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"Der Hobbit - Smaugs Einöde" im Kino:Zwei Köpfe, ein Pfeil

Peter Jackson hat die zweite "Hobbit"-Folge "Smaugs Einöde" teilweise atemberaubend inszeniert. Doch bei allem Staunen nimmt der Zuschauer innerlich kaum noch teil - zu flach werden die Figuren gezeichnet. Da hilft auch die Erfindung originellerer Tötungsarten nicht weiter.

Von Tobias Kniebe

Dies ist, man vergisst das leicht, nur der mittlere Teil. Der sagenhafte Schatz von Erebor ist noch nicht geborgen, die Truppen für die Schlacht der Fünf Heere rüsten sich gerade erst, das Finale wird noch auf sich warten lassen. Und doch treiben Peter Jackson und seine Filmtruppen in Neuseeland, die es mit den Heeren von Mittelerde an Mannstärke längst aufnehmen könnten, ihre Aufrüstung unaufhaltsam voran.

War Jacksons "Herr der Ringe"-Trilogie am Ende eine Materialschlacht, die allein ihrer Logistik wegen schon in die Filmgeschichte einging, dann wird nun klar: Sein ebenfalls dreiteiliger "Hobbit" soll all das noch weit übertreffen. Und falls eines Tages die Frage aufkommt, was die Neuseeländer in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts so getrieben haben, könnte die Antwort der Historiker lauten: Sie waren mit der Herstellung von Tolkien-Verfilmungen vollauf beschäftigt.

Was den Oxfordgelehrten und Privatmythologen J. R. R. Tolkien betrifft: Im zweiten Teil der Verfilmung, die den Episodentitel "Smaugs Einöde" trägt, werden die Kapitel sieben bis dreizehn seines ersten, eigentlich für Kinder gedachten, auf jeden Fall aber sehr gemütlichen Buchs "The Hobbit" verhandelt. Nicht umsonst heißt das Werk in Deutschland auch "Der kleine Hobbit".

Eklige Riesenspinnen kommen vor, unfreundliche Waldelben und der feuerspeiende, todbringende, für Schmeicheleien aber durchaus empfängliche Riesendrache Smaug. Alles in allem ist der Stoff überschaubar - viel zu überschaubar für die neuseeländische Nationalökonomie, für Peter Jackson und das globale Actionkino. Denn vermarktet wird das Ganze nach wie vor über Warner Brothers in Hollywood.

Also muss alles weiter hysterisiert, beschleunigt und überspitzt werden, mit Ork-Verfolgern und endlosen Gefechten, mit langen Zwischenschnitten in die Festungen des Bösen, wo sich Unheil zusammenbraut, und mit der "Ticking Clock" der Action-Dramaturgie, die kaum Zeit zum Luftholen lässt. Am besten kann man das erkennen, wenn man die Flucht aus der Höhle der Waldelben betrachtet - wie sie bei Tolkien war, und was Peter Jackson und seine Techniker daraus gemacht haben.

Superhelden der Orkvernichtung

Hobbit Bilbo, der Titelheld, inzwischen mit einem Ring bewaffnet, der ihn unsichtbar macht, befreit in diesem Kapitel seine Weggefährten - dreizehn Zwerge - aus den Kerkern der Elben. Dann steckt er sie in Weinfässer und wirft sie in einen Bach, der sie unbemerkt davonträgt - erst unterirdisch, dann überirdisch. Im Buch sind die Fässer verschlossen, die Zwerge sicher verstaut, und Bilbos Hauptproblem ist es, auf einem drehenden und tanzenden Fass irgendwie obenauf zu bleiben - dem widmet Tolkien eine menschlich sehr nachvollziehbare Passage. Weiter passiert bis zur Flussmündung nichts.

Im Film dagegen treiben die Zwerge in offenen Fässern, und das müssen sie auch - denn am Ufer lauern schon Horden von sabbernden, riesenhaften Orks. Ihnen wiederum folgen zwei Kampfelben von äußerster Agilität und Tödlichkeit - wahre Superhelden der Orkvernichtung. Und so beginnt nun eine Art mobiles Wildwassergemetzel in reißender Bergbachgeschwindigkeit, Zwerge surfen in Fässern, Elben surfen auf Zwergen, sie springen sogar von Zwergenkopf zu Zwergenkopf. Streitäxte krachen, Pfeile schwirren, rollende Fässer machen Feinde platt, Orks werden enthauptet, an Bäume genagelt, und - falls sie zu dicht zusammenstehen - auch mal paarweise durchbohrt: zwei Köpfe, ein Pfeil.

