Der Fall Chris Dercon Die Berliner Politik hat Dercon im Stich gelassen

So großzügig Dercon mit fiktiven Einnahmen kalkuliert, so üppig gibt er Geld aus. Allein für ein einmaliges Event auf dem Freigelände des Flughafens Tempelhof im September 2017, die von Boris Charmatz kuratierte Gruppen-Inszenierung "A dancers day", ist ein Budget von 455 000 Euro eingeplant - eine Dimension, die alles an großen Stadt- und Staatstheatern Übliche sprengt. Doch selbst wenn Dercon maßvoller gewesen wäre, ja, selbst wenn seine wenigen Eigenproduktionen das Dreifache an Zuschauern gehabt hätten, wäre er in Schwierigkeiten geraten. Der Versuch, in der Struktur eines Stadttheaters mit personalintensiven Gewerken im Wesentlichen einen teuren Gastspielbetrieb zu errichten, musste das Budget des Hauses überfordern. Wer ein wenig von Theaterbetriebswirtschaft versteht, konnte sich nur wundern über die fröhliche Annahme, das werde schon irgendwie gut gehen.

Theater Die Volksbühne atmet mehr den Geist eines Museums als den eines Theaters
Theater

Die Volksbühne atmet mehr den Geist eines Museums als den eines Theaters

Am ersten Wochenende unter dem umstrittenen Intendanten Chris Dercon werden die letzten Castorf-Geister ausgeräuchert - sehr minimalistisch, installativ und spröde.   Von Christine Dössel

Erbitterter als um die Finanzen aber wurde von Anfang an über die Organisation der Volksbühne gestritten. Dercons Programmdirektorin Marietta Piekenbrock ist eine erfahrene und renommierte Festival-Dramaturgin, sie ahnte, wie riskant das Umstellen eines Repertoire- und Ensemble-Betriebs auf eine Plattform- und Gastspielstruktur werden dürfte. In einer Mail an die Kulturverwaltung schrieb sie: "Ich habe explizit Tim Renner gefragt, ob wir den Ensemble-Betrieb behalten sollen, ob es ihm wichtig sei. Tim Renner hat ganz klar geantwortet, das stehe für ihn nicht im Vordergrund." In einem internen Konzeptpapier wird die Transformation der Volksbühne vom "klassischen Repertoire-Betrieb" in eine "Projektgesellschaft" skizziert. Am 20. Januar 2015 schreibt Piekenbrock an die Kulturverwaltung, dieser Plan berühre "eine der empfindlichsten, delikatesten Kultur-Diskussionen zur Zukunft der Stadttheater". Sie hatte recht. Die Frage, ob die Volksbühne ein "klassischer Repertoirebetrieb" bleibe, wurde zu einem der zentralen Konfliktpunkte der Debatte über Dercons Intendanz. Eine von 40 000 Unterzeichnern getragene Petition forderte, genau diese Umformatierung zu verhindern.

Piekenbrock berichtet im Gespräch, dass sie in ihrer Mail die Kulturverwaltung, also den damaligen Staatssekretär Renner und den damaligen Kultursenator Müller, "warnend darauf aufmerksam gemacht" habe, "dass die Erweiterung des klassischen Repertoire-Betriebs in ein international ausgerichtetes Mehrspartenhaus eine vermutlich nervöse Diskussion" auslösen würde: "Ich wollte eine informelle Aktennotiz schaffen, um sicherzustellen, dass sich alle Beteiligten nicht nur über die Idee, sondern auch über Tragweite, Konfliktpotenzial und über notwendige Zeit und Vertrauen im Klaren sind. Tim Renner wollte unter Einbeziehung des Stammhauses Volksbühne einen Zusammenschluss von Bühnen und Spielstätten auf den Weg bringen, bei dem Theater, Museum, Kino und Digitales sich gegenseitig beflügeln. Das war der Auftrag." Dercon und Piekenbrock haben getan, was die Politik von ihnen erwartete. Dafür hat die Politik sie im Stich gelassen.

Theater War die Besetzung der Berliner Volksbühne richtig?
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War die Besetzung der Berliner Volksbühne richtig?

Für die einen war die Übernahme des Theaters eine Notwendigkeit, für die anderen eine Anmaßung. Ein Pro und Contra.   Von Andrian Kreye und Christine Dössel

Während die Tempelhof-Pläne nicht vom Fleck kommen, denken Dercon und Piekenbrock über die Bespielung der Volksbühne nach. Sie wollen den Regisseur René Pollesch zum Leiter der Schauspielsparte machen. Das ist gewagt. Pollesch ist dem Haus eng verbunden und verdankt seine Karriere seinen Inszenierungen an Frank Castorfs Volksbühne. Castorf war ein Vierteljahrhundert Intendant des Hauses, mit Dercons Antritt aber würde diese Ära Geschichte sein.

