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"Der große Krieg" von Adam Hochschild:Verblendet bis zum Wahnsinn

Deutscher Soldat bei Gaseinsatz, 1918

"Der große Krieg" von Adam Hochschild kommt den Opfern des Ersten Weltkriegs sehr nahe.

(Foto: SZ Photo)

In schockierender Anschaulichkeit erzählt Adam Hochschild von der Grausamkeit des Ersten Weltkriegs. Das 500-Seiten-Werk "Der große Krieg" zeigt kein neues Bild - wühlt aber trotzdem auf und schockiert.

Am Vormittag des 25. September 1915 begannen britische Truppen einen Angriff auf die deutsche Front bei Loos in Flandern. Etwa 10 000 Soldaten marschierten "in großer Breitenausdehnung" auf den Gegner zu. Ein deutscher Bericht schrieb später: "Die Richtschützen an den M. Gew. leisteten die sauberste Arbeit, die sie je geleistet haben . . . die Schlösser schwimmen im Öl . . . Von links nach rechts, von rechts nach links; 12 500 Patronen speien allein unsre M. Gew!"

Die wenigen Briten, die überhaupt bis zu den deutschen Drahtverhauen gelangt waren, mussten dort kehrtmachen. Als sie sich zurückzogen, hörten die Deutschen auf zu feuern. "Meine Maschinengewehrschützen waren so voller Mitleid, Betroffenheit und Ekel", sagte später ein deutscher Kommandeur, "dass sie sich weigerten, auch nur einen einzigen Schuss abzugeben."

Einen anderen Angriff an diesem Tag führten die Northumberland Fusiliers. Ihr Kommandeur hatte befohlen, dass "der Angriff nach echter nothumbrischer Manier mit dem Bajonett geführt wird". An die 10000 Soldaten rückten unter Hurra-Rufen vor. Noch 100 Meter von den deutschen Drahtverhauen entfernt, eröffneten die feindlichen Maschinengewehrstellungen das Feuer. Die Männer, so ein britischer Bericht, fielen "wie Getreide vor der Sense". Die Briten verloren 8000 Mann: gefallen, verwundet, vermisst.

Ein Jahr später eröffnen die Briten die große Offensive an der Somme. Am ersten Tag, dem schwärzesten der britischen Militärgeschichte, starben mehr als 20 000 Mann. Es war das gleiche grauenvolle Bild. Die Angreifer verbluteten im Maschinengewehrfeuer. Seit zwei Jahren war das die beherrschende Tatsache an der Westfront, nachdem der Krieg sich festgefressen hatte: Gegen MGs und Stacheldraht kam keine Offensive an. Und doch wurde sie Mal um Mal befohlen. Die Soldaten machten mit.

Für den ersten Tag der Sommeschlacht hatte der Befehlshaber des 8. East Surrey Battalion jedem seiner vier Züge einen Fußball spendiert und dem Zug einen Preis versprochen, der den Ball bis zum deutschen Graben träte. Ein Zug schrieb auf den Ball: "Der große Europacup / Das Finale: East Surreys gegen Bayern."

Loyalität und Rebellion

Das sind drei der Geschichten, die Adam Hochschild über den Ersten Weltkrieg erzählt. Hochschild lehrte Journalismus in Berkeley, er ist mit Büchern über den Kongo-Freistaat und über den Kampf gegen die Sklaverei bekannt geworden. Sein neues Buch ist deutsch als "Der große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg" betitelt. Das führt ein wenig in die Irre. Hochschild konzentriert sich auf die Haltung zum Krieg, wie es der amerikanische Untertitel andeutet: "A Story of Loyalty and Rebellion". Dabei richtet er den Blick auf Großbritannien. Die anderen kriegführenden Staaten kommen nur vor, wo es unumgänglich ist.

Die Rebellen, von denen Hochschild berichtet, sind die Kriegsgegner. Mehr als irgendwo sonst meldeten sie sich in Großbritannien, dem politisch fortgeschrittensten Land, zu Wort. Ihren Vorkämpfern - viele von ihnen waren Frauen - gehört Hochschilds Bewunderung, dies umso mehr, als sie auch unter den Briten eine kleine Minderheit waren, von der Mehrheit angefeindet, oft genug auch bedroht.

Die Arbeiterbewegung hatte sich vor dem Krieg als große Kraft für den Frieden gezeigt, während der Julikrise 1914 gab es Friedenskundgebungen in ganz Europa. Doch als die Heere sich in Bewegung setzten, da zeigten sich die Bevölkerungen in der übergroßen Mehrheit loyal mit ihren Soldaten. Ein Kongress von Gewerkschaftsdelegierten, die zwei Millionen Mitglieder vertraten, stimmte noch 1917 in Manchester mit 5:1 dafür, den Krieg bis zur völligen Niederlage Deutschlands weiterzuführen.

Männliche Dummheit

Ganz ähnlich sah es in der britischen Frauenbewegung aus. Bis 1914 war sie ausgesprochen kämpferisch, zuckte auch nicht davor zurück, die Scheiben in Downing Street einzuwerfen. Den Krieg sah sie als männliche Dummheit an. Doch die größte Organisation, die Woman's Social and Political Union (WSPU) schwenkte mit Kriegsbeginn auf einen patriotischen Kurs ein - und die Regierung begnadigte alle inhaftierten Suffragetten. Militante Frauen sollten nun ihre Aufgabe darin sehen, "den Geist der Militanz in den Männern zu wecken". Leicht konnte der Pazifismus aussehen wie Verrat an den Brüdern, Söhnen, Männern, die an der Front standen. Selbst der berühmteste der Pazifisten, der Mathematiker Bertrand Russell, ein in fast jeder Hinsicht unkonventioneller Mann, bekannte: "Die Liebe zu England ist fast das stärkste Gefühl, das ich habe."

