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Design:Monumentales Sitzen

Eine Ausstellung in Paris untersucht, wie Architekten in den vergangen 60 Jahren Möbel entworfen haben.

Das Entwerfen von Möbeln, Lampen und sonstigen Alltagsobjekten gehört für nicht wenige Architekten fest zum Beruf. Nur scheint es oft, als bräuchten sie dafür einen theoretischen Legitimierungsschub. Jugendstil und Bauhaus propagierten die Formkohärenz vom Wohnraum bis zum Tafelbesteck. Auch Nachkriegsarchitekten haben es mit einzelnen Stuhl-, Tisch- oder Regalmodellen zur Berühmtheit gebracht. Gegenüber dem jeweiligen architektonischen Werk blieben diese Kreationen aber eher im Hintergrund. Der Sektor war allmählich zu einer Sache für Spezialisten geworden, Designer und Industrielle mit besonderen Markenlabels.

Detaillierte vergleichende Überblicke zu dem von Architekten entworfenen Objektdesign der vergangenen Jahrzehnte gibt es kaum. Dem wollte die Pariser Cité de l'Architecture et du Patrimoine abhelfen mit ihrer Ausstellung "Architektenmobiliar 1960 - 2020". Materiell und konzeptuell hat sie sich damit zwar etwas übernommen. Die Auswahl der 250 Exponate ist insgesamt weder repräsentativ noch erschöpfend. Dennoch zeigt sie interessante Aspekte dieses meistens nur an einzelnen Namen oder Ländern festgemachten Phänomens. Wie kommt es etwa, dass gewisse europäische Regionen wie Italien oder die skandinavischen Länder sich mehr als andere in diesem Bereich hervorgetan haben?

Die Pariser Ausstellung wagt dazu ein paar Hypothesen. Die Architekten Nordwesteuropas, so legt sie nahe, seien nach 1945 stark mit dem Wiederaufbau beschäftigt gewesen, wohingegen die Kollegen der nördlichen und südlichen Randgebiete sich aus Mangel an großen Bauprojekten eher den Alltagsobjekten zugewandt hätten. Klingt etwas schematisch, ist wohl aber nicht ganz falsch. Die Frage ist dabei nun aber nicht, ob Architektendesign ein besseres Design sei als das von Handwerkern und Industriezeichnern. Interessant ist vielmehr zu beobachten, wie sich der Zusammenhang zwischen Architektur und Design neuerdings umgekehrt hat. War das Mobiliar bisher meistens eine Verlängerung des architektonischen Gestaltens, scheint bei der jüngeren Generation heute manchmal eher das Gegenteil der Fall zu sein. Die Formentwicklung der Gebrauchsobjekte geht in Architektur über. Der 1977 geborene und in London arbeitende Nürnberger Daniel Widrig entwarf mit seiner Mobiliarserie "SnP" aus zusammengestöpselten Plastikmodulen ein Raummodell, das zwischen Benutzbarkeit und Bewohnbarkeit kaum mehr unterscheidet. Zugleich folgt die Gestalt der Objekte mehr der Dynamik des jeweiligen Materials als einer abstrakt vorgefassten Form. Sein zusammen mit Guan Lee entwickelter "Coir Chair" aus verleimter Kokosfaser etwa lässt einen kurz zögern, ob man da auf einem Gebirgsmassiv, einem Ameisenbau oder doch einem ehrwürdigen Chorstuhl Platz nimmt.

Zaha Hadids Virtuosität im Design ist der ihrer Architektur absolut ebenbürtig

Manches dürfte Widrig bei Zaha Hadid gelernt haben, für die er zuvor gearbeitet hat. Deren Virtuosität im Design ist der ihrer Architektur absolut ebenbürtig. Seit der Feuerwehrkaserne, die sie für den ehemaligen Vitra-Chef Rolf Fehlbaum entwarf, war das Design ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit. Ihre geschwungenen Raumgesten spielen im Großen wie im Kleinen an der Grenze zwischen innen und außen, oben und unten. Mit der scheinbar im Raum flottierenden Sitzbank "Iceberg" (2003) aus lackiertem Holz zeigt die Pariser Ausstellung ein Bravourstück dazu.

Die Gestalt der Alltagsobjekte der frühen Nachkriegszeit entsprang aus der Spannung zwischen architektonischer Standardplanung, industrieller Serienproduktion, Faszination fürs Funktionale sowie aus der Arbeit mit den neuen Materialien Aluminium, Plastik, Schaumstoff, Polyester. Die entsprechenden Markenlabels lieferten den Kanon dafür. Eero Saarinens in den Fünfzigern für Knoll entwickelte einbeinige "Tulpen"-Stühle mit Aluminiumfuß und gepolsterter Sitzschale etwa sind Einladungen zur Ruhe in der Aufregung der Nachkriegskonjunktur.

Zur Originalität der Ausstellung gehört die Verteilung der Objekte auf den gesamten Raum des enormen Trocadéro-Palastflügels. Dessen ganze erste Etage ist der Sammlung der im 19. Jahrhundert entstandenen Nachbildungen romanischer und gotischer Bauwerke gewidmet. In dieses Ensemble sind die Designobjekte nun eingefügt worden. So wirkt der ebenfalls für Knoll entworfene "Culbuto"-Sessel von Marc Held aus dem Jahr 1967 mit seinen pausbäckigen Rundformen unter dem Gewölbenachbau der Unterkirche von Notre-Dame de Montmorillon und ihren mittelalterlichen Fresken, als wären auch an ihm schon Jahrhunderte vorbeigezogen.

Einen ausgewogenen Überblick auf 60 Jahre Architektendesign vermag die Schau jedoch nicht zu vermitteln. Sind Einzelfiguren wie Michael Graves mit seinem soliden Handwerk, Toyo Ito mit seinen wunderbar fragilen Glas- und Holzregalen für die Mediathek von Sendai oder die Vertreter des brasilianischen Architektendesigns gut vertreten, kommt anderes, vorab aus der Epochenwende der Achtzigerjahre, kaum oder gar nicht vor. Was da genau passierte, als Robert Venturi die Lehne seines "Sheraton Chair" postmodern mit einer klassischen Leier schmückte, Alessandro Mendini sein Kanapee "Kandissi" als hausgemachte Laubsägearbeit zelebrierte oder Gae Aulenti im Musée d'Orsay neoklassische Zitate hinstellte, bleibt auch in dieser Ausstellung ein Rätsel.

Schlüssig erscheint hingegen das Fazit, dass bei vielen jüngeren wie dem Japaner Junya Ishigami, der Jean-Nouvel-Schülerin Kiyomi Suzuki oder dem Duo Dominique Jakob und Brendan MacFarlane Möbel- und Architekturentwürfe nahtlos ineinander übergehen. Der Inder Bijoy Jain aus Mumbai hat das mit seinem Stuhl "Brick Study" auf den Punkt gebracht. Über der Marmorsitzplatte türmt sich dort als Rücklehne die Fassade eines Bauriegels aus Miniaturbacksteinen auf. Die Kunst des Sitzens wird bei diesem Stuhlmonument zur Kunst des Wohnens, mit ökologischer Nebenbotschaft, denn die Fugen zwischen den Minibacksteinen sind angeblich mit Bienenwachs verleimt.

Le mobilier d'architectes 1960 - 2020 . Cité de l'Architecture et du Patrimoine, Paris. Bis 30. September. Katalog 29 Euro. Info www.citedelarchitecture.fr