"Der Hobbit - Smaugs Einöde" im Kino:Was alle Abenteuer erdet

Letztlich darum, originelle Tötungsarten zu erfinden - noch origineller als im letzten Teil. Und zwar für Wesen, die man zuvor als lebensunwerte Brut des Bösen gebrandmarkt hat. Sollte sich eines Tages herausstellen, dass Orks doch eine Seele haben, dass sie vielleicht nur gefallene Engel sind, die man hätte bekehren können - dann möchte man nicht wissen, wie es um das Karma des Peter Jackson inzwischen bestellt ist.

Tatsächlich ist für diese Art der Virtuosität, die mit Atemlosigkeit und Gigantomanie gekoppelt ist, ein Preis zu bezahlen - man staunt, aber man nimmt innerlich kaum noch teil. Anders als bei Tolkien, dessen Bücher nicht umsonst von Kindern und Erwachsenen immer noch heiß geliebt werden.

Im "Hobbit" geht es immer wieder, ganz simpel, um die Sehnsucht nach einem anständigen Frühstück. Das erdet alle Abenteuer und führt alles wieder aufs menschliche Maß zurück. Und irgendwie glaubt man, dass auch Peter Jackson das spürt, dass auch ihm das Menschen- bzw. Zwergen- und Hobbitrecht auf ein gutes Frühstück nicht fremd ist. Aber er gönnt sich einfach nicht mehr die Zeit, solchen Momenten zu folgen - trotz der Überlänge, die auch dieser Teil wieder hat.

Was dabei verloren geht, zeigt ein Blick zurück. Im selben Jahr, als Tolkiens "Hobbit" erschien, brachte Walt Disney "Schneewittchen und die sieben Zwerge" ins Kino. Er hatte noch viel weniger Material als Jackson - nur ein sehr kurzes Märchen der Brüder Grimm. Und doch hat jeder seiner sieben Zwerge Marotten und Eigenschaften, Ängste und Sorgen, sprich: eine vollständige Persönlichkeit.

Disneys Zeichner brauchten dafür nur 83 Minuten - aber das waren halt Genies. Stellt man die mehr als fünf Stunden dagegen, die Jacksons "Hobbit"-Saga bisher schon dauert, muss man anmerken: Man kann seine Zwerge noch immer nicht auseinanderhalten - und nur die wenigsten haben Ansätze zu einer Persönlichkeit.

Im Notfall auch ohne den Schöpfer

Solange die "Herr der Ringe"-Filme im Kino liefen, hat man den Filmemacher Jackson immer gern mit einem Hobbit verglichen: der Kugelbauch, seine Bescheidenheit, das freundliche Wesen. Dann hätte er aber, nach seinem ersten gewaltigen Abenteuer und seinen Oscars, ins kontemplative Leben eines Hobbits zurückkehren müssen. Was er wohl auch wollte - ursprünglich sollte mal ein anderer Regisseur Regie führen. Warum nur hat ihn die Hobbit-Industrie, die er selbst erst schuf, dann doch wieder eingeholt?

Vielleicht liegt es daran, dass filmische Fantasy-Universen, wenn sie erst einmal groß genug sind, sich selbst endlos weiter ausdehnen - wie Universen das eben tun. Auch George Lucas wollte es schon nach dreimal "Star Wars" gut sein lassen - und sich schöneren Dingen zuwenden. Nur: das Leben, oder das Schicksal, oder die Fans - sie ließen ihn einfach nicht. Bis er alles verkaufte und in die Rente floh. Jetzt geht es trotzdem weiter - ohne ihn.

Auch Peter Jackson wird den Druck der neuseeländischen Ökonomie gespürt haben. So viele hungrige Münder, und so ein tolles Ding, was wir hier laufen haben! Vielleicht aber ist er am Ende doch kein Hobbit, sondern eher ein Zwergenkönig. Diese nämlich, bei Tolkien kann man es nachlesen, hämmern und schmieden und tunneln und horten Gold, bis sie sagenhaft reich und sagenhaft mächtig sind. Und dann hämmern und schmieden und tunneln und horten sie weiter - bis der Drache kommt. Weil sie einfach nicht wissen, wann Schluss ist.

The Hobbit: The Desolation of Smaug, USA 2013 - Regie: Peter Jackson. Buch: P. Jackson, Fran Walsh, Philippa Boyen, Guillermo del Toro. Kamera: Andrew Lesnie. Mit Ian McKellen, Martin Freeman, Richard Armitage. Verleih: Warner, 160 Minuten.

© SZ vom 11.12.2013
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB