"Der Passfälscher" im Kino:Unter Nazis

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"Der Passfälscher" im Kino: Tarnexistenzen unter sich, im Berlin des Kriegswinters 1942/43: Luna Wedler und Louis Hofmann in "Der Passfälscher".

Tarnexistenzen unter sich, im Berlin des Kriegswinters 1942/43: Luna Wedler und Louis Hofmann in "Der Passfälscher".

(Foto: X Verleih/Dreifilm)

"Der Passfälscher": Die wahre Geschichte eines jüdischen Grafikers, der während des Zweiten Weltkriegs sich und andere mit gefälschten Dokumenten vor dem Konzentrationslager rettete.

Von Doris Kuhn

Wenn der Bursche lächelt, geht die Sonne auf. Er versprüht Lebensfreude, kombiniert mit jugendlicher Unschuld, sofort will jeder mit ihm lachen, nichts wird ihm übelgenommen bei diesem Strahlen im Gesicht. Das richtet er auf alle Menschen, die ihm begegnen, als Kontrast zur düsteren Stimmung des Alltags. Aber er strahlt auch strategisch: Er nutzt die Kraft seines Lächelns als Waffe, um andere zu blenden, um ihr Misstrauen zu zerstreuen. Damit bringt er die Energie in Maggie Perens Film "Der Passfälscher", er verkörpert die Leichtigkeit, die sie der Schwere des Themas entgegensetzt. Der junge Mann ist jüdischer Herkunft, er heißt Cioma Schönhaus, wir sind in Berlin, im Kriegswinter 1942/43.

Das ist die knappe Information, die man anfangs bekommt. Cioma und sein Freund Det erzählen einander, dass ihre Eltern "schon nach Osten gebracht" worden sind. Mehr sagen sie nicht, obwohl ihnen die Bedeutung der Deportation klar zu sein scheint. Maggie Peren verfilmt mit "Der Passfälscher" eine wahre und ungewöhnliche Geschichte.

Det zieht zu Cioma in die herrschaftliche Wohnung seiner Eltern. Er ist Schneider, er näht, wenn möglich, gegen Lebensmittel für die Marktfrauen. Cioma war Grafiker, arbeitet jetzt in einem Rüstungsbetrieb, das gibt ihm noch eine Existenzberechtigung, wenn auch sonst keine Rechte. Sein Meister nutzt jede Gelegenheit, ihn zu demütigen, und obwohl Cioma zumindest so tut, als würde er das gelassen wegstecken, ist es hart, den Antisemitismus mitzuerleben, der ihm nicht nur in der Fabrik entgegenschlägt. Aber das hindert beide Jungs nicht, sich mitten unter den Nazis ihr Vergnügen zu suchen. Vor aller Augen sichtbar sein ist ihre Taktik, da werden Verfolgte vielleicht nicht vermutet.

Der echte Samson "Cioma" Schönhaus konnte 1943 in die Schweiz fliehen mit einem Pass, den er selbst hergestellt hatte

Det besorgt über einen Schneiderfundus Marineuniformen, darin gehen er und Cioma zu einem Tanzabend für Offiziere. Es ist schick, es gibt Sekt, sie tragen dick auf mit dem Nazigebaren zur Täuschung. Cioma neigt zur Übertreibung, wie immer ist es sein Lächeln, mit dem er ein paar Pannen behebt - aber die reichen aus, dass die Spannung schwer erträglich wird. Zur Belohnung immerhin bekommt er eine Begleiterin, die ihn mit in ihre Dachstube nimmt, in der dann klar wird, dass auch sie eine Tarnexistenz führt.

Wie weit die Mimikry tragen kann, davon erzählt dieser Film. Wie viel man mit Chuzpe erreicht, zeigt die Hauptfigur, die auf der Biografie des echten Samson "Cioma" Schönhaus beruht. Der war 1942 knapp zwanzig Jahre alt und draufgängerisch veranlagt. Er entkam der Vernichtungsmaschinerie der Nazis, weil er 1943 mit einem seiner selbsthergestellten Ausweise in die Schweiz fliehen konnte, die sein Zuhause blieb bis zu seinem Tod 2015.

Im Film gehen Det und Cioma allerhand Wagnisse ein, manchmal haben sie Glück, manchmal können sie eine Verhaftung nur knapp abwenden, aber sogar daran hat Cioma Spaß. Ärger bekommen sie regelmäßig mit einer Nachbarin, Frau Peters. Sie beharrt eisern korrekt auf allen Regeln - außer, es springt für sie etwas heraus. Mit Ciomas Wertsachen etwa lässt sie sich bestechen, und so erlebt man an ihrem Beispiel, wie die Verfolgung der Juden für deren Mitbürger zum Geschäft wurde. Gleichzeitig weiß diese Frau Peters, dass das System, das sie unterstützt, Verbrechen begeht. Ihr Zwiespalt ist packend mitanzusehen, es ringt der Anstand mit der Selbstgerechtigkeit.

Perens Film hält sich über weite Strecken ans Abenteuerliche, er erzählt von zwei Jungs, die sich der Lebensgefahr nicht unterordnen wollen. Die Außenwelt, von der man gar nicht so viel sieht, liefert dagegen eine Atmosphäre, die der Lässigkeit von Cioma und Det diametral gegenübersteht. Mit ihr macht Peren die überall vorhandene Bedrohung spürbar, die Denunzianten, die Nazis, die den beiden stetig näher rücken. Und erst dann, als es richtig ans Eingemachte geht, mit der Polizei auf den Fersen, beginnt Cioma ernstlich zu tun, was der Filmtitel verspricht: Er fälscht Pässe, um versteckten Juden eine deutsche Identität zu verschaffen, die ihnen die Flucht ermöglicht.

Eine ganze Pass-Werkstatt macht er auf, wobei er seinen Leichtsinn in der Öffentlichkeit trotzdem beibehält. Aus haarsträubenden Situationen muss er sich herausquatschen, die Mimikry immer drastischer einsetzen, selbst sein Lächeln wird ihm manchmal dünn.

Worte, so viel macht der Film klar, sind schlüpfrige Waffen. Sie rutschen schnell aus der Verteidigung in den Verrat, sobald sie in einem Moment unbedacht benutzt werden. Vielleicht sprechen deshalb Cioma und Det kaum ernsthaft miteinander, nur einmal, als sie von einem Versteck ins nächste fliehen, halb verhungert, steckbrieflich gesucht, kommen sie zu dem Schluss, dass es egal sei, warum man etwas Gutes tut. Man muss es nur tun. Damit führt Maggie Peren zum Kern der Geschichte: Cioma Schönhaus stellt in jenem Berliner Winter genug Pässe her, um zahlreichen jüdischen Mitmenschen das Leben zu retten. Es ist sein Wagemut, der dem Film anfangs seine Leichtigkeit gibt - und am Ende sein Gewicht.

Der Passfälscher, D/Luxemburg 2022 - Regie: Maggie Peren. Drehbuch: Maggie Peren nach der Biografie von Samson "Cioma" Schönhaus. Mit Louis Hofmann, Jonathan Berlin, Nina Gummich, Luna Wedler. X Verleih, 116 Minuten. Kinostart am 13.10.2022.

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