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"Der große Krieg" von Adam Hochschild:Männliche Dummheit

Ganz ähnlich sah es in der britischen Frauenbewegung aus. Bis 1914 war sie ausgesprochen kämpferisch, zuckte auch nicht davor zurück, die Scheiben in Downing Street einzuwerfen. Den Krieg sah sie als männliche Dummheit an. Doch die größte Organisation, die Woman's Social and Political Union (WSPU) schwenkte mit Kriegsbeginn auf einen patriotischen Kurs ein - und die Regierung begnadigte alle inhaftierten Suffragetten. Militante Frauen sollten nun ihre Aufgabe darin sehen, "den Geist der Militanz in den Männern zu wecken". Leicht konnte der Pazifismus aussehen wie Verrat an den Brüdern, Söhnen, Männern, die an der Front standen. Selbst der berühmteste der Pazifisten, der Mathematiker Bertrand Russell, ein in fast jeder Hinsicht unkonventioneller Mann, bekannte: "Die Liebe zu England ist fast das stärkste Gefühl, das ich habe."

Dieser ohnedies schon tiefe Patriotismus wurde propagandistisch angeheizt, mit einer Hemmungslosigkeit, die alles Dagewesene übertraf. Dass der Krieg eine im Wohlstand erschlaffte Zeit moralisch reinigen und kräftigen werde ("Frischer Wind" oder "Desinfektion" waren gern benutzte Metaphern), das wurde in England nicht anders als in Deutschland verbreitet. In der Daily Mail hieß es 1912: "Der Frieden hätte und hat manch eine Nation zugrundegerichtet, versorgt er uns doch mit einem Übermaß an allen Dingen, ausgenommen die Stärkungsmittel Entbehrung und Opfer." Und der Autor fuhr fort: "Selbst der schlimmste Krieg richtet wenig realen Schaden an."

Nichts hätte falscher sein können. Ganz Europa hatte Teil an diesem Irrtum, niemand hatte den Krieg in diesen Dimensionen vorhergesehen, in seinem Materialverbrauch und seinen menschlichen Opfern. Gerade deswegen kam es zu den schrecklichen Verlusten. Als die ersten Katastrophen sich ereignet hatten, wollten die Verantwortlichen sie nicht zur Kenntnis nehmen. Bis zuletzt und über den November 1918 hinaus etwa glaubte die britische Führung, die Kavallerie werde wie in den vergangenen Jahrhunderten zuletzt die Entscheidung bringen - grotesk angesichts der von Grabensystemen durchzogenen Schlachtfelder.

Der Kolonialkrieg hätte auf die neuen Bedingungen aufmerksam machen müssen. In der Schlacht bei Omdurman 1898 griffen die Truppen des Mahdis, bewaffnet mit Schwertern und Lanzen, an; das britische Maschinengewehrfeuer metzelte sie nieder. Circa 10 500 Sudanesen fielen, die Briten (und die mit ihnen kämpfenden Ägypter) verloren 48 Mann. Der Kampf mit der "blanken Waffe" war völlig sinnlos geworden gegen Maschinengewehrstellungen. Wie konnte 1915 noch ein Bajonettangriff befohlen werden "nach echter nothumbrischer Manier"?

Das Buch wühlt den Leser auf

Dazu trat die moralische Verblendung. Die Armeeführung nahm die riesigen Verluste hin, gewöhnte sich an sie, und nahm sie bald schon als Zeichen militärischer Bewährung. Der naheliegende Verdacht, die Elite habe hier die kleinen Leute geopfert, geht allerdings fehl. Die Verluste unter den Offizieren waren höher als unter den Mannschaften, auch die Spitzen der Gesellschaften bleiben nicht verschont. Violet Cecil, Schwiegertochter Lord Salisburys, der im 19. Jahrhundert mehrfach Premierminister gewesen war, musste erleben, dass ihr einziger Sohn fiel. Sie war untröstlich, wollte auch nichts von "künftigem Leben" hören. Um den toten Sohn zu ehren, setzte sie seinem Internat Winchester eine Stiftung aus. Und dann war es ein Schießstand, den sie bauen ließ. So pflanzte sich die Kriegsbereitschaft fort: Je höher die Verluste wurden, desto unnachgiebiger wurde gekämpft. Die schon gebrachten Opfer sollten nicht umsonst sein.

Warum ist Hochschilds Buch, ein Buch, wie es in Deutschland kaum geschrieben werden könnte, ein so großer Eindruck? Gewiss ist für hiesige Leser der Blick auf die britischen Verhältnisse interessant, auch da, wo sie den deutschen ähneln, zum Beispiel in der Kriegsbejahung aus kulturpessimistischem Geist. Aber man wird Hochschild nicht einfach lesen, um etwas über Großbritannien 1914/18 zu erfahren. Warum dann? Adam Hochschilds Buch zeigt kein neues Bild des Gegenstandes. Trotzdem wühlt es den Leser auf, auch den, der über die wesentlichen Dinge informiert zu sein glaubt. Es schockiert die Anschaulichkeit, die quellennahe Darstellung, die, wenn man so will, kunstvolle Naivität, mit der Hochschild den Opfern nahekommt. Sieht man von den wenigen Kämpfern für den Frieden ab, scheinen alle verblendet zu sein bis zum Wahnsinn.

In dieser Verblendung zeigt sie Hochschild, doch ohne das Bild mit seinem moralischen Urteilsspruch zu bekrönen. Das ist vielleicht die größte der Fähigkeiten des Autors: die Ereignisse aus einer moralischen Ergriffenheit zu schildern, die nicht auf Richtertum zielt. Richten hält uns die Dinge vom Leib. Wer Hochschild liest, der fühlt sich wie von Wellen des Entsetzens mitgerissen.

John Buchan, einer der Chefpropagandisten des Kriegs, bekannte nach dem Krieg einmal nebenbei, er könne nicht mehr den Homer lesen, dessen Verherrlichung des Krieges sei ihm unerträglich geworden. Die Einsicht, von riesigen Propagandaapparaten in die Irre geführt worden zu sein, führte zu einem Zynismus, wie Hochschild schreibt, oder vielleicht besser: zu einer moralischen Unsicherheit, der von England aus den Aufstieg Hitlers begünstigte. Viscount Rothermere, Herausgeber der Daily Mail, gab schon 1917 einem Journalisten gegenüber zu: "Wir erzählen Lügen . . . Sie haben die Korrespondenten gesehen . . . Sie sagen nicht die Wahrheit und wir wissen, dass sie lügen." Rothermere verlor zwei Söhne im Krieg, den er mit angeheizt hatte. In den Dreißigerjahren wurde er zu einem Vertreter der Appeasement-Politik.

© SZ vom 28.10.2013/ahem

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