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Der melancholische Blick:Wenn wir genauer geschaut hätten

Teenage Melancholia, aufgenommen von Christian Werner: Billie Eilish.

(Foto: Christian Werner)

Chronik der Grenzenlosigkeit: Christian Werners Bildband "Everything so democratic and cool".

Von Felix Stephan

Das Leben in der Pandemie wird diffus grundiert von dem Gefühl, dass eine bestimmte westliche Existenzform nicht nur für den Moment eine Pause einlegt, sondern womöglich für immer verloren ist. Und dass diese Existenzform lose an das Nachtleben gebunden war, an Gegenwartsemphase und an ein Gefühl allgemeiner Grenzenlosigkeit.

Als Erinnerungsstütze an diese Zeit empfiehlt sich dieser Tage der Bildband "Everything so democratic and cool" (Blake & Vargas, 2020, 35 Euro) des Berliner Fotografen Christian Werner. Dessen Blick auf den Pop und angrenzende Gegenstandsbereiche - Strände, Palmen, Clubs, Alkohol, DJs, Schriftsteller, Theorie - war schon immer leicht melancholisch verhangen. Die Welt, die Werner vorzugsweise für Hochglanzmagazine herstellt, die in teuren Boutiquen ausliegen, hatte diese leicht traurige Note, als würden sie in einer einzigen melancholischen Bewegung die Schönheit des Daseins feiern und ihren Verlust betrauern.

Auf den Bildern von Christian Werner ist das Motiv immer gleichzeitig unmittelbar präsent und schon wieder Vergangenheit, womit sie gewissermaßen die doppelte Zeitstruktur des Mediums selbst nachbilden, wie Roland Barthes sie beschrieben hat: Fotografien frieren den Augenblick ein, altern aber gleichzeitig auch selbst. Wie die Filme, die in der nur noch in schummrigen Umrissen erinnerten Zeit vor der Pandemie gedreht wurden und in denen sich die Leute zur Begrüßung todesmutig um den Hals fallen, erzählen auch Christian Werners Fotos, wenn man sie sich heute anschaut, von einer zivilisatorischen Zeitenwende. Raum, Zeit, Jugend, natürliche Ressourcen: alles scheint auf diesen Bildern im Überfluss vorhanden. Aber Christian Werners besondere Bildsprache antizipiert schon das Ende, seine Bilder schauen immer auch zurück.

Die Grenzenlosigkeit der Welt kollidiert mit unserer eigenen Beschränktheit

Vor der Pandemie hätte man diese seltsam milde Melancholie als Hinweis auf das Hamsterrad verstehen können, das die Freiheit eben auch immer bereithält: Je grenzenloser die Welt ist, desto stärker fallen uns unsere eigenen Grenzen auf und umso stärker betrübt es uns, dass wir die Möglichkeiten nie werden ganz ausschöpfen können. Die Grenzenlosigkeit der Welt kollidiert mit unserer eigenen Beschränktheit. Wie um Himmels willen soll man nur all das erleben, lesen, lernen, empfinden, was man theoretisch erleben, lesen, lernen, empfinden könnte? Kann es sein, dass man sich die Welt gelegentlich und ganz im Geheimen doch ein weniger kleiner und parzellierter wünschte? Und täuscht der Eindruck, oder wirken die Schönen und Genialen, die Christian Werner da immer in Kalifornien oder Mexiko-City oder sonstwo fotografiert (hier links und rechts der Partyszene: Billie Eilish und Diedrich Diederichsen)

, allesamt ein wenig übermüdet? Aus dem Inneren der Pandemie betrachtet fällt hingegen der verkehrslogistische Aufwand ins Auge, den diese Hochglanzwelt betreibt, um ihren Universalismus behaupten zu können. Im Epilog schreibt die Journalistin Friederike Haupt über Flugzeuge, obwohl im Buch kein einziges Flugzeug zu sehen ist. Aber das Reisen, die Gates und Gangways sind in diesen Bildern auf ihre Weise anwesend, weil sie ihre notwendige Bedingung sind. Sie sei selbst schon an einigen Orten gewesen, die auf diesen Fotos zu sehen seien, schreibt Haupt, in Bonn zum Beispiel, in Hamburg, Istanbul und Los Angeles: "Aber wenn ich die Bilder betrachte, habe ich den Eindruck, sie zeigen etwas, das auch ich hätte sehen können, wenn ich genauer hingeschaut hätte."

© SZ vom 07.08.2020

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