"Der Waldmacher" im Kino:Wie man die Wüste bewohnbar macht

Lesezeit: 3 min

"Der Waldmacher" im Kino: Tony Rinaudo hatte sein Erweckungserlebnis nach einer Reifenpanne in Niger.

Tony Rinaudo hatte sein Erweckungserlebnis nach einer Reifenpanne in Niger.

(Foto: Silas Koch/Weltkino)

Volker Schlöndorff porträtiert in seiner Doku den " Waldmacher" Tony Rinaudo.

Von Philipp Stadelmaier

Seine Erleuchtung hat Tony Rinaudo während einer Reifenpanne in Niger, inmitten einer kahlen Einöde. Hier hat der im Kolonialismus begonnene Raubbau an der Natur zur Verödung einst fruchtbarer Böden und Wälder und damit zu Hunger und Elend unter der Bevölkerung geführt. Schon seit Jahren versucht der australische Agrarwissenschaftler, die Gegend mit Setzlingen zu begrünen - vergeblich. Nun aber fällt sein Blick auf einen einsamen Busch, den er als oberirdischen Teil eines unterirdischen Wurzelwerkes erkennt. Rinaudos Idee: Schneidet man den Busch nur richtig zu und aktiviert dadurch seine Wurzeln, kann man einen ganzen Baum ziehen.

Von dieser quasireligiösen Epiphanie mitten in der Wüste erzählt Volker Schlöndorff in "Der Waldmacher". Schlöndorff, Jahrgang 1939, der einst für seine Verfilmung von Günter Grass' "Blechtrommel" den Oscar gewann, war immer auch ein Servicefilmemacher, der die großen Texte der Weltliteratur bebilderte. Heute geht es ihm um die großen Weltthemen wie Umwelt und Nachhaltigkeit, die auch filmisch angegangen werden wollen. In seinem dokumentarischen Essayfilm porträtiert er den 1957 geborenen Aktivisten Rinaudo und dessen Vorhaben, mithilfe besagter Schnitttechnik den unwirtlichsten Gegenden Afrikas Bäume zu entlocken, um so die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Denn ohne Bäume kein Wasser, keine Fruchtbarkeit, keine Landwirtschaft.

"Der Waldmacher" im Kino: Dem ästhetischen Geschmack muss geschmeichelt werden: der Regisseur Volker Schlöndorff.

Dem ästhetischen Geschmack muss geschmeichelt werden: der Regisseur Volker Schlöndorff.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Der Filmemacher, der selbst oft im Bild auftaucht, begleitet den Waldmacher auf seinen Reisen durch Niger, wo Rinaudo jahrzehntelang gelebt und der Bevölkerung seine Methoden vermittelt hat. Außerdem werden Aktivistinnen, Wissenschaftler und Kleinbauern porträtiert, die Rinaudos Praktiken im Rahmen der "Grünen Mauer" fortführen, einem Megaprojekt zur Begrünung der Sahelzone, die sich unterhalb der Sahara von Senegal im Westen bis nach Dschibuti im Osten erstreckt.

Die Aufnahmen sind oftmals sehr schön. Es gibt Drohnenbilder von oben und auch mal eine Animationssequenz. Es gibt Bilder von gewaltigen Bäumen, die pittoreske Seite der Natur. Man will Schlöndorff fast schon Ästhetizismus auf ehemaligem Kolonialgebiet vorwerfen, aber dann gibt es doch auch wieder einige kurze "Postkarten", die afrikanische Filmemacher wie der Senegalese Alassane Diago beigesteuert haben und die Schlöndorff in seinen Film einbaut. Kurze Clips über die Frauen auf dem Lande, die während der langen Abwesenheit ihrer Männer schwere körperliche Arbeiten übernehmen, sich um Felder und Bäume kümmern. Schlöndorff bemüht sich, alle möglichen Aspekte abzudecken, das Attraktive ebenso zu berücksichtigen wie das Authentische, die Schönheit wie das Elend.

Schlöndorffs Hut sieht ein bisschen nach Tropenhut aus, schützt aber bestimmt gut vor der Sonne

So, wie Rinaudo die Böden kultivieren will, kultiviert Schlöndorff sein Publikum. Dem ästhetischen Geschmack muss geschmeichelt werden, damit ein Same Wahrheit ins Bewusstsein dringen und Früchte tragen kann. Darin erinnert Schlöndorffs Alterswerk an das Alterswerk von Wim Wenders, Schlöndorffs Kollegen aus der Zeit des Neuen Deutschen Films. Der hat 2018 einen Film über Papst Franziskus gedreht, eine neunzigminütige filmische Predigt. Auch "Der Waldmacher" hat einen religiösen Unterton. Schlöndorff lässt seinen Film mit einem Mythos über das göttliche Geschenk von Fruchtbarkeit und Fortpflanzung beginnen, berichtet von Rinaudos "Offenbarung" in der Wüste und endet mit der Feststellung, dass ihn die "die tiefe, fast archaische Gläubigkeit überall in Afrika, egal in welchem Land und welcher Religion", immer wieder sehr "beeindruckt" habe. Das ist, bei aller Gutgemeintheit und Subjektivität, unter einer heutigen, postkolonialen Perspektive schlicht exotistisch, klischeehaft und verallgemeinernd. Nicht nur macht hier ein alter weißer Mann einen Film über einen anderen alten weißen Mann mitten in Afrika, sondern präsentiert diesen auch noch als quasi Erleuchteten.

Man könnte sich jetzt noch über Schlöndorffs Kopfbedeckung aufregen, die leider sehr an einen kolonialen Tropenhut erinnert, aber lassen wir das. Die Hutwahl ist sicher nicht besonders woke, aber sicher auch nicht besonders ideologisch: Vermutlich schützt das Ding einfach gut gegen die Sonne. Außerdem scheint es den Leuten vor Ort herzlich egal zu sein, was der alte Mann mit der Kamera auf dem Kopf hat. Ebenso wie uns. Denn es geht ja hier nicht um Schlöndorff. Wie in seinen Literaturverfilmungen adaptiert er im "Waldmacher" einen fremden Diskurs, in diesem Fall die Lehren von Rinaudo. Noch wenn er sich selbst filmt, sich Karten zeigen lässt oder mit Experten zoomt, wirkt er wie ein gelehriger Schüler, der fremdes Wissen erwerben und weitervermitteln will. Ganz im Sinne von Rinaudo, der sich freut, wenn eine Bäuerin seine Lektionen verstanden hat und er ihr lächelnd versichern kann: "Du bist jetzt die Lehrerin."

Der Waldmacher, D 2021. - Regie und Buch: Volker Schlöndorff. Kamera: Paapa Kwaku Duro, Jean Diouff, Michael Kern u.a. Mit Tony Rinaudo. Weltkino, 87 Minuten. Kinostart: 7. April 2022.

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