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Der touristische Blick:In der Apotheke weiden die Ziegen

Annette Pehnt: Alles was sie sehen ist neu. Roman. Piper Verlag. München 2020. 190 Seiten, 18 Euro.

Das Vertraute, das Fremde und das Unberechenbare in Annette Pehnts Roman "Alles was Sie sehen ist neu".

"Jemand öffnet die Tür und tritt neben mich, ein müder junger Mann, er sieht nicht so krank aus und hält die Hände unter den dampfenden Wasserstrahl." Diese Situation ereignet sich gegen Ende des neuen Romans von Annette Pehnt, der von einer diffusen, unheimlichen Stimmung beherrscht wird: "Ich frage ihn nach seinem Namen, er heißt Nime. Als wir zusammen aus dem Baderaum treten, frage ich mich, was er hat. - Was ist mit dir? Aber er antwortet nicht und gibt die Frage zurück. Und selbst?" Der Ort der Handlung ist ein überfülltes Krankenhaus.

Der Roman "Alles was Sie sehen ist neu" wurde vor der Corona-Pandemie geschrieben, und den Ort Kirthan, an dem er spielt, gibt es nicht. Noch in der Programmvorschau des Verlags wird allerdings eine China-Reise der Autorin erwähnt, auf der das Buch fußt, und eine entsprechende Passage aus dem Text zitiert, die im jetzt veröffentlichten Buch gekürzt ist, womöglich um weitere Assoziationen zu meiden. Man kann sich als Schauplatz aber noch immer ein paar alte chinesische Dörfer vorstellen und eine davon mehrere Tagesreisen entfernte, schnell wachsende Stadt, in der sich gerade eine Krankheit zu verbreiten beginnt.

Davon ist im gediegenen Abenteuerambiente zu Beginn des Romans allerdings noch nicht die Rede: Eine nicht mehr ganz junge Frau und ihr verwitweter Vater machen jedes Jahr eine Reise. Immer darf der Vater das Ziel aussuchen, und gebucht wird über ein kostspieliges Münchner Reisebüro, das nichts dem Zufall überlässt. Der erste Teil des Romans ist aus der Perspektive der Tochter erzählt, die Reisen früher als ein "Verwildern" verstanden hat, ein sich Zurechtfinden in unzugänglichen Gegenden, die es inzwischen aber auch schätzt, wenn alles Anstrengende minimiert ist. Diesmal fährt sie also nach Asien mit ihrem Vater, der wiederum sein Leben damit verbringt, alte Schriften zu entziffern. Seine Bibliothek verlässt er sonst nur selten, was er von Beruf gewesen ist, wird nicht ganz klar. Professor war er nicht, obwohl er das "verdient" hätte, wie seine Tochter meint. Er ist jedenfalls einer der gegenwartsfernsten Menschen, die sie kennt. Auf ihr Reiseziel brachte ihn ein altes Buch, das er mitführt: "Reise nach Kirthan in dunklen Zeiten".

Nimes eigene Sicht fehlt. So bleibt ihm und dem Text ein Rest Geheimnis

Geht es in diesem Roman also um eine Vater-Tochter-Beziehung vor exotischem Hintergrund? Eine Möglichkeit, die Pehnt erwogen haben dürfte. Auf den ersten sechzig Seiten ist eine solche Geschichte bis in Details vorbereitet. Man erwartet allmähliche Aufklärungen über die Familie: Was war mit der Mutter? Doch dann entwickelt sich ein vollkommen anderer Roman.

Vater und Tochter geraten in den Hintergrund der Erzählung, die Figur des einheimischen Reiseleiters wird wichtig. Das ist eben jener Nime, ein mal freundlicher, mal schweigsamer Mann, der der kleinen Reisegruppe als so etwas wie "das Fremde" selbst erscheint. Statt eine geheimnisvolle Nebenfigur zu bleiben, wird er dann aber selbst zum Thema des Romans. Aus der Perspektive verschiedener weiterer Figuren leuchtet Pehnt sein Leben aus, versucht diesem "Anderen" nahezukommen, indem sie Nimes Umgebung erkundet, seiner Herkunft vorsichtig nachspürt.

