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Design:Das Polster-Ich

Die Mailänder Möbelmesse zeigt: Design befreit sich immer mehr von praktischen Anforderung des Lebens und geriert sich zunehmend als Kunst.

Eine bloße Voraussetzung des Lebens ist das Wohnen, soweit es sich in die Geschichte zurückdenken lässt, allenfalls für die Ärmsten gewesen. Seine Verwandlung in einen Lebenszweck hingegen ist eine junge Errungenschaft. Sie ist nicht älter als das späte neunzehnte Jahrhundert. Seit etwa einer Generation figuriert sie unter dem Namen "Design". Dessen Fortschritte lassen sich, jedes Jahr im Frühling, auf dem "Salone del Mobile", der Mailänder Möbelmesse, besichtigen. Und weil das repräsentative Wohnen, nicht ganz, aber doch bedingt von den üblichen Anforderungen an die Gegenstände des praktischen Lebens befreit ist, nimmt diese Veranstaltung, von Jahr zu Jahr deutlicher, den Charakter einer Messe für zeitgenössische Kunst an - nur, dass es sich bei den Exponaten, in den allermeisten Fällen jedenfalls, um Gegenstände aus industrieller Fertigung handelt und die Kunden weder Galeristen noch Sammler sind, sondern aus dem Einzelhandel kommen.

Die Frage, wohin denn diese Messe strebe, welche "Trends" und welche Neuigkeiten zu beachten seien, ist also nur von beschränkt aufschließender Kraft. Gewiss, das Bücherregal, das vor ein paar Jahren verschwunden zu sein schien, ist wieder da, wenngleich unter strengen Auflagen für Farbe und Gestalt für die darin aufzunehmenden Bücher. Ein ins Gelbe oder Bräunliche changierendes Weiß scheint unbedingt empfehlenswert zu sein, weshalb man die Bände am besten mit dem Rücken zur Wand aufstellen sollte. Und nachdem es einige Zeit lang in rechteckiger Form modernisierte Ohrensessel gab (es gibt sie immer noch), der Menschen wegen, die sich in großen Räumen mit ihren digitalen Geräten abschirmen wollen, ist nun auch das Original zurückgekehrt, mit schweren, geschwungenen Polstern und auf dicken Beinchen. Das aber ändert nichts daran, dass der Gestalter, als wäre er ein Künstler, seinem abstrakt freien Ich offenbar freien Lauf lassen darf und die so entstehenden Dinge oft der Skulptur näher stehen als etwa einem Stuhl.

In Mailand läuft derzeit die Salone del Mobile, die wichtigste Messe für zeitgenössisches Design. Die Firma Cassina präsentiert sich dabei skulptural.

(Foto: Olivier Morin/AFP)

Eine gewisse Unsicherheit des Publikums in Geschmacksfragen ist daher nicht zu vermeiden. Ihr entkommt, auch dies ähnlich wie in der bildenden Kunst, wer sich für die klassische Avantgarde entscheidet, für Möbel also, die irgendwann zwischen den Dreißiger- und den Sechzigerjahren entstanden und sich im Lauf der Zeit als pädagogisch wertvoll erwiesen. Sie behaupten sich in dem Widerspruch, modern und beständig zugleich zu sein: Carl Hansen, der dänische Hersteller, fördert deswegen einen vergessenen Entwurf Hans J. Wegners nach dem anderen zu Tage, die Firma Artek, nunmehr im Besitz des Schweizer Unternehmens Vitra, mobilisiert den Geist finnischer Schwindsucht-Sanatorien der Dreißigerjahre, zum Beispiel in Gestalt eines Tisches der Designer Ronan und Erwan Bouroullec. Der Konzern Molteni, eines der großen Unternehmen der Branche, tut sich mit dem Archiv des Gestalters Gio Ponti zusammen und bringt die Klassiker der italienischen Moderne neu heraus. Der Klappstuhl "D.270.2" ist eine der leichtesten und schönsten Verbindungen zwischen der italienischen Agrargesellschaft des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und einem abstrakten Expressionismus in Mailänder Fassung.

