"Desierto" auf DVD Redneck macht Jagd auf Einwanderer

Einwanderer, die Sam (Jeffrey Dean Morgan) nicht selbst erledigt, werden von seinem Hund Tracker blutrünstig zur Strecke gebracht.

(Foto: Carlos Somonte)

Donald Trump träumt von einer unüberwindlichen Grenzmauer gegen Mexiko. Im Survival-Thriller "Desierto" wird der Konflikt blutig zugespitzt. Ein Film von schmerzhafter Wucht.

Filmkritik von Sofia Glasl

Der Cowboy steigt auf eine Anhöhe in der Steinwüste zwischen Mexiko und den USA. Er legt seine Zigarette bedächtig neben sich auf den Boden, bringt sich in Position, legt das Scharfschützengewehr an und schießt. Im Tal wird der Menschenschmuggler von der Kugel umgerissen und fällt. Der Cowboy drückt Mal um Mal ab, bis alle illegalen Einwanderer tot in der Kiesebene liegen.

Sein Name ist Sam, und zufrieden kehrt er zu seinem Truck zurück. An der Antenne flattert eine Konföderierten-Flagge, Symbol des alten amerikanischen Rassismus. Sam tätschelt seinen Schäferhund. Der heißt Tracker, und seine Aufgabe ist das Aufspüren von Mexikanern, die sich über die Grenze schleichen. Wenn sein Herrchen kein gutes Schussfeld hat, jagt Tracker die menschliche Beute erbittert und bringt sie blutrünstig zur Strecke.

Die Jagd ist eröffnet in Jonás Cuaróns "Desierto - Tödliche Hetzjagd". Der mexikanische Regisseur, Sohn des Oscargewinners Alfonso Cuarón, mit dem er auch das Drehbuch für "Gravity" schrieb, macht früh deutlich, dass es ihm in seinem Film nicht darum geht, moralische Fragen zu erörtern. Sein Weltbild ist eindeutig. Die Rollen von Gut und Böse sind klar, es muss nicht diskutiert werden, welche Rechte illegale Einwanderer haben und wie menschenunwürdig die Behörden und die selbsternannten Bürgerwehren mit ihnen umgehen. Vielmehr spitzt er den Umgang mit Flüchtlingen aus Mexiko in einer blutigen Allegorie zu, die sich zwischen Gottesfurcht und Stand-Your-Ground-Law bewegt.

Denn Sam heißt nicht zufällig wie der biblische Prophet Samuel, der die Israeliten von den Philistern befreite - Sams Körper ist diese Mission eingeschrieben, auf seine Arme sind Kruzifix und Revolver tätowiert, zu seinem Cowboyhut trägt er Arbeitshemd und Armeehosen. Jeffrey Dean Morgan spielt ihn genüsslich als Sadisten, irgendwo zwischen Redneck-Klischee und psychopathischem Serienkiller.

Bei seinem Blutbad hat Sam nicht alle Flüchtlinge erwischt, einige waren bei dem Gewaltmarsch durch die Wüstenhitze etwas zurückgefallen und mussten das Massaker aus der Ferne mitansehen. Unter ihnen ist der junge Vater Moises. Auch sein Name bestimmt seinen Auftrag - er überquert die Grenze zum zweiten Mal und soll nun die dezimierte Gruppe wie Moses durch die Wüste führen. Gael Garcia Bernal, eigentlich bekannt für leise Charakterrollen, beweist hier sein Potenzial als Actionheld, der sich einen erbitterten Kampf mit dem Verfolger liefert.

Eine Wucht, die über die Dauer des Films hinaus schmerzt

Das Duell wird verstärkt durch den Wechsel aus nahen Einstellungen und Totalen, die den Stellungskrieg der Kontrahenten in der sonnendurchfluteten Steinwüste aufschlüsseln. Das Sounddesign aus atemlosem Keuchen, pfeifenden Schüssen und dem nahtlos eingefügten, pochenden und grollenden Soundtrack von Woodkid macht den Film zu einer auslaugenden Kraftanstrengung.

Wie "Gravity" ist "Desierto" ein minimalistischer Survival-Thriller, der sich bewährter Figurentypen und Handlungsmuster bedient. Menschenjagd ist kein neuer Topos im Film, B-Movie-Genrestücke wie "The Most Dangerous Game", "Battle Royale" oder der Blockbuster "Die Tribute von Panem" kommen einem in den Sinn, in denen Menschen in inszenierten Jagdspielen aufeinander losgelassen werden. Aber auch Spaghettiwestern wie "Der Gehetzte der Sierra Madre" klingen an, in dem Lee Van Cleef einen vermeintlichen Vergewaltiger quer durch die mexikanische Wüste jagt.

Cuarón setzt sich von diesem Resonanzfeld ab, weil er politisch direkter ist. In Zeiten, in denen Donald Trump von einer neuen, unüberwindlichen Grenzmauer gegen die Mexikaner schwadroniert, trifft sein Szenario einen Nerv. Filme wie "Battle Royale" funktionieren eher wie Computerspiele in künstlich arrangierten Szenerien, Western sind von heutigen Lebenswelten doch sehr weit entfernt. Die Mischung aus überspitzten Schockmomenten und politischer Brisanz aber verleiht Cuaróns Szenario eine Wucht, die über die Dauer des Films hinaus schmerzt.

Desierto. Tödliche Hetzjagd ist auf DVD und Blu-ray erschienen (ab 9,99 Euro) sowie als Video on Demand erhältlich (ab 4,99 Euro).

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