Der Fall Beltracchi Selbstverliebte Souvenirs eines großen Betrügers

Er verdiente Millionen mit Kunstfälschungen und narrte den gesamten Markt: Mitte März kommt der verurteilte Betrüger Wolfgang Beltracchi in der Justizvollzugsanstalt Euskirchen in den offenen Vollzug. Jetzt versucht er sich an einem Neuanfang in einem Fotostudio und übermalt Porträts von sich selbst. Doch als redlicher Künstler produziert er bislang lediglich schnöde Memorabilien.

Von Renate Meinhof

Wenn man die Bilder anschaut auf dieser Internetseite, den kleinen Film dazu, dem jetzt, in der zweiten Fassung, Klaviermusik unterlegt ist, dann ergreift einen fast die Wehmut, denn man erinnert sich an die Monate, in denen noch ein großes Geheimnis um den Mann war, dessen Händen und Geist man Unglaubliches zuschrieb.

Wolfgang Beltracchi ist zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, weil er über Jahrzehnte gefälschte Bilder auf den Markt geschleust und Millionen mit seinen Werken verdient hat. Auch viele andere haben mächtig profitiert.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Doch als Wolfgang Beltracchi, der Kunstfälscher, im Saal Nummer 7 des Kölner Landgerichts sein Geständnis vorlas, als er sagte, dass er sich hier nun wohl "um Kopf und Kragen" reden würde, da sah man, dass er ein Mensch ist. Ein Mensch, der einen Kopf hat und einen Kragen - und talentierte Hände dazu. "Alle Bilder, um die es hier geht", sagte er, "habe ich allein gemalt." Mit diesem Bekenntnis begann seine Entzauberung. Schon während des Prozesses brach auch die Zeit der Vermarktung an. Der Medienrummel war gewaltig, und je höher der Grad der Aufmerksamkeit ist, die einem solchen Prozess zuteil wird, desto wertvoller sind natürlich die Vermarktungsrechte.

Es ist gegen die Vermarktung nun gar nichts einzuwenden, denn Wolfgang Beltracchi braucht Geld, nicht nur, um seine Anwälte zu bezahlen. Neben dem Freiburger Strafverteidiger Christian Rode ist das der Kölner Anwalt Reinhard Birkenstock, der immer gern im Bild war, wenn die Kameras durch Saal 7 streiften. Er hatte einst den Fernsehmeteorologen Kachelmann verteidigt, bis dieser sich überraschend von ihm trennte. Birkenstock verfügt über ein lautes, leicht ins Knorrige tendierendes Sprechorgan, was ihm, angesichts einer nur an Stimmgewalt unterlegenen Staatsanwältin, an manchem Sitzungstag zugute kam.

Wer mit Wolfgang Beltracchi sprechen möchte, sollte sich an Reinhard Birkenstock wenden. Er entscheidet, wer wann mit seinem Mandanten reden kann. Der Reporter von Vanity Fair zum Beispiel freut sich, dass er einen ganzen Tag mit Beltracchi in Birkenstocks Haus verbringen durfte. "Ich begleite meinen Mandanten bei seinen Aktivitäten", antwortet Birkenstock auf die Frage, ob er Beltracchis Manager sei. Es fügt sich auch prima, dass Birkenstock einen Sohn hat, der Filmemacher ist. So bleibt die Story, um die sich die halbe Welt reißt, in der Familie. Arne Birkenstock, Lola-Preisträger, geboren 1967, dreht nun den Film über den Kunstfälscher. Ob dafür Geld geflossen sei? "Nein", sagt der Vater, "nichts ist geflossen."

Abends einrücken, morgens wieder ausrücken

Wolfgang Beltracchi ist zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, weil er über Jahrzehnte gefälschte Bilder auf den Markt geschleust und Millionen mit seinen Werken verdient hat. Auch viele andere haben mächtig profitiert. Der Experte Werner Spies zum Beispiel, der 400 000 Euro für die Vermittlung der Werke Beltracchis eingestrichen hat. Und Henrik Hanstein, Inhaber des Kunsthauses Lempertz, scheint profitiert zu haben. Die Ermittlungen gegen ihn, wegen des Verdachts der Begünstigung, der Strafvereitelung und Prozessbetruges, sind abgeschlossen. Der Fall liegt nun bei der Staatsanwaltschaft Köln.

Mitte März wird Wolfgang Beltracchi in der Justizvollzugsanstalt Euskirchen einrücken. Abends einrücken, morgens wieder ausrücken, heißt das, denn er und seine Frau Helene haben eine feste Anstellung in einem Fotostudio in Bergisch Gladbach gefunden. Manfred Esser, der Inhaber, ein Freund aus frühen Tagen, hat die beiden angestellt. Wer eine feste Stelle hat, darf in Nordrhein-Westfalen in den offenen Vollzug. Und zusammen mit Esser ist Beltracchi nun auch wieder künstlerisch tätig.

Die Bilder, die jetzt entstehen und verkauft werden sollen, kann man sich im Internet unter beltracchi-project.de anschauen - bis vor kurzem auch mit Preisangaben. 20.000 bis 25.000 Euro soll man für einen Beltracchi jetzt bezahlen. Das seien aber "Esser-Beltracchis" und nicht "Beltracchis", sagt Birkenstock, und es klingt, als sei er gar nicht zufrieden mit dem, was da durch die Hand seines Mandanten entsteht. Man müsse die Herstellung dieser Werke unter dem Vorbehalt des Jochs der Strafe sehen. Wie etwas Erzwungenes. Es klingt, als sei die Arbeit im Fotostudio für Beltracchi nichts als elende Fron. So gepeinigt aber sieht der Maler gar nicht aus, wie er seine Werke da zusammen mit dem Freund präsentiert. Im Gegenteil, ein schöner strahlender Stolz liegt auf seinem Gesicht.

Das Thema der Beltracchi-Kreationen ist Beltracchi selbst. Beltracchi, melancholisch, im Persianer. Beltracchi im Viertelprofil. Beltracchi, mit einem Anflug von Lächeln in Lederjacke. Beltracchi mit spitzem Bart. Immer ist es sein Porträt also, das er in verschiedenen Varianten übermalt. Man kann ihm beim Arbeiten auch zuschauen. Im immer gleichen Prinzip und auf Formaten, die im 19. Jahrhundert denen von Historienbildern entsprochen hätten, hat er seine Max-Ernst-Fälschungen vergrößert und sein eigenes Antlitz zwischen