Die meisten dieser klassisch modernen Schöpfungen sind von zurückhaltender Sachlichkeit und daher ansehnlich. Sie finden daher auch viele Nachahmer, bei Wittmann oder Billiani zum Beispiel, bei Maruni oder bei Mattiazzi. Doch gilt jener Vorzug nicht immer. Die Firma Walter Knoll zum Beispiel reaktiviert einen Sessel, den der Architekt Meinhard von Gerkan Mitte der Siebziger für den Flughafen Tegel zeichnete. Der "Berlin Chair" sieht aus, als habe man den Fahrersitz eines alten Sportwagens auf überdimensionierte Schlittschuhkufen gesetzt. In diesem Modell waltet ein Imperativ namens "Vorwärts!", von dem nicht einzusehen ist, wofür er gut sein soll. Aber vielleicht gibt es ja jemanden, der in seinem Wohnzimmer gern Halbschalenhelme trägt.

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Von dem Designer Ron Arad sind zwei Sofas zu sehen.

(Foto: Morosa)

Überhaupt scheint das Wohnzimmer, die gepolsterte Burg des Privatmannes, zumindest als Ideal begehrter als je zu sein. Vielleicht musste es so kommen, dass der rasch voranschreitende Verlust an bürgerlichen Verhältnissen dessen bevorzugte Accessoires umso mächtiger hervortreibt. Insofern hätte die jedes Mal aus Anlass der Messe stattfindende Verwandlung ganzer Stadtteile Mailands, vor allem um die Accademia di Brera herum, in "show rooms", in imaginäre Wohnräume und Probeküchen, noch einen besonderen Sinn: dass man in manchen Möbeln auch leben kann, bedarf offensichtlich eines eigenen Beweises.

Auf der entgegengesetzten Seite zeitgenössischen Wohnens herrscht das Konzept, in allen Varianten, oft auch in der Variante der Pointenkunst. Wer sich ihr zuwendet, riskiert schnellen moralischen Verschleiß. In diesem Sinn unternehmungslustig ist die Firma Artemide, die eine Leuchte, einen löchrigen bunten Rock und einen Deckenventilator miteinander kombiniert und das so entstandene Ding dann "Les Danseuses" nennt. Die weltberühmte Zitronenpresse von Philippe Starck aus dem Jahr 1990, schon immer untauglich, um Saft aus Südfrüchten zu gewinnen, gibt es nun auch in Bronze, in einer limitierten Auflage von 299 Exemplaren. Von Ron Arad, ohnehin in seinen Entwürfen häufiger zum Scherzen aufgelegt, stellt die italienische Firma Moroso zwei mächtige Sofas vor, die zusammengerollten Matratzen gleichen. Wenn man bedenkt, dass auf Sofas mittlerweile weniger halb gesessen als vielmehr halb gelegen wird, liegt auch darin eine Pointe. Aber es mag sein, dass sie sich in der Wiederholung als wenig beständig erweist.

Diese Sitzgelegenheiten gleichen zusammengerollten Matratzen.

(Foto: Moroso)

Zur abstrakten Freiheit des künstlerischen Ich gehört unbedingt das Experiment, auch wenn man nicht immer weiß, was da ausprobiert wird. Bunt ist es geworden auf dieser Messe. Bei den Polstern ist gegenwärtig ein intensives Rot beliebt, die lange Zeit eher problematische Farbe Grün gibt es in vielen Schattierungen, und weil zu viel Gemütlichkeit eine zweifelhafte Angelegenheit ist, gibt es ein kräftiges Gelb, um Löcher in die Idylle zu schlagen - und vielleicht auch, um die kleinen "Schocks", so wie sie in den Sechzigern beliebt waren, noch einmal zu beschwören, auch wenn darüber schon lange keiner mehr erschrickt. Beim italienischen Hersteller Kartell gibt es immer noch Möbel aus transparentem, gefärbtem Kunststoff, die man nicht mit nackter Haut berühren möchte. Vor ihnen rettet man sich dann beinahe gerne zur Konkurrenz bei Meritalia. Dort hat man sich beim Entwerfen von ausladenden Polstermöbeln offenbar von antiker römischer Dekadenz inspirieren lassen, so wie sich die der britisch- niederländische Maler Lawrence Alma-Tadema in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ausgedacht hatte.

