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"Der Richter" im Kino:Peter Pan geht vor Gericht

Robert Downey Jr. Vera Farmiga

Robert Downey Jr. und Vera Farmiga in "Der Richter".

(Foto: AP)

Halb Justiz-Thriller, halb Familiendrama: "Der Richter" mit Robert Downey Jr. und Robert Duvall erzählt auf eine Weise vom Sterben, die für das amerikanische Kino höchst ungewöhnlich ist.

Bei der schönsten Szene in diesem Film weiß man nicht so recht, ob man lachen oder weinen soll, und die beiden Protagonisten - das ist die Stärke dieser Szene - wissen es auch nicht. Der Richter Joseph Palmer und sein Sohn Hank haben sich da schon angenähert, zwangsläufig, aber nicht genug für die Intimität, die ihnen dieser Abend abverlangt. Nur Hank weiß, dass der Vater Krebs hat und heimlich eine Chemotherapie macht, die er schlecht verträgt. Er kippt um im Bad, macht sich in die Hose, und Hank hievt den alten Mann in die Badewanne, während die Enkelin an die Tür hämmert und wissen will, was los ist.

Dieser Moment verlangt ihnen endlich Komplizenschaft ab, und er ist so absurd und furchtbar, dass sie sich irgendwann ins Lachen retten müssen. Robert Duvall und Robert Downey Jr. liefern dafür ein Wechselspiel der Emotionen ab - Duvall, der vor 30 Jahren schon mal einen Oscar bekam, dürfte damit im diesjährigen Rennen um die Darstellerpreise ziemlich weit vorne sein; und Robert Downey Jr. hat sich hier sehr weit vom "Iron Man" entfernt - der Film ist sein Baby, er ist auch der Produzent.

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Songs vom lebenden Toten

Er spielt den coolen, erfolgreichen Superanwalt Hank Palmer: "Unschuldige können sich mich nicht leisten", ist einer seiner Sprüche. Er kommt zurück in das Kaff in Indiana, in dem er aufgewachsen ist, erstmals seit mehr als zwanzig Jahren, zur Beerdigung seiner Mutter. Mit dem Vater hat er nie wieder geredet, seit er weggegangen ist - er ist dort der Richter, der Dorfpatriarch, ein knallharter Prinzipienmensch, der Hank immer noch wie das Problemkind behandelt, das er einst gewesen ist.

Wenn er ihn denn überhaupt irgendwie behandelt. Erst einmal lässt er ihn links liegen, spricht nicht mit ihm, fährt mit den beiden anderen Söhnen allein zur Beerdigung. Eigentlich ist Hank schon auf dem Rückweg nach Chicago, als sein Bruder Glen (Vincent D'Onofrio) ihn wieder zurückpfeift: Der Vater wird beschuldigt, in der Nacht nach der Beerdigung einen Mann überfahren zu haben auf einer einsamen Straße - und obwohl der alte Mann nun sagt, er wisse von nichts, sprechen alle Beweise gegen ihn.

Verschiedene Versionen von Männlichkeit

Hank bleibt also bei einem Vater, der kaum mit ihm redet und vertritt ihn vor Gericht. Daheim in Chicago sieht es eh gerade nicht rosig aus: Seine Frau lässt sich von ihm scheiden, die Tochter bekommt er nur übers Wochenende. Er will unbedingt, dass der Vater anerkennt, was für ein brillanter Jurist er geworden ist. Die beiden liefern sich, im Gerichtssaal und zu Hause, ein Gefecht - wie Captain Hook und Peter Pan: manchmal komisch, oft bitter. Hank ist nicht cool, er steckt voller Komplexe. Letztlich geht es für ihn ums Erwachsenwerden - darum, all seine fürchterlichen Erinnerungen an die Teenagerjahre, die Disziplinierungen durch den Vater, hinter sich zu lassen.

Vor allem Duvalls Figur ist großartig, weil er von diesem Richter, der einen erst einmal an den kaltherzigen Vater denken lässt, den er in "Der große Santini" gespielt hat, nach und nach ein stimmiges Bild zeichnet: das eines Mannes, in dessen Generation Liebe nicht anders definiert war, sich aber ganz anders äußerte - und so kann man in dem Schlagabtausch dann auch ganz gut sehen, wie sich die Vorstellung von Männlichkeit verändert hat.

Dave Dobkin, sonst für Komödien zuständig ("Shanghai Knights"), hat "Der Richter" inszeniert, nach einem Originaldrehbuch. Geschichten, die nicht schon als Roman erprobt sind oder auf Tatsachen beruhen, sind im amerikanischen Kino inzwischen fast zur Rarität geworden - nur sind hier für einen richtig großartigen Film doch ein paar Szenen zu sentimental und plakativ.

Zwischen Gerichtsthriller und Familiendrama

Vor allem der große Showdown vor Gericht, bei dem Hank dann endlich seinen Vater zu verstehen beginnt. Dass "Der Richter" zwischen den Genres hin- und hertänzelt, sich manchmal als Gerichts-Thriller aufplustert, dann aber doch wieder ein Familiendrama der leisen Töne ist - das spricht aber ganz unbedingt für ihn. Schon weil er die Genres so gegen den Strich bürstet, und sich, nicht nur in der Badezimmer-Szene, ein paar Dinge traut, die das amerikanische Kino sonst lieber weglässt, wenn es ums Sterben geht.

Der Verlust der Eltern, das ist im Kino, besonders im amerikanischen, derzeit ein Dauerthema - allein in den letzten Wochen folgten "Sieben verdammt lange Tage", "Wish I Was Here" und "Der Richter" aufeinander. Warum das gerade heute so ist, obwohl die Menschen doch eigentlich immer älter werden, viele Leute ihre Eltern viel später verlieren, als es noch vor einem halben Jahrhundert normal gewesen ist? Die wiederkehrende Konstellation in diesen Filmen ist, dass die Familien, die die Jungen gegründet haben, zerbrochen sind und sie auf die Familie zurückgeworfen werden, in der sie aufgewachsen sind - da spiegelt das Kino die Welt, wie sie ist. Und vielleicht sind die Zeiten auch ganz besonders günstig für Peter Pans Traum von der ewigen Kindheit.

The Judge, USA 2014 - Regie: David Dobkin. Drebuch: Nick Schenk, Bill Dubuque. Kamera: Janusz Kaminski. Mit: Robert Downey Jr., Robert Duvall, Vera Farmiga, Vincent D'Onofrio, Billy Bob Thornton. Warner, 141 Minuten.