Auf Bitten Renners ist Pollesch immerhin bereit, sich mit Dercon in der Volksbühne zu verabreden. "Ich war so enthusiastisch, den großen Künstler Pollesch zu treffen, das war das erste Mal, dass ich in der Kantine war", erinnert sich Dercon. Pollesch habe gefragt, was er trinken wolle, dann aber habe Dercon dem Regisseur die Frage gestellt, ob er an der neuen Volksbühne das Schauspiel leiten wolle: "Er antwortete, dass er keinen Kurator braucht. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich das überhaupt nicht vorhabe, und alle Künstler, die mir wichtig sind, nichts mit Kuratoren anfangen können. Ich habe Tim und Marietta hinterher gesagt, es sei ein gutes Treffen gewesen", so Dercon.

Viele Vorstellungen sind kaum besucht: "Hier ist Totentanz."

Aus Sicht Polleschs liest sich die Begegnung anders: als Desaster. "Ich traf ihn im Foyer und ging mit ihm in die Kantine", erzählt er. "Wir saßen in der Ecke unter dem Fernseher. Dercon kam mit seiner Freundin, einer Schauspielerin. Dercon sagte, dass er meine Arbeit liebt, aber es war schnell klar, dass er sie nicht kannte. Seine Freundin kannte einige Stücktitel, aber sie brachte alles durcheinander." Er habe den Eindruck gewonnen, dass Dercon "nicht einmal meinen Wikipedia-Eintrag gelesen hatte". Dercons Plan sei es gewesen, dass es verschiedene Sparten geben sollte: Tanz, Film, Theater, und jede Sparte sollte einen eigenen Leiter bekommen, einen älteren Künstler, der als Mentor mit einem jüngeren Künstler zusammenarbeiten sollte. Er, Pollesch, sollte mit Susanne Kennedy zusammenarbeiten: "Und wir alle sollten unter seiner Generalintendanz arbeiten. Mir war klar, dass in dieser Konstruktion jeder Erfolg sein Erfolg wäre und jeder Misserfolg unser Misserfolg. Das konnte nie funktionieren." Nach dem Gespräch gibt es für Pollesch keinen Zweifel daran, dass er mit Dercon nicht arbeiten will.

Die wichtigsten Pfeiler von Dercons Konzept - Tempelhof und die Volksbühne mit Pollesch - , waren damit schon vor Beginn seiner Intendanz im September vergangenen Jahres weggebrochen. In der Folge kaufte er orientierungslos Gastspiele ein. Weder Publikum noch Kritik ließen sich von dem Programm (und den vielen Schließtagen) überzeugen. Künstler und Intellektuelle wie Kate Tempest oder Judith Butler sagen vereinbarte Auftritte ab. Der Filmregisseur Romuald Karmakar, zu Beginn der Spielzeit als Hausregisseur angekündigt, hat sich offenkundig von dem Projekt zurückgezogen. Die Angriffe gegen Dercon hatten zwischenzeitlich Mobbing-Charakter angenommen. Aber noch immer gab er nicht auf. In ihrer Not, das Haus irgendwie zu bespielen, wollte die Intendanz das Laien-Kinder- und Jugendtheater P14 auf die große Bühne bringen. "Hier ist Totentanz", sagt der Bühnentechniker Ed Dunckel.

Und nun? Nun muss der kommissarische Intendant Klaus Dörr einen provisorischen Spielplan organisieren. Es gibt Spekulationen, dass Dörr seinen Stuttgarter Kollegen Armin Petras holen könnte, aber Petras ist vertraglich gebunden, er hat sich als Hausregisseur ans Theater Bremen engagieren lassen. Auch die Gerüchte um die Chancen eines anderen alten Volksbühnen-Bekannten, des einstigen Chefdramaturgen Castorfs und heutigen Intendanten der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, der in München ähnlich angefeindet wurde und aufhört, dürfte sich als heiße Luft erweisen. Dafür war Lilienthal zu tief in die Berufung und Beratung Dercons verwickelt.

Nicht ohne Schadenfreude melden sich nun jene zu Wort, die für Dercon nie etwas übrig hatten, der Über-Regisseur Claus Peymann beispielsweise, Ex-Intendant des Berliner Ensembles. "Die erwartete Katastrophe ist also eingetreten", sagte er Agenturen. Immerhin sieht er die Schuld nicht bei Dercon, sondern bei der Berliner Politik. Thomas Ostermeier, der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, sieht die Volksbühne "ausgeblutet auf allen Ebenen und kaputt".

Müller, der für Gespräche über die Volksbühne nicht zu erreichen war, erklärte nun, Dercons Rücktritt sei bedauerlich, aber nachvollziehbar. Auf die Volksbühne dürften schwierige Zeiten zukommen. Aber schwierige Zeiten sind sie an diesem Theater gewöhnt.

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