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Design:Es werde LED

Lange galten Leuchtdioden als hässlich und kalt. Doch plötzlich boomt die Industrie. Und das Licht ist nicht nur ökologisch verträglich, sondern mittlerweile auch schön.

Von Bernd Graff

Sie heißen Aurora, Lumio, Bulbing, Jedi, Jago, Hue, Bloom, Folding Lamp und Blue Laser. Fantasienamen aus den Komfortzonen der Nachhaltigkeit. Sie kommen in Maiskolbenform, die wuchtigeren gar mit eigener Fernbedienung. Sie können auch faltbar wie Origami sein oder aufklappbar wie ein Buch, manche sind in biegsames Silikon gebettet, andere ganz flach, lang, rund oder eckig, manche sehen aus wie Tautropfen an haarfeinem Draht, einige gelten als "smart" und sind schon mit einer eigenen App zu steuern, manche befördern aber auch nur optische Illusionen, die das Einschlafen fördern sollen. Es gibt sie in Autos und an Weihnachtsbäumen, in Fahrrädern, Fernsehern und Computern, kleine Jungs lieben sie aber vor allem in den Absätzen ihrer Schuhe: LEDs, Licht emittierende Dioden. Sie sind das Leuchtmittel der Stunde. Man merkt es etwa daran, dass sogar die Sixtinische Kapelle, in der Michelangelos Meisterwerke 500 Jahre lang nur vom Tag beleuchtet wurden, mittlerweile in die Lichtjahre gekommen ist. Osram hat hier 2014 an die 7000 LEDs nahe den Fresken installiert und so eine Lichtlösung gefunden, die ermöglicht, dass man die Kunst gut erkennen kann, ohne dadurch deren Alterung zu beschleunigen. Schonender als die Sonne also. Dafür wurde Osram preisgekrönt.

Anders als die klassischen, zerbrechlichen Glühbirnen aus Glas, die an die neunzig Prozent der eingesetzten Energie in Wärme und nicht Licht umsetzen, sind LEDs robuste Kaltlichtleuchten, die nahezu jede fantasievolle Bauform zulassen und achtzig Prozent der eingesetzten Energie in Licht umsetzen. So konnte sich seit der Jahrtausendwende dank enormer technologischer Verbesserungen ein LED-Leuchtmittelmarkt mit agilen Anbietern entwickeln, die nicht selten aus Kickstarter-Kampagnen und Crowdfunding für ihre Schöpfungen hervorgegangen sind.

Lumio etwa ist so ein Anbieter, der in Jakarta ein Leucht-Produkt entwickelt hat, das wie ein Moleskine-Notizbuch aussieht und sich auch so aufschlagen lässt. Dabei entfaltet es eine geradezu magische Leuchtkraft. Thomas Hick ist ein junger belgischer Designer, der in der "Folding Lamp" eine minimalistisch-futuristische, von einem Laser aus Metall geschnittene Origami-Lampe entworfen hat, die ihre Leuchtkraft durch Berührung ändert. Und man kann und soll sie auch tatsächlich falten, um immer neue Leuchtformen zu erhalten. Nachdem Hicks Idee auf Kickstarter gelandet war, explodierte die Nachfrage sofort. Der Belgier berichtet in einem Youtube-Video davon, dass aus Abu Dhabi gleich 900 Stück davon geordert wurden. "Ich bin auf den Boden gesunken, konnte mich nicht mehr bewegen. So irre."

LED-Leuchten verbrauchen zehnmal weniger Energie als herkömmliche Birnen

Das 2012 gegründete, in Kanada ansässige Nanoleaf, ebenfalls ein "ge-crowdetes" Unternehmen, hat eine elfflächige Leuchte mit 33 starken Einzel-LEDs entwickelt und zur Marktreife gebracht, die wie die klassische Glühbirne eine 360-Grad-Vollabstrahlung gewährleistet. Das in der Fertigung gefaltete Teil sieht aus wie ein pickliger Fehlversuch, der einem grobmotorischen Roboter vom Fließband gefallen ist. Gleichzeitig befremdlich und faszinierend, ebenso schön wie hässlich - cyberpunkig. Aber Bloom, so heißt die Lampe, ist die energieeffizienteste LED-Birne dieser Erde. In den neuesten Versionen ist sie auch noch über jeden beliebigen Kippschalter im Haus dimmbar.

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Der elfflächige "Bloom" mit 33 LEDs (unten) beeindruckte Sponsoren und wurde zur Marktreife gebracht: Es ist die energieeffizienteste Birne der Welt.

(Foto: JiaZiJian/nanoleaf)

Im geringen Energieverbrauch, wir reden über die Reduktion bis auf ein Zehntel der alten, wenig umweltfreundlichen Energiesparleuchten, aber vor allem in der Kombinierbarkeit der Halbleiter, liegt im Wesentlichen der Grund für den anhaltenden LED-Boom weltweit. LEDs sind die Leuchtmittel der digitalen Globalisierung. Jeder Hersteller klassischer Birnen hat auch sie längst im Sortiment. Sie sind ja auch überall, sogar in Kühlschränken - hier merkwürdigerweise im Farbton "warmweiß". Für Nostalgiker gibt es sie aber auch in Edisons Kolbenform mit oranger Glühfadenoptik und einer gewollt funzligen Lichtausbeute. Dafür, und das gilt für alle LEDs, mit Leuchtzeiten von bis zu 50 000 Stunden.

Doch beleuchten sie ja nicht nur, sie bespielen die Räume mit wechselfarbigem, sanft pulsierendem Licht. Und sie geben sich intelligent und fernsteuerbar. "Smart Home" heißt zuerst: Stimmungslicht an!

