Mediaplayer:Dick rinnt das Blut

Der Prinz

Jaime (Juan Carlos Maldonado) begeht einen Mord aus Eifersucht.

(Foto: Edition Salzgeber/Edition Salzgeber)

Der chilenische Spielfilm "Der Prinz" von Sebastián Muñoz erzählt von einer brutalen Liebesgeschichte im Gefängnis.

Von Fritz Göttler

Ja, das war großartig, sagt Jaime in der Bar zu seinem besten Freund, der sich Gitano nennt, der Zigeuner. Der hat ihn mitgenommen auf seinem Motorrad, es war Jaimes erste Fahrt. Großartig ... der Fahrtwind, der Geruch des Benzins, des Grases. Du hattest Angst, meint Gitano fröhlich, dein Körper hat es mir gesagt. Ich wäre glücklich gestorben, erklärt Jaime, und fügt dann hinzu: Ich mag dein Lächeln. Gitano erklärt strahlend: Das ist gestohlen, mit neun war ich mal in einer Bar, da war ein Gitarrist. Er sang drei Tangos, und als wir klatschten, war da dieses Lächeln.

Man weiß nicht, was unmittelbar darauf schlimmer ist - dass Jaime im Waschraum vor dem Spiegel steht und krampfig ein Lächeln fabriziert, das aus seinem Gesicht eine schlimme Fratze macht, oder dass, wenn er zurückkommt, Gitano eng mit einem Mädchen tanzt, vor der Wurlitzer-Jukebox. Die mächtig wirkt wie eine Sexmaschine.

Er wird zu einem Mann in die Zelle gesteckt, den sie "El Potro" nennen, den Hengst

Jaime (Juan Carlos Maldonado) ist ein Junge aus San Bernardo, nahe Santiago de Chile. Er treibt sich mit den anderen Jungs herum, erprobt sich als Gigolo bei einer älteren Frau, dann entflammt die tiefe Liebe zu Gitano. Wegen eines Totschlags muss Jaime in den Knast, dort wird er zu dem älteren Ricardo in die Zelle gesteckt, den sie El Potro nennen, den Hengst. Der verbannt seinen bisherigen Jungen aus seinem Bett, später ganz aus der Zelle, nimmt in der ersten Nacht Jaime von hinten. Hier braucht jeder einen Spitznamen, sagt er, und Jaime wird der Príncipe sein, der Prinz. Alfredo Castro ist Ricardo, er hat oft für Pablo Larraín gespielt, und erinnert als Ricardo mit seiner Statur und seinem zotteligen grauen Haar ein wenig an Al Pacino.

"Der Prinz" ist der erste Spielfilm von Sebastián Muñoz, nach dem Buch von Mario Cruz. Er lief auf dem Filmfestival Venedig 2019 in der Settimana Internazionale della Critica. Von dem Buch gab es voriges Jahr auch eine deutsche Ausgabe. Florian Borchmeyer hat im Nachwort dafür die Geschichte des Buches skizziert. 1972 erschien es, ein Groschenheftchen, vom Verfasser selbst publiziert und vertrieben, in einer Auflage von einigen Tausend Stück. Cruz war Journalist und arbeitete als Schauspieler, auf dem Titel des Buchs bildete er seinen Lebenspartner damals ab. Bereits im Sozialismus Salvador Allendes gab es Repressionen für nichtheterosexuelle Gruppen. Ein Jahr später kam dann der Umsturz, die Militärdiktatur. Bis heute hat Cruz sich nicht als Schwuler geoutet. Sebastián Muñoz entdeckte das Buch in einer Ausgabe in einem Supermarkt in Santiago.

Der Prinz

Juan Carlos Maldonado und Cesare Serra in "Der Prinz".

(Foto: Edition Salzgeber/Edition Salzgeber)

"Der Prinz" versammelt Elemente einer Liebe, in der Frauen eine sehr kleine Rolle spielen, und jener Abhängigkeit, ohne die eine solche Liebe sich nie entwickeln wird. Man darf sich nicht von Objekten abhängig machen, sagt Ricardo, von einer Gitarre, einem Kater, die kann man alle zerstören. Es ist eine Zärtlichkeit zwischen den Männern, eine unerfüllte Sehnsucht, die von Minute zu Minute wächst. Ein Song von Nat King Cole gibt den Rhythmus vor, "Nature Boy", der anklingt: "And while we spoke of many things, fools and kings, this he said to me: The greatest thing you'll ever learn is just to love and be loved in return."

Es ist ein Film ohne den Genrehorror, von dem Gefängnisfilme gewöhnlich leben, den Macht- und Terror- und Sexritualen. Der Knast wirkt wie eine Jugendherberge. Die Männer liegen gut gelaunt und lachend nebeneinander auf den Pritschen, zu zweit, die Wärter halten sich - es gibt brutale Ausnahmen - aus den Zellentrakten heraus.

Die Häftlinge dürfen ihre eigenen Klamotten tragen, und bei den Besuchstagen gibt es sehr viel direkten Kontakt. Einer der Häftlinge kommt im Anzug daher, im Rollstuhl, und man begegnet ihm mit Ehrfurcht, als wäre er ein Pate. Einer, der sich als Ricardos Rivale aufspielt, zeichnet sich durch ausgesucht bunte Westen und Halstücher aus. Seine Gefolgschaft junger Männer scheint strenger organisiert als die Ricardos.

Einfach lieben und geliebt werden, im Gegenzug ... Gitano hat sich intensiv mit einem anderen Jungen eingelassen, und Jaime, als er das sah, ist langsam auf ihn zugegangen, hat einen Flaschenhals abgeschlagen und Gitano die Kehle durchschnitten. Es ist die erste Szene des Films. Die Männer und Frauen starren ungläubig, dick rinnt das Blut über den Fußboden.

"Der Prinz" von Sebastián Muñoz ist auf DVD und als Video on Demand erschienen (Edition Salzgeber).

© SZ/dbs
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