Im Kino: "Der Himmel über dem Camino":Gehen ist die beste Medizin

Himmel über Camino

Auf dem Jakobsweg: Julie (vorn) hat kurz hintereinander ihren Ehemann und ihren Sohn verloren - die Pilgerfahrt soll ihr neuen Halt geben.

(Foto: Verleih)

Die Dokumentation "Der Himmel über dem Camino" begleitet sechs Wanderer auf dem Jakobsweg, zwischen Vergänglichkeit, Trauer und Lebensgenuss.

Von Sarah Zapf

Zu den bekannten Kinohits über den Jakobsweg, wie "Ich bin dann mal weg", "Pilgern auf Französisch" oder "Dein Weg", gesellt sich ein neuer zeitgemäßer Film dazu, der ebenso ein Erfolg werden könnte. In "Der Himmel über dem Camino - Der Jakobsweg ist Leben!" begleiten die neuseeländischen Filmemacher Noel Smyth und Fergus Grady sechs Menschen aus Australien und Neuseeland auf dem wohl berühmtesten Pilgerweg. In ihrer Dokumentation geht es um das aufrichtige und vertrauensvolle Kennenlernen der Wandernden während der 800 Kilometer langen Reise auf dem beliebten Teilstück, dem Camino Francés, mit Start in den Pyrenäen an der französischen Grenze.

Die Pilger Julie, Susan, Terry, Mark, Claude und Cheryl wollen den berühmten Wallfahrtsort Santiago de Compostela erreichen, in dem sich das Grab des Apostels Jakobus in der Kathedrale befinden soll, das seit mehr als tausend Jahren von Gläubigen aus aller Welt aufgesucht wird. Die Pilger der ersten Stunde führten meist wertvolle Geschenke im Gepäck, die sie dem Patron am Ende ihrer Reise darbringen wollten. Durch ein Dekret von Papst Calixto II. konnten sie in "Heiligen Jahren", wenn der 25. Juli als Tag des Apostels auf einen Sonntag fiel (so wie auch dieses Jahr), auf den Erlass ihrer Sünden hoffen. Während Pilger im Mittelalter den Weg zur "Heiligen Stadt", die durch Papst Alexander III. auf eine Stufe mit Jerusalem und Rom gestellt wurde, als reuevolle Gläubige beschritten, geht es heute aber weniger um Sündenerlass und Seelenreinigung.

Das seelische Gepäck ist dennoch für viele der Pilgernden schwer. "Himmel über dem Camino" lenkt den Blick auf die persönlichen Krisen, die alle Porträtierten in unterschiedlicher Weise verbindet, es geht um Tod, Trennung und Verlust. Julie, eine Frau mittleren Alters, hat kurz hintereinander ihren Ehemann und ihren Sohn verloren. Mark begibt sich mit seinem Stiefvater auf den Weg, um den Tod seiner 17-jährigen Stieftochter durch eine Krankheit zu verkraften und eine Antwort auf seine Frage zu finden, warum sie so früh gehen musste. Die 70-jährige Susan erhofft sich nach starken gesundheitlichen Problemen wieder mehr Lebensqualität. Und Cheryl möchte den Tod der Liebe ihres Lebens und ihres Vaters verkraften und die Reise zur Selbstreflexion nutzen.

Alle Wandernden lernen zu trauern, um wieder frei zu sein. Dabei hat jeder sein eigenes Tempo, seinen ganz individuellen Jakobsweg, es geht ums Getriebensein und Sichtreibenlassen, um Festhalten und Loslassen. Das Wandern hilft, Dinge auszusprechen, die man im normalen Alltag niemandem sagen würde. Es geht auch elementar darum, einen Tag nach dem anderen zu bewältigen, eine heilsame oder zumindest stärkende Routine aufzubauen. Die besondere Gemeinschaft der sechs Pilger wirkt lebensbejahend und trostreich. Jeder ist auf den anderen angewiesen, niemand geht den Weg ganz alleine.

Neben dem Schmerz sollte man aber nicht verschweigen, dass die Reise auch durch wunderschöne Landschaften im Wilden Westen Europas geht, durch urige Wälder und verschlafene Dörfer, dass man interessante Dinge beobachten darf, wie Esel an einer Tränke in der spanischen Wildnis, dass Drohnenflüge der Kamera die Perspektive weiten und Klänge lokaler Musiker die Erzählung vorantreiben. Ein Film, der einen mit auf den Jakobsweg zieht und nicht recht wieder loslassen möchte.

Camino Skies, Neuseeland/Australien 2019 - Regie: Noel Smyth, Fergus Grady. Kamera: Noel Smyth. Ascot Elite Entertainment, 80 Minuten.

© SZ/kni
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