Rein handwerklich ist das sensationell. Der Rhythmus, die Choreografie, die Kreativität und Geschwindigkeit dieser Sequenz sind atemberaubend - so wurde ein Wildbach noch nie in eine Actionszene eingebaut. Sobald man aber wieder Luft holen kann, fragt man sich doch: Um welche Kreativität geht es hier eigentlich?

Was alle Abenteuer erdet

Letztlich darum, originelle Tötungsarten zu erfinden - noch origineller als im letzten Teil. Und zwar für Wesen, die man zuvor als lebensunwerte Brut des Bösen gebrandmarkt hat. Sollte sich eines Tages herausstellen, dass Orks doch eine Seele haben, dass sie vielleicht nur gefallene Engel sind, die man hätte bekehren können - dann möchte man nicht wissen, wie es um das Karma des Peter Jackson inzwischen bestellt ist.

Tatsächlich ist für diese Art der Virtuosität, die mit Atemlosigkeit und Gigantomanie gekoppelt ist, ein Preis zu bezahlen - man staunt, aber man nimmt innerlich kaum noch teil. Anders als bei Tolkien, dessen Bücher nicht umsonst von Kindern und Erwachsenen immer noch heiß geliebt werden.

Im "Hobbit" geht es immer wieder, ganz simpel, um die Sehnsucht nach einem anständigen Frühstück. Das erdet alle Abenteuer und führt alles wieder aufs menschliche Maß zurück. Und irgendwie glaubt man, dass auch Peter Jackson das spürt, dass auch ihm das Menschen- bzw. Zwergen- und Hobbitrecht auf ein gutes Frühstück nicht fremd ist. Aber er gönnt sich einfach nicht mehr die Zeit, solchen Momenten zu folgen - trotz der Überlänge, die auch dieser Teil wieder hat.

Was dabei verloren geht, zeigt ein Blick zurück. Im selben Jahr, als Tolkiens "Hobbit" erschien, brachte Walt Disney "Schneewittchen und die sieben Zwerge" ins Kino. Er hatte noch viel weniger Material als Jackson - nur ein sehr kurzes Märchen der Brüder Grimm. Und doch hat jeder seiner sieben Zwerge Marotten und Eigenschaften, Ängste und Sorgen, sprich: eine vollständige Persönlichkeit.

Disneys Zeichner brauchten dafür nur 83 Minuten - aber das waren halt Genies. Stellt man die mehr als fünf Stunden dagegen, die Jacksons "Hobbit"-Saga bisher schon dauert, muss man anmerken: Man kann seine Zwerge noch immer nicht auseinanderhalten - und nur die wenigsten haben Ansätze zu einer Persönlichkeit.

Im Notfall auch ohne den Schöpfer

Solange die "Herr der Ringe"-Filme im Kino liefen, hat man den Filmemacher Jackson immer gern mit einem Hobbit verglichen: der Kugelbauch, seine Bescheidenheit, das freundliche Wesen. Dann hätte er aber, nach seinem ersten gewaltigen Abenteuer und seinen Oscars, ins kontemplative Leben eines Hobbits zurückkehren müssen. Was er wohl auch wollte - ursprünglich sollte mal ein anderer Regisseur Regie führen. Warum nur hat ihn die Hobbit-Industrie, die er selbst erst schuf, dann doch wieder eingeholt?

Vielleicht liegt es daran, dass filmische Fantasy-Universen, wenn sie erst einmal groß genug sind, sich selbst endlos weiter ausdehnen - wie Universen das eben tun. Auch George Lucas wollte es schon nach dreimal "Star Wars" gut sein lassen - und sich schöneren Dingen zuwenden. Nur: das Leben, oder das Schicksal, oder die Fans - sie ließen ihn einfach nicht. Bis er alles verkaufte und in die Rente floh. Jetzt geht es trotzdem weiter - ohne ihn.

Auch Peter Jackson wird den Druck der neuseeländischen Ökonomie gespürt haben. So viele hungrige Münder, und so ein tolles Ding, was wir hier laufen haben! Vielleicht aber ist er am Ende doch kein Hobbit, sondern eher ein Zwergenkönig. Diese nämlich, bei Tolkien kann man es nachlesen, hämmern und schmieden und tunneln und horten Gold, bis sie sagenhaft reich und sagenhaft mächtig sind. Und dann hämmern und schmieden und tunneln und horten sie weiter - bis der Drache kommt. Weil sie einfach nicht wissen, wann Schluss ist.

The Hobbit: The Desolation of Smaug, USA 2013 - Regie: Peter Jackson. Buch: P. Jackson, Fran Walsh, Philippa Boyen, Guillermo del Toro. Kamera: Andrew Lesnie. Mit Ian McKellen, Martin Freeman, Richard Armitage. Verleih: Warner, 160 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 11.12.2013
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