Halbverlassene Dörfer kommen ins Bild. Nimes Heimatort ist für einen Stausee geflutet worden. Seine Mutter erzählt, wie dort die Alten früher "gelb und grau" zusammensaßen, auf Touristenbusse warteten, und wie beliebt Nime bei den Gästen war, weil er gute Zähne hatte und gut sprechen konnte. Inzwischen hat er geheiratet, lebt aber von seiner Frau getrennt (auch aus ihrer Perspektive wird erzählt), und die beiden kleinen Kinder sind bei den Großeltern.

Nime selbst wird mit jeder neuen Erzählperspektive greifbarer, aber seine eigene Sicht fehlt. So bleibt ihm und dem Text ein Rest Geheimnis. Annette Pehnt, die neben ihrer Arbeit an Romanen, Essaybänden und Kinderbüchern mit dem Literaturinstitut in Hildesheim eine der einflussreichsten Schreibschulen des Landes leitet, geht auch ein erzählerisches Risiko ein, wenn sie sich "dem Fremden" nähert, indem sie ihren Roman mit den Stimmen von Menschen aus seiner Umgebung anfüllt. Die Gefahr, in politisch gut gemeinte Anteilnahme zu verfallen, besteht. Aber wagemutige Versuche, andere Sichtweisen einzunehmen, sind doch spannender als ein noch so gehaltvoller, touristischer Blick.

In der Klinik stellt sich allmählich heraus: dieses Gesundheitssystem scheint still zu stehen

Aus verschiedenen Perspektiven lässt Pehnt also die unsichere Stimmung einer Übergangszeit betrachten, in der die Dorfbewohner Schwierigkeiten haben mit einem von oben verordneten Neuen und der radikalen Ausmerzung des Alten, wie es das heute eben auch in China gibt. Sie haben darin etwas gemeinsam mit dem gelehrten europäischen Vater vom Anfang des Romans.

Im letzten Kapitel findet der Roman schließlich eine Verbindung zur unmittelbaren Gegenwart: Maran, die Frau eines alten Dörflers, aus dessen Perspektive dieses Kapitel erzählt ist, leidet unter Schwindelanfällen. Es sieht aus, als werde sie allmählich dement, was genau sie hat, weiß keiner. In der Dorfapotheke weiden die Ziegen, einen Arzt gibt es nicht. Sie müsse wohl in eine Klinik, meint die Frau, ein Auto wird geliehen, das alte Ehepaar, das noch nie eine längere Reise unternommen hat, bricht in die Hauptstadt auf.

Mit ihren Augen betrachtet ist alles ungewohnt, man kann also kaum einschätzen, was an dem, was sie unterwegs sehen, wirklich "neu" ist. Etwas erscheint allerdings zweifelhaft an den medizinischen Qualitäten des "Neuen". Die beiden finden zwar eine Klinik, doch das Gesundheitssystem scheint stillzustehen: "Der erste Tag ist unschuldig, wir warten und heben jedes Mal, wenn jemand durch den Flur kommt, erwartungsvoll den Kopf. Es ist aber immer nur ein neuer Kranker, der sich eine Nummer zieht und zu uns gesellt. Niemand wird aufgerufen, niemand geht, und kein Pfleger kommt in unsere Nähe."

Vergessen, wie die perfekt organisierte Münchner Reisegruppe, nachdem Nime sie in einem früheren Kapitel verlassen hat, sitzen der alte Mann und seine Maran in der Hauptstadtklinik fest. Das "Neue", das man doch eher mit einer "Verbesserung" in Verbindung bringen würde, ist offenbar durch etwas Unberechenbares außer Kraft gesetzt worden.

© SZ vom 02.06.2020

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