933 gestorbenen Wiener Architekten Adolf Loos versammelt. Mit seinen legendären Bauten und Theorien ist Loos einer der wichtigsten Wegbereiter der Moderne. Besonders intensiv bekämpft hat Loos zeitlebens das, was ihm als historisierender, ja delirierender "Zuckerbäckerstil" in der Architektur galt. Und mit Blick auf jene Zeit ist auch nachvollziehbar, dass inmitten der wuchernden Erkerchen-an-Giebelchen-Architektur das Versprechen auf das aufregend Andere, auf reduzierte Strenge, wie ein Heilsversprechen ersehnt wurde.

Nackte Wände wirkten angesichts der wie mit dem Sahnesiphon aufgesprühten Baiser-Architektur der Städte als reinigende Entschlackungskur. In der Ära der Moderne sollte man hungern. Architektur, Design und Städtebau betrieben jahrzehntelang ein gnadenloses Detoxing. Was bald zu jener puristischen Architektur führte, die Tom Wolfe einmal als Schönheit der Insektizid-Siederei beschrieb. Der amerikanische Schriftsteller fühlte sich vom "sinnlichen Entzugskoma der Moderne" bedroht. Ihren fast schon krankhaften Hass auf die Tradition und Systematik architektonischer Schmuckformen fand er irregeleitet und hysterisch.

Etwas verkürzt könnte man also sagen: Nach einem Jahrhundert der gesamtgesellschaftlich verordneten Schmucklosigkeit, da jeder Anflug von Ornament schon als Verbrechen gilt, ist Weihnachten (abgesehen davon, dass es natürlich zuallererst ein religiöses Fest des Glaubens ist) auch so etwas wie die konsumistische Rache des kleinen Mannes an der Moderne. Es ist eine Auszeit von Purismus und Funktionalität. Es sind die Wochen, da man sich sagen darf: Ich schmücke, also bin ich.

Vielleicht wäre es ja umgekehrt sinnvoller? Umgebt uns wieder mit schmuckvollen Fassaden und lustvoll sich ins Ornamentale steigernden Stadtschönheiten, statt mit Pseudo-Bauhaus-Schuhschachtelskandalen. Gebt uns das Zuckerwerk zurück. Dann wollen wir an Weihnachten, dem großen Fest der Versöhnung, endlich einmal in uns gehen und allem eitlen Schmuck-Tinnef entsagen. Dann - und auch nur dann - werden wir die angenehm zurückhaltenden Beton-Weihnachtskugeln nur zu gern gegen die rosa Schneemann-Familie eintauschen.

© SZ vom 09.12.2017
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