Anfang der Sechzigerjahre wurden die für sich immer einfarbigen Leuchtdioden erfunden, die, weil sie eben keine Wärmestrahler sind, eine wesentlich höhere Lebensdauer und bessere Energienutzung als Glühbirnen haben. Zuerst fanden diese Effizienzwunder allerdings nur in Leuchtanzeigen, in Warn- und Signallampen, Verwendung. Ihre Lichtausbeute war da noch relativ gering, sie ersetzten allenfalls kleinere Glimmlampen. Dann aber, von der Jahrtausendwende an und mit der Entwicklung kostengünstiger blauer LEDs, ließen sich mit den Farben Rot, Grün und Blau (RGB) mehr als 16 Millionen Farben kombinieren. Und auch die Lichtausbeute nahm rasant zu: dass man die "Bay Bridge" in San Francisco von 2013 bis 2015 zwei Jahre lang mit 25 000 LEDs jede Nacht in eine Lichtskulptur und Stadtsignatur verwandeln konnte, wäre noch ein Jahrzehnt zuvor nahezu undenkbar gewesen. Dasselbe gilt für Autoscheinwerfer, die inzwischen fast jeder Hersteller mit LEDs zum Leuchten und Blinken bringt.

Eine LED-Lampe ist heute fast immer ein Konglomerat aus winzigen, schnell reagierenden RGB-Dreigestirnen, die ihre Millionen Farben dadurch übergangslos erzeugen, dass sie mithilfe eingebauter Controller jede Farbe nach dem Prinzip der additiven Farbmischung erzeugen: Weiß etwa entsteht durch Überlagerung von Blau durch Gelb. In aktuellen Computer-Bildschirmen und TVs kommen sie als Hintergrundbeleuchtung zum Einsatz. Und bei manchen Geräten stecken sogar noch weitere auf der Rückseite.

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Das System "Aurora" lässt sich in beliebigen Formen an die Wand bringen.

(Foto: nanoleaf)

Von Philips stammt seit 2004 eine "Ambilight" genannte Technologie, die das Gerätegesichtsfeld über die TV-Grenzen hinaus in die Fernseh-Umgebung erweitert. Dabei verändert sich nicht nur ständig die Helligkeit, die Wände werden geschmückt mit den dominierenden Farbtönen des aktuellen Fernsehprogramms und wechseln synchron mit ihnen. Das soll dessen räumliche Wahrnehmung vertiefen und Augenbeschwerden verhindern. Ambilight war der Einzug von gehobener Disco ins Wohnzimmer. Living Colors nennt Philips das stufenlose Changieren: lebendige Farben.

Einzelne Lampen? Pöh! Mittlerweile kauft man Modul-Symphonien.

Ein Konzept, das sich als so unwiderstehlich erwiesen hat, dass das niederländische Unternehmen damit das Luxuslichtsystem "Hue" dann auch unabhängig vom TV ausgestattet hat. Es ist ein Bündel von bis zu 50 überall in Raum und Haus verteilten intelligenten Farblampen, die von einer Fernbedienung, mittlerweile auch von einer eigenen Smartphone-App, alle gleichzeitig zu stimmungsvollen Farbspektakeln (und deren abgespeicherten Versionen) angesteuert werden können. Jede individuelle Leuchte in einem anderen Farbton etwa, oder in Spots oder in Farbensembles. Oder auch mal alles ganz wild. "Szenen" werden diese Lichtbäder und -kaskaden fürs Heim genannt, zu unendlich dramatischen Farbräuschen kann man das recht teure Luxusgut einstellen.

So versetzt man seine Wohnhöhle in bunte Partystimmung, taucht sie in ein Ambiente grüner Yoga-Meditation oder blauer Meeresbrise oder ins Kaltweiß konzentrierter Arbeit. Man mag sie aber auch in eine punktuell abgedimmte, flackernde Kerzenandacht bringen. Oder gleich damit einschlafen. Denn einen Timer, der sanft und stufenlos in die echte, unberührte Dunkelheit überführt, bringen die neuen Leuchten natürlich auch mit.

Man muss darum wirklich von Lichtarchitekturen sprechen, die das ganze Heim verändern. Denn mit den unterschiedlichen Licht- und Farbstimmungen verwandelt sich die Räumlichkeit der Orte, die ja auch weniger erhellt als vielmehr skulpturiert und prononciert sein wollen. Man möchte von Sessel-Theater und Polster-Inszenierungen sprechen.

Klar, dass Hue sofort Nachahmer gefunden hat, Jedi aus Hongkong ist etwa einer - Slogan: "Jeder Moment im eigenen Licht" -, die dieses immer überwältigende Farb-LED-Konzept adaptiert haben und für etwas weniger Geld anbieten. Die avancierteren Farb-Birnen haben sich aber auch schon mit "Alexa", Amazons digitalem Netz-Sprachsklaven fürs Heim, zusammengetan. Nun kann man die "Szenen" aufrufen, einsprechen oder Alexa anweisen, sie auch für Uhrzeiten zu programmieren, wenn man selbst gar nicht daheim ist. Angeblich dient dies der Sicherheit.

Etwas überspannt hat es dann aber Nanoleaf mit dem farblichtpulsierenden System "Aurora". Für rund 200 Euro erhält man neun Dreiecke, die man wie beim chinesischen Tangram in beliebigen Formen zusammenlegen und an die Wand bringen kann. Auf Alexa-Zuruf bricht dann ein Farbgewitter los, das wie die Musik bei Heavy-Metal-Konzerten untrainiertere Wahrnehmungsorgane schier erschlägt. Wie der Sprung in ein Farbbecken, das in Lichtgeschwindigkeit die Tönung wechselt.

© SZ vom 18.05.2017

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