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Der Klaviergott:Trotzdem nackt

Composer Boris Vladimirovich Asafyev Igor Glebov with Pianist Vladimir Sofronitsky merited artwo

Der Pianist Vladimir Sofronitzky (links) zusammen mit den Komponisten Boris Asafyev und Vasily Solovyov-Sedoi (rechts).

(Foto: imago/United Archives Internatio)

Stimmungen, so überraschend wie seine Interpretation: Der russische Pianist Vladimir Sofronitzky war für Kollegen wie Svjatoslaw Richter und Emil Gilels das Genie.

Von Julia Spinola

Schon der erste Akkord dieser Chopin-Aufnahme trifft den Hörer wie ein elektrischer Schlag: scharf und hell, wie zerspringendes Kristall klingt er. Selten hat man atemloser mitvollzogen, dass Chopins h-moll-Scherzo mit einem agonalen Aufschrei beginnt, auf den ein Sturz in den Abgrund folgt. Die Achtelketten des Scherzo-Themas jagen in schier panischem Tempo davon, die synkopische Begleitfigur der linken Hand verwandelt diese Flucht in einen wilden Ritt.

Wohl niemand hat diesem Stück je einen so rauen Atem verliehen, wie der russische Pianist Vladimir Sofronitzky, der im Westen lange Zeit nur eingeschworenen Aficionados bekannt war. Aber das aberwitzige Tempo und die Härte seiner Interpretation sind alles andere als nur ein Effekt. Sie rechtfertigen vielmehr den verinnerlicht und sanft sprechenden Gestus, mit dem Sofronitzky im Ritardando der folgenden Takte den hochgepeitschten Puls zur Ruhe kommen lässt. Im glockenumglänzten Liedzitat des Mittelteils wiederum erweist er sich als Klangfarbenpoet, der aus emotionalen Tiefen schöpft.

Vladimir Sofronitzky besaß nicht nur alles, was einen herausragenden Pianisten ausmacht, sondern auf mirakulöse Weise von allem ein entscheidendes Quäntchen mehr: eine stupende Technik, ein absolut sicheres Formgefühl, eine Mischung aus Kraft, Wildheit, Freiheit und sprechender Poesie, sodann einen Reichtum an Farben, eine rhythmische Begabung sondergleichen und einen sehr speziellen, immer ein elektrisiert klingender Anschlag. Einzigartig und letztlich unerklärlich bleibt seine Fähigkeit, die Grenzen des bloßen Klavierspiels zu transzendieren und in Bereiche vordringen, in denen die Musik filterlos und unmittelbar selbst zu sprechen scheint. Von alldem kann man sich nun ein Bild machen anhand einer Box mit 10 CDs(Milestones of a piano legend. Documents) die einen Großteil der überwiegend vergriffenen Aufnahmen wieder zugänglich machen.

Die größten seiner Pianistenkollegen begegneten Sofronitzky mit grenzenloser, erstaunlich neidloser Bewunderung

1901 in Sankt Petersburg geboren, studierte Sofronitzky zunächst in Warschau, dann am Konservatorium in seiner Heimatstadt, als Kommilitone der Pianistin Maria Yudina und des Komponisten Dmitri Schostakowitsch. 1920 heiratete er eine junge Pianistin: Elena Skriabina, die ältere Tochter des Komponisten Alexander Skriabin, der 1915 gestorben war. Sofronitzky tauchte tief in die mystischen Klangsphären Skriabins ein, wurde Skriabins berufenster, posthumer Prophet und hasste es, ein "Skriabinist" genannt zu werden. Weil ihm diese Einvernahme klischeehaft erschien. Zusammen mit Elena Skriabina machte er sich 1928 über Warschau nach Paris auf, freundete sich mit den Komponisten Sergej Prokofjew und Nikolai Medtner an, kehrte jedoch nach zwei Jahren zurück in die Sowjetunion, wo man ihm prompt ein lebenslanges Reiseverbot auferlegte. Sein einziger Auftritt außerhalb der Sowjetgrenzen erfolgte 1945 auf Stalins Order hin, da spielte Sofronitzky bei der der Alliierten-Konferenz in Potsdam.