Dieser ohnedies schon tiefe Patriotismus wurde propagandistisch angeheizt, mit einer Hemmungslosigkeit, die alles Dagewesene übertraf. Dass der Krieg eine im Wohlstand erschlaffte Zeit moralisch reinigen und kräftigen werde ("Frischer Wind" oder "Desinfektion" waren gern benutzte Metaphern), das wurde in England nicht anders als in Deutschland verbreitet. In der Daily Mail hieß es 1912: "Der Frieden hätte und hat manch eine Nation zugrundegerichtet, versorgt er uns doch mit einem Übermaß an allen Dingen, ausgenommen die Stärkungsmittel Entbehrung und Opfer." Und der Autor fuhr fort: "Selbst der schlimmste Krieg richtet wenig realen Schaden an."

Nichts hätte falscher sein können. Ganz Europa hatte Teil an diesem Irrtum, niemand hatte den Krieg in diesen Dimensionen vorhergesehen, in seinem Materialverbrauch und seinen menschlichen Opfern. Gerade deswegen kam es zu den schrecklichen Verlusten. Als die ersten Katastrophen sich ereignet hatten, wollten die Verantwortlichen sie nicht zur Kenntnis nehmen. Bis zuletzt und über den November 1918 hinaus etwa glaubte die britische Führung, die Kavallerie werde wie in den vergangenen Jahrhunderten zuletzt die Entscheidung bringen - grotesk angesichts der von Grabensystemen durchzogenen Schlachtfelder.

Der Kolonialkrieg hätte auf die neuen Bedingungen aufmerksam machen müssen. In der Schlacht bei Omdurman 1898 griffen die Truppen des Mahdis, bewaffnet mit Schwertern und Lanzen, an; das britische Maschinengewehrfeuer metzelte sie nieder. Circa 10 500 Sudanesen fielen, die Briten (und die mit ihnen kämpfenden Ägypter) verloren 48 Mann. Der Kampf mit der "blanken Waffe" war völlig sinnlos geworden gegen Maschinengewehrstellungen. Wie konnte 1915 noch ein Bajonettangriff befohlen werden "nach echter nothumbrischer Manier"?

Das Buch wühlt den Leser auf

Dazu trat die moralische Verblendung. Die Armeeführung nahm die riesigen Verluste hin, gewöhnte sich an sie, und nahm sie bald schon als Zeichen militärischer Bewährung. Der naheliegende Verdacht, die Elite habe hier die kleinen Leute geopfert, geht allerdings fehl. Die Verluste unter den Offizieren waren höher als unter den Mannschaften, auch die Spitzen der Gesellschaften bleiben nicht verschont. Violet Cecil, Schwiegertochter Lord Salisburys, der im 19. Jahrhundert mehrfach Premierminister gewesen war, musste erleben, dass ihr einziger Sohn fiel. Sie war untröstlich, wollte auch nichts von "künftigem Leben" hören. Um den toten Sohn zu ehren, setzte sie seinem Internat Winchester eine Stiftung aus. Und dann war es ein Schießstand, den sie bauen ließ. So pflanzte sich die Kriegsbereitschaft fort: Je höher die Verluste wurden, desto unnachgiebiger wurde gekämpft. Die schon gebrachten Opfer sollten nicht umsonst sein.

Warum ist Hochschilds Buch, ein Buch, wie es in Deutschland kaum geschrieben werden könnte, ein so großer Eindruck? Gewiss ist für hiesige Leser der Blick auf die britischen Verhältnisse interessant, auch da, wo sie den deutschen ähneln, zum Beispiel in der Kriegsbejahung aus kulturpessimistischem Geist. Aber man wird Hochschild nicht einfach lesen, um etwas über Großbritannien 1914/18 zu erfahren. Warum dann? Adam Hochschilds Buch zeigt kein neues Bild des Gegenstandes. Trotzdem wühlt es den Leser auf, auch den, der über die wesentlichen Dinge informiert zu sein glaubt. Es schockiert die Anschaulichkeit, die quellennahe Darstellung, die, wenn man so will, kunstvolle Naivität, mit der Hochschild den Opfern nahekommt. Sieht man von den wenigen Kämpfern für den Frieden ab, scheinen alle verblendet zu sein bis zum Wahnsinn.

In dieser Verblendung zeigt sie Hochschild, doch ohne das Bild mit seinem moralischen Urteilsspruch zu bekrönen. Das ist vielleicht die größte der Fähigkeiten des Autors: die Ereignisse aus einer moralischen Ergriffenheit zu schildern, die nicht auf Richtertum zielt. Richten hält uns die Dinge vom Leib. Wer Hochschild liest, der fühlt sich wie von Wellen des Entsetzens mitgerissen.

John Buchan, einer der Chefpropagandisten des Kriegs, bekannte nach dem Krieg einmal nebenbei, er könne nicht mehr den Homer lesen, dessen Verherrlichung des Krieges sei ihm unerträglich geworden. Die Einsicht, von riesigen Propagandaapparaten in die Irre geführt worden zu sein, führte zu einem Zynismus, wie Hochschild schreibt, oder vielleicht besser: zu einer moralischen Unsicherheit, der von England aus den Aufstieg Hitlers begünstigte. Viscount Rothermere, Herausgeber der Daily Mail, gab schon 1917 einem Journalisten gegenüber zu: "Wir erzählen Lügen . . . Sie haben die Korrespondenten gesehen . . . Sie sagen nicht die Wahrheit und wir wissen, dass sie lügen." Rothermere verlor zwei Söhne im Krieg, den er mit angeheizt hatte. In den Dreißigerjahren wurde er zu einem Vertreter der Appeasement-Politik.

© SZ vom 28.10.2013/ahem

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