bedeckt München 14°

"Der geheime Garten" im Kino:Wucherndes Grün

"Der geheime Garten", Frances Hodgson Burnetts Romanklassiker aus dem Jahre 1911, kommt wohl nie aus der Mode. Jedenfalls nicht, solange es noch vernachlässigte Kinder gibt, die dort ein Paradies finden.

Von Anke Sterneborg

Weit und breit keine Erwachsenen, die sich um die Kinder und ihre Nöte kümmern. Die Eltern sind in Indien an der Cholera oder in Europa im Krieg gestorben. Der Onkel ist von der lähmenden Trauer über den Verlust seiner Frau gezeichnet und die grimmige Haushälterin (Julie Walters) kommt aus einer Zeit, in der Kinder gesehen, aber nicht gehört werden sollten. Nur die Magd (Isis Davis) verströmt ein bisschen Wärme und Geborgenheit, hat aber zu wenig Zeit, um sie zu verschenken.

Wie gut, dass es hinter efeuüberwucherten Mauerruinen wenigstens einen magischen Garten gibt, in dem sich den Kindern Äste und Blattwerk entgegenrecken, sie umfangen, stützen und behüten, in dem Blumenmeere vor ihren Augen erblühen und Blütentrauben ein schützendes Dach bilden. Mit Kletterbäumen, Wildblumenwiesen und plätscherndem Bächlein ist der Garten eine paradiesische Oase inmitten einer trostlosen Welt, ein lichtes, buntes Gegenstück zum düsteren Herrenhaus Misselthwaite Manor, das den Kindern den Atem nimmt.

DER GEHEIME GARTEN

Die zehnjährige Mary (Dixie Egerickx) im geheimen Garten mit ihren Blumenfreunden.

(Foto: Studiocanal)

Immer wieder haben Literatur und Kino auf sich allein gestellten Kindern alternative Wirklichkeiten eröffnet, sei es Lewis Carrolls buntes Wunderland, in dem Alice Trost fand, das düstere, unterirdische Märchenlabyrinth von Guillermo del Toro, in dem ein kleines Mädchen Zuflucht vor ihrem bösen Stiefvater suchte oder eben der geheime Garten, den Frances Hodgson Burnett im Jahre 1911 erfunden hat.

Seit sie die heilenden Kräfte dieses verborgenen Gartens beschwor, wurde der Roman immer wieder verfilmt, als Stummfilm, in schwarzweiß und Farbe, fürs Fernsehen, fürs Kino. Nach Agnieszka Holland in den frühen Neunziger Jahren erweckt jetzt der britische Fernseh-Regisseur Marc Munden den magischen Garten des einsam in den Yorkshire-Mooren gelegenen Landgutes von Lord Archibald mit kräftigem Einsatz digitaler Zauberkräfte zu sprießendem Leben.

Ganz zeitgemaäß hat die Heldin einen schwarzen Freund

Dabei überzieht er die britische Geschichte auch mit einer guten Portion amerikanischen Disney-Lieblichkeit. Drehbuchautor Jack Thorne hat die zehnjährige Mary (Dixie Egerickx) vom Anfang in die Mitte des 20. Jahrhunderts, in die Nachkriegszeit verpflanzt. Ganz zeitgemäß wurde ihr ein schwarzer Junge zur Seite gestellt, der bei Agnieszka Holland noch weiß besetzt war.

Zusammen mit ihrem bettlägerigen Cousin und der Unterstützung eines struppigen Hundes und eines Rotkehlchens kommt Mary der Geschichte ihrer verstorbenen Mütter auf die Spur, die als Zwillingsschwestern schicksalhaft mit dem Garten verbunden waren. Mit den heilenden Kräften des weitläufigen Gartens ergründen die Kinder die Familiengeheimnisse, die Marys Onkel Archibald (ganz besonders ergraut und gramgebeugt von Colin Firth gespielt) so beharrlich verdrängt. Indem sie sich Tod und Verlust stellen, ebnen sie den Weg zu ihrem Coming of Age, das allem digitalen Budenzauber zum Trotz doch zeitlos klassisch anmutet.

The Secret Garden, USA, Großbritannien, 2020 - Regie: Marc Munden. Buch: Jack Thorne, nach der Romanvorlage von Frances Hodgson Burnett. Kamera: Lol Crawley. Mit: Dixie Egerickx, Tommy Gene Surridge, Amir Wilson, Colin Firth, Julie Walters, Isis Davis. Verleih: Studio Canal Deutschland, 100 Minuten

© SZ vom 15.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite