bedeckt München 24°

"Der Friedhof in Prag" von Umberto Eco:Er dreht die Schraube noch einmal weiter

In seinen Harvard-Vorlesungen zum "Wald der Fiktionen" von 1992/93 dienten Eco diese spektakulären Funde noch einmal zur Warnung vor den Übergriffen der Fiktionen auf die Wirklichkeit. Was so unmittelbar aufs Stammhirn wirkt wie die Schauermärchen der "Protokolle der Weisen von Zion" mit ihrer Schilderung einer angeblichen jüdischen Verschwörung auf einem nächtlichen Prager Friedhof, das kann nicht wahr sein. Der Traubenzucker der Spannungsliteratur, der sofort ins Blut geht, ist ein Dope, den das Gegengift der Erzähltheorie außer Kraft setzen muss. Das war für Eco der aufklärerische Anspruch seiner Disziplin, der die Quellen erst vergleichenden und dann zu strukturellen Mustern ordnenden Literaturwissenschaft. Nebenbei waren Ecos Vorlesungen spannende Geschichtsschreibung, zeigten sie doch, dass zu den Ursachen des Holocaust eben auch schlechte Literatur, der Feuilleton-Roman des 19. Jahrhunderts, gehörte.

Der neue Roman des unermüdlichen Schriftstellers dreht die Schraube noch einmal weiter. "Der Friedhof in Prag" erzählt die Geschichte von der Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion" nun als Schauerroman; so holt er sie zurück in die Welt ihrer Quellen. Die wichtigste Leseanweisung steht dabei im Anhang unter der Überschrift "Unnötige Hintergrundinformationen". Sie teilen mit, dass außer der Hauptfigur keine einzige Person des Romans erfunden sei. Davon kann sich jeder Leser, der neben dem Roman einen Laptop mit einer Suchmaschine aufgeklappt hält, Punkt für Punkt überzeugen. Gut beraten ist man auch, wenn man den "Ploetz" zum Nachschlagen vor allem zur italienischen und französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts griffbereit hat.

Erfunden ist also nur die Hauptfigur, ein Mann namens Simonini, ein wahres Monstrum aus Hass gegen Juden, Frauen, Jesuiten und Freimaurer, dessen erotische Insuffizienz durch eine ekelhafte, in Dutzenden von Kochrezepten belegte Gefräßigkeit ausgeglichen wird. Der 1830 in Turin geborene Simonini trägt den Namen des Verfassers eines realen Textes, der aber vermutlich eine Fälschung ist: Ein "Capitaine Simonini" soll 1806 den Abbé de Barruel, der die Französische Revolution als Werk von Freimaurern dargestellt hatte, auf den entscheidenden Einfluss der Juden hingewiesen haben. Möglicherweise wurde dieser angebliche Brief von Fouché fabriziert, um Napoleon vor den Juden zu warnen. Eco macht seinen Simonini zum Enkel dieses antisemitischen Briefschreibers, der ein Turiner Reaktionär gewesen sei.

Von 1855 bis 1900 ist dieser Simonini nun nicht nur bei allen wichtigen Ereignissen des italienischen Risorgimento, später dann der Pariser Geschichte zwischen Napoleon III., Kommune und Dreyfus-Affäre beteiligt, er kommuniziert und korrespondiert auch mit sämtlichen Beiträgern zum Gebräu der "Protokolle der Weisen von Zion": also mit den beiden Dumas, mit Sue, mit Goedsche, mit Joly, mit dem Satanisten Taxil, mit Jesuiten, russischen Geheimpolizisten, preußischen Spionen, zuletzt auch mit den antisemitischen Dreyfus-Gegnern um Edouard Drumont.

Eco schickt seinen scheußlichen Helden auf Garibaldis "Zug der Tausend" nach Sizilien, macht ihn erst zum Spion der Turiner Regierung, später der Sicherheitsapparate Frankreichs. Simonini arbeitet zeitweise auch als Agent provocateur bei italienischen Terroristen; und da sein Hauptberuf das Fälschen von Testamenten ist, lässt Eco ihn auch die Handschrift fabrizieren, mit der Oberst Dreyfus als deutscher Spion überführt werden soll. Und als reiche das nicht, verpasst der Erzähler Simonini auch noch einen klerikalen Doppelgänger, einen Abbé Dalla Piccola, den er erst ermordet, um dann dessen Identität für Aufträge zu übernehmen, die in die Welt der römischen Kirche und der Satanisten führen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite