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Der Fall Kampusch am Theater:Rotkäppchen im Bauch des Wolfes

Einverleibt, verwurstet, ausgenommen: Das Theaterstück "Die Beteiligten" am Akademietheater Wien dreht sich um die mediale Aufbereitung der Kampusch-Entführung - ohne ihren Namen auch nur einmal zu nennen. Spannend.

Das war nach der ersten Überraschung schon ein Schlag ins Kontor der sensationsgierigen Medienmeute, als Natascha Kampusch nach acht Jahren in den Händen ihres Entführers aus dem Keller flüchtete und sich nicht als Häufchen Elend präsentierte, sondern als selbstbewusste, klar denkende junge Frau, der die Opferrolle vollkommen widerstrebte. Auch ihren Entführer stellte sie nicht als grusliges Monster dar und sah überhaupt von erwarteten Details ab. Da war sie futsch, die Geschichte vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Mit genau diesem Märchen aber, vorgetragen von Barbara Petritsch, beginnt ein Abend im Wiener Akademietheater zum Kampusch-Fall.

Actors perform on stage during a dress rehearsal of the play 'Die Beteiligten' in Vienna

"Die Beteiligten", das sind Profiteure und selbst ernannte Experten, vom "quasifreund" über die "pseudopsychologin" bis zur "irgendwie-nachbarin" der Natascha Kampusch - ohen dass irh Name jemals fallen würde in dem Theaterstück von Kathrin Röggla. 

(Foto: Lisi Niesner/Reuters)

Stefan Bachmann inszenierte die österreichische Erstaufführung von Kathrin Rögglas Stück "Die Beteiligten", die Annäherung an den Stoff, ohne dass der Name Kampusch erwähnt wird, über Profiteure und selbst ernannte Experten, vom "quasifreund" über die "pseudopsychologin" bis zur "irgendwie-nachbarin".

Wichtigtuerei und Missgunst

Insgesamt sechs Beteiligte reden im Röggla'schen Konjunktiv, und wenn sie "ich" sagen, ist "sie" gemeint. Sie haben sie zu sich genommen, sich einverleibt, zu Karrierezwecken oder für schnelles Geld, aus Wichtigtuerei oder Missgunst. Rögglas Verfahren ist literarisch vielleicht interessant, theatralisch aber eher ein Problem. Und so hat Stefan Bachmann sich kräftig bemüht, das Rascheln des Papiers nicht hören zu lassen, mit erstaunlichem Erfolg.

Der Abend beginnt mit einer Art Pressekonferenz, die allerdings die Beteiligten selber geben. Sie drängeln sich vor einer Kamera und sind dann groß auf einer Projektionswand zu sehen. In der nächsten Szene können sie sich von ihrem Opfer kaum noch unterscheiden. Ob Frau oder Mann, sie erscheinen fliederfarben gekleidet, Kopftuch über der blonden Langhaarfrisur, wie die Kampusch bei ihrem ersten Interview.

Sieht aus, als würde der Kabarettist Mathias Richling sie spielen, klare Stellungnahmen mädchenhaft kokett vorgetragen. Das wächst sich zu einer regelrechten Comedyszene aus. Die Frage, ob das denn vertretbar sei angesichts einer solchen Leidensgeschichte, stellt sich nicht, weil der Abend, wie auch das Stück, davon handelt, wie die mediale Öffentlichkeit sie sich aneignete, immer auf der Suche nach dem Rotkäppchen, das sie vermisste.

Wenn die Wand des Konferenzraums nach oben fährt, schaut man in ein riesiges Verlies, mit der Brandmauer als einziger Aussicht (Bühne: Jörg Kiefel). Der "möchtegern-journalist" (Peter Knaack) stürzt sich in eine düstere Karaokenummer. Falco singt seinen bei Erscheinen noch inkriminierten "Jeanny"-Song: "Sie kommen. Sie kommen dich zu holen. Sie werden dich nicht finden. Niemand wird dich finden, du bist bei mir!" Das ist mehr als ein unterhaltsamer Einfall. Falco hat die Bestialität, den Zwang, den Wahn eines Menschen, der Frauen als Opfer sehen will, ziemlich gruselig getroffen. Da schreit einen die Krankheit förmlich an.

Mit besten Grüßen vom Urvater

Wer ein Stück inszeniert, das dem Theater nicht gibt, was es braucht, nämlich ein Subjekt, den Auftritt des Hauptdarstellers, muss Stoff sammeln. Bachmann hat sich entschlossen, die Ab- und Hintergründe vorzuführen. Er zeigt eine Filmsequenz über die österreichische Alpenheimat und einen über allem schwebenden SS-Offizier. Oder Szenen autoritärer Erziehung aus dem Kitschstreifen "Sound of Music". Einmal sitzen die Beteiligten vor einem Monitor und synchronisieren einen Film, in dem Affenmenschen vermutlich eine Frau, die wegen der subjektiven Kamera nicht zu sehen ist, durch einen Wald jagen. Eine genetische Erinnerung an ein psychoanalytisches Vorspiel von allem, mit besten Grüßen vom Urvater vielleicht.

Am Ende wird eine Beteiligte von Frau Kampusch mit einer Schaufel umgebracht und mit Erde bedeckt, eine Medienleiche. Schließlich war man ihrer schon überdrüssig geworden und sprach von einem Fake. Aber wie es so geht in Schauergeschichten, da ist der Tod kein Ende, da wird wieder auferstanden. Die Wiedergängerin säbelt in diesem Fall die anderen Beteiligten nieder, bis eine Comicfigur auftaucht, die roten Haare stehen ihr schnittlauchartig zu Berge, und sie wegbringt, vielleicht zu den Simpsons.

Zuvor gab es noch eine Überraschungsszene. Man schaut auf eine Mietshausfront mit fahl beleuchteten Fenstern. Hinter einem der Schatten eines Mannes, der mit elektronischer Theaterstimme noch einmal von Rotkäppchen erzählt. 3096 Tage habe es im Bauch des Wolfes verbracht. So lange wie Natascha Kampusch im Keller saß.

Einen großen Abend für Schauspieler konnte Bachmann nicht bieten, das liegt in der Natur der Sache. Aber es sah ganz danach aus, als ob auch Alexandra Henkel und Katharina Schmalenberg, Jörg Ratjen und Simon Kirsch für dieses Mal einfach glücklich damit waren, nur die Beteiligten zu sein. Das Premierenpublikum hat es ihnen, Claqueure inklusive, frenetisch gedankt. Schließlich haben sie einen wirklich spannenden Theaterabend ermöglicht.