Während man hierzulande noch keine Ahnung von diesem Klaviergenie hatte, wurde Sofronitzky in der Sowjetunion wie eine lebende Legende kultisch verehrt. Zu seinen Konzerten, die stets voller Überraschungen gewesen sein sollen, pilgerte man wie zu spirituellen Sitzungen, und die größten seiner Pianistenkollegen begegneten Sofronitzky mit grenzenloser, erstaunlich neidloser Bewunderung. So der strenge Svjatoslav Richter, der ihn einmal einen "Gott" nannte, oder Emil Gilels, der anlässlich seines Todes 1961 verkündete, der "größte Pianist der Welt" sei gestorben.

Auch als die Tonarchive der Sowjetunion geöffnet wurden, nahm man Sofronitzky im Westen zunächst kaum zur Kenntnis. Der Musikbetrieb schien gesättigt von der Fülle russischer Pianisten: einer atemberaubender als der andere. Einzelne Sofronitzky-Aufnahmen waren hierzulande schon Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre zu ergattern, aber erst eine kleinere, mittlerweile vergriffene Sammlung von fünf CDs, die ergänzt wurde von einem Filmportrait über Sofronitzky, machte ein größeres Publikum vor vier Jahren mit ihm vertraut.

Sofronitzkys musikalische Heimat waren die Romantiker. Neben seinen traumwandlerisch sicheren Interpretationen gerade der schwer zu interpretierenden, exzentrisch süchtelnden späten Skriabin-Stücke und dem kraftvollen Zugriff, mit dem er Chopin von einer weichgespülten Salon-Ästhetik befreite, ist es vor allem die impulsive Fantastik Robert Schumanns, die ihm besonders liegt: die 1. Klaviersonate, die großen Zyklen "Kreisleriana", "Carnaval" und die "Sinfonischen Etüden". Legendär sind auch seine Interpretationen der Liszt-Transkriptionen von Liedern Franz Schuberts.

"Wenn ich auf die Bühne komme, trage ich sieben 'Muschelschalen' unter meinem Smoking und fühle mich trotzdem nackt. Ich bräuchte also vierzehn."

Daneben hält die Box wunderbare Aufnahmen mit Musik von Prokofjew, Rachmaninow, Borodin, Lyadov, Schostakowitsch und Glasunov bereit. Die Auswahl spiegelt mit einzelnen Beethoven-, Mozart- und Debussy-Aufnahmen glücklicherweise auch, wie breit Sofronitzkys Repertoire war. Beethovens Klaviersonaten hatte er zeitlebens im Repertoire und konzentrierte sich in seinen letzten Lebensjahren zunehmend stärker auf sie, ebenso wie auf Bach und auf Schostakowitschs Präludien und Fugen op. 87.

Vladimir Sofronitzkys Interpretationen waren so wechselhaft und unvorhersehbar wie seine Stimmungen. Er war ein von Lampenfieber getriebener, hoch emotionaler Künstler, der das Ideal einer künstlerischen Sublimierung vertrat. So erklärte er in einem seiner raren Interviews, die Emotion müsse auf der Bühne wie in einer "Muschelschale" versteckt werden. "Wenn ich auf die Bühne komme", setzte er fort, "trage ich sieben 'Muschelschalen' unter meinem Smoking und fühle mich trotzdem nackt. Ich bräuchte also vierzehn". Idealerweise wünschte er sich, nach einem Konzert, in dem er sich bis an die Grenzen entäußert habe, vom Flügel mit einer Ruhe aufzustehen, "als habe ein anderer gespielt".

Dass ein Authentizitätsfanatiker wie Sofronitzky die wenigen Studioaufnahmen, die er zuließ, als "meine Leichname" bezeichnete und den Konzertmitschnitt bevorzugte, ist kaum verwunderlich. In den späten Fünfziger- und Sechziger-Jahren, aus denen die meisten Aufnahmen stammen, zog sich Sofronitzky für seine Auftritte am Liebsten in intime Konzertsäle wie den kleinen Saal des Moskauer Konservatoriums und ins Haus der Wissenschaft zurück. Außerdem liebte er den Klang von Skriabins altem Bechstein-Flügel im Skriabin Memorial Museum.

© SZ vom 05.05.2020
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