Dabei sind diese künstlerischen Freiheiten, merkwürdig genug, im Ergebnis nicht annähernd so spektakulär, wie es die Möbel in den Hallen sind, die nicht mit "Design", sondern mit "Classic" überschrieben sind. Abgesehen davon, dass man in diesen Räumen sieht, wie groß die italienische Möbelindustrie tatsächlich ist, wie viel Reichtum sie hervorbringt und wie stark ihre Anziehungskraft ist, nicht zuletzt im Fernen Osten, in den arabischen Ländern und bei Oligarchen aller Art: vergoldete Rahmen und vielfach gedrehte Tischbeine, Lüster und Marmor, Kissen, zahlreich und weich genug, um darin bis zur Nasenspitze zu versinken, aus Schränken gleitende Fernsehschirme, begehbare Kleiderschränke, die wie Zimmerfluchten sind. Ornament und Opulenz scheinen hier keine Grenzen zu kennen. Nur der Gegenstand des Repräsentierens ist ein anderer: Dargeboten wird nicht die Symbolik des abstrakt freien Ichs, sondern die des Geldes, allerhand aristokratische Ansprüche eingeschlossen.

So, wie es in der bildenden Kunst schon seit geraumer Zeit und immer wieder beschworen eine Rückkehr zur figurativen Malerei gibt, so verknüpfen sich bei den Möbeln immerfort Tradition und Moderne. Die Schlagworte dieser Verbindung heißen "Handwerk" und "Material". Das Bett und das Sofa sind ohnehin Möbel, die dem Geist der gründlichen Erneuerung ein wenig Widerstand entgegensetzen - wobei letzteres, unter Beibehaltung der Formen, sich immer mehr zur Landschaft ausweitet, offenbar ohne jede Rücksicht auf die höchstens dreißig Quadratmeter, die ein Wohnzimmer gewöhnlich bietet. Bei den Tischen geht es ähnlich zu, auch wenn hier bei der Wahl des Materials größere Freiheiten gewährt werden. Der Tisch drängt offenbar auch in größere Dimensionen, und das heißt hier: zur Tafel. Das eigentliche Spielfeld des Designs sind indessen nach wie vor der Stuhl, der Sessel und die Leuchtkörper, wobei letztere die einzigen Einrichtungsgegenstände sind, bei denen man ernsthaft von technischen Innovationen reden kann: Mit LED-Leuchtkörpern lässt sich offenbar viel mehr anstellen als mit Glühbirnen, was zu raumgreifenden Installationen führt, zu Vorhängen, Wänden, Türmen, Trauben, Kaskaden des Lichts, zu denen allerdings meistens die dazugehörigen Paläste fehlen dürften.

Am systematischen Ende der Veranstaltung steht nicht die Opulenz, sondern die Rückkehr zu den elementaren Voraussetzungen des Lebens - allerdings nicht als solche, sondern in ihrer paradoxen, und das heißt nun wieder: in ihrer repräsentativen Form. Der britische Architekt John Pawson, berühmt für die teuersten Formen der Askese, entwarf für die spanische Firma Viccarbe einen Tisch und eine Bank, die eines Bettelordens würdig gewesen wären. Der unverhohlene Prunk, das ewige Rokoko, das in den stilleren Hallen der Messe angeboten wird, ist dagegen womöglich ehrlicher.

© SZ vom 18.04.2015

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