Der Hype ums iPhone:Die Apple-Lüge

Sicher, Konsum ist per se nichts Schlechtes, doch ist der Konsument im aggressiver werdenden Kapitalismus stärker denn je gefordert, eine eigene, reflektiert-kluge Einkaufsstrategie zu entwickeln. Die Medien sollten kein Mangelgefühl erzeugen, sondern zur Mäßigung anleiten, dabei helfen, im Konsum-Wahnsinn einen kühlen Kopf zu bewahren. Denn da draußen in der hysterischen Kampfzone gibt es nur Wirtschaftswachstum, aber keine Vernunft.

apple iphone

"Dein Lebensboot sei leicht!" - Buchcover von Jerome K. Jeromes Roman "Three Men in a Boat (To Say Nothing of the Dog)".

Die Banken werben etwa forsch für Sofortkredite: "Verschaffen Sie sich einen guten Start ins neue Jahr", schreibt die HypoVereinsbank in einer Postwurfsendung, die einen Mann zeigt, der ohne neues Sofa nicht leben kann. Kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen ohne Not verschulden, weil sie Dinge kaufen, die sie eigentlich gar nicht brauchen.

Die Apple-Verklärung ist das schlagendste Beispiel für die Momente, in denen auch bei kritischen Zeitgenossen das Reflexionsvermögen aussetzt und sie blind den Wahrnehmungskanälen folgen, die das Marketing für sie bereit stellt. Obwohl es sich beim iPhone um ein normales Mobiltelefon ohne besondere technische Innovationen handelt, verkündete Steve Jobs frech: "Wir werden das Telefon neu erfinden!"

Seitdem haben die Medien tatsächlich einen Umtauschdrang bei vielen Menschen heraufbeschworen, die ihr jetziges Telefon unbedingt durch ein iPhone ersetzen werden, sobald dieses erhältlich ist. Bei amazon.de gibt es schon die ersten Vorbestellungen und begeisterten Rezensionen des Produkts, das wohl erst in 9 Monaten auf den Markt kommt und bis zu 1000 Euro kosten soll.

Dieser Mechanismus zeigt, wie virtuos Apple die Klaviatur der Konsumentenmanipulation bedient. Die Zeitspanne zwischen der Ankündigung des iPhone und seiner Verfügbarkeit erzeugt eine Periode der Erwartung und Vorfreude, die bekanntlich die größte Sehnsucht auslöst. Ein adventlich-nervöser Glanz kehrt in die Augen der Apple-Jünger zurück, den man noch aus der Kindheit kennt: An den Weihnachtsmann glauben sie zwar nicht mehr, dafür haben sie jetzt Steve Jobs! Für Apple ist es noch nicht einmal von Nachteil, dass die Produkte nachweislich eine schlechte Ökobilanz haben, denn darüber wird nur am Rande berichtet, obwohl Greenpeace dies schon seit langem anprangert.

Generell ist die Kluft zwischen Know-How und dem Handeln, das daraus abgeleitet wird, augenfällig. Das globale Primat des Kapitalismus, das sich gerade wieder beim World Economic Forum (WEF) in Davos materialisiert, braucht aufmerksamere Überwacher und Analytiker. Alljährlich gibt man sich in Davos zwar smart und selbstkritisch, widmet sich dann aber wieder der mehr oder weniger rücksichtslosen Geldvermehrung. Manchmal denkt man, es wäre mehr gewonnen, wenn man der Graubündener Bergwelt die WEF-Abgase der Luxuslimousinenkolonnen und Helikoper ersparte. In diesem Gedanken steckt ein anschauliches Beispiel für das ganze Übel: Obwohl die fossilen Energieressourcen schwinden und ihre Verbrennung die Erde verdreckt, werden die Autos immer größer und schwerer, und ihre Emissionswerte steigen.

Deshalb müssen die ökonomisch Mächtigen darauf verpflichtet werden, ein Primat der Vernunft zu installieren. Es geht nicht um einen dogmatischen Anti-Kapitalismus, sondern um einen klugen Non-Kapitalismus, der die Dinge nicht nach Zahlen und Bilanzen, sondern nach ihrem nachhaltigen Wert beurteilt.

Im Internet findet man einen Videoclip, in dem ein iPod, Apples MP3-Player, in einem Küchenmixer zu einem feinstaubigen Haufen Elektroschrott zermahlen wird. Diese Mixer-Performance hat einen aufklärerischen Zug, weil sie zeigt, dass der materielle Schnickschnack, mit dem wir uns die Zeit vertreiben, meist keine wahre Substanz hat: Am Ende zerfällt alles, wie wir selbst, zu Staub.

PS: Apple-Fans, bitte lächeln!

© sueddeutsche.de
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