Im Kino: "Der Hochzeitsschneider von Athen":Streng wie eine Bügelfalte

Lesezeit: 2 min

"Der Hochzeitsschneider von Athen"

Läuft nicht mehr: Der Herrenschneider Nikos (Dimitris Imellos, links) muss seinen Laden aufgeben.

(Foto: Nikolas Kominis/Neue Visionen)

In ihrem Film "Der Hochzeitsschneider von Athen" erzählt die griechisch-deutsche Regisseurin Sonia Liza Kenterman vom Ende des Patriarchats.

Von Fritz Göttler

Alles ist dunkel, im Herrenschneider-Geschäft von Nikos und seinem Vater, aus dunklem Holz die Regale und die Verkaufstheke, die Jalousien halb heruntergezogen, das Licht gedämpft. Gleichbleibend finster ist auch Nikos' Miene, die Hände hat er schützend vor den Bauch gelegt, während er auf Kunden wartet - die nicht mehr kommen - und kritisch nach Staubkörnchen lugt.

"Wir haben uns", sagt die Regisseurin Sonia Liza Kenterman über den Habitus ihrer Hauptfigur, "an Buster Keaton orientiert." Dimitris Imellos spielt Nikos verkniffen, so streng wie eine Bügelfalte. Als wäre er in einer Art Verteidigungsstellung, immer bereit, einen Kunden abzuwehren, seinen Bestand zu bewahren. Was den Laden angeht, hat die Bank, weil er seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommt, die Vertreibung, die Zwangsvollstreckung angekündigt.

Die Zeiten haben sich geändert, konstatiert der Vater. Für den Besuch in der Bank hat er sich perfekt gekleidet, heller Anzug, zweifarbiges Einstecktuch, auf die Krawatte abgestimmt. Ohne eine Miene zu verziehen, schreitet er durch das Gerümpel auf dem Gang vor dem Bankbüro. Das Land hat die existenzielle Finanz- und Gesellschaftskrise der letzten Jahrzehnte immer noch nicht verkraftet. Des Vaters Würde kommt aus der Einsicht, anachronistisch zu sein. Plötzlich muss er ins Krankenhaus, kriegt eine Infusionen, wird beatmet. Die Zeiten haben sich geändert ... das haben Zeiten so an sich.

Auf dem Markt herrschen die Frauen, das muss Nikos lernen

Roland Barthes schrieb in seinem Buch "Die Sprache der Mode" über die Dialektik von Verweigerung und Subversion als Grundlage der Mode, über Zurückweisung, über Aufbegehren gegen eine vorherige Fashion: Jede versteht sich als ein Recht, das natürliche Vorrecht der Gegenwart über die Vergangenheit.

Die Subversion, zu der Nikos sich gezwungen sieht, ist radikal, er muss sein Geschäftsmodell auf den Kopf stellen, seine Ladenhöhle verlassen. Er zimmert sich einen Handkarren und zieht mit ihm auf den Markt, platziert sich dort zwischen Marmeladen und antiquarischen Büchern und Fischen. Der Markt ist kein Ort fürs Patriarchat und dessen stringente Formen der Kommunikation. Die Tauschwirtschaft auf dem Markt ist Frauensache. Haben Sie nichts für Frauen, wird Nikos von vorbeiziehenden Frauen gefragt. Die alten Männer sitzen vor den Cafés, in ihren makellosen Anzügen, wie Ausstellungsstücke. Bei Nikos im Laden hängen ihre alten, individuell abgemessenen Schnittbögen.

Nikos liebt sein Metier, es ist ein Handwerk, das er mit leidenschaftlicher Eleganz praktiziert, mit einer Singer-Nähmaschine, und es sind erotische Momente, wenn seine dicke Schere durch den edlen Stoff pflügt. Wenn er Kunden berät, wird er zum Geschichtenerzähler. Kaschmir kommt aus Australien, erzählt er, nur dort gibt es das richtige Mikroklima, und man nimmt nur einen kleinen Teil des Fells, zwischen Bauch und Hals. Zögerlich akzeptiert er, die Wünsche der Frauen zu erfüllen, sie brauchen Hochzeitskleider, für ihre Töchter. Kleider, brummt sein Vater, sind etwas für Näherinnen, wir Männer schneidern! Die Nachbarin Olga hilft ihm, einen neuen Stil zu entwickeln. Nikos hilft ihrer Tochter bei den Hausaufgaben, den sprachlichen Zeitformen: Magst du die Zeit?

Die Brautkleider haben nichts von der peniblen Männer-Maßschneiderei, hier ist alles verschwenderische Weite und Schwung, Fülle und Rüschigkeit. Mit der gemeinsamen Arbeit entdeckt Nikos auch die Liebe, und einmal greift er - das ist der bewegendste Moment - Olga an die Brust: Einen kleinen Faden sieht er da hängen, den er ihr abzupfen will.

Raftis, 2020 - Regie: Sonia Liza Kenterman. Buch: Kenterman, Tracy Sunderland. Kamera: George Michelis. Schnitt: Dimitris Peponis. Musik: Nikos Kypourgos. Mit: Dimitris Imellos, Tamila Koulieva, Thanasis Papageorgiou, Stathis Stamoulakatos, Dafni Michopoulou. Neue Visionen, 100 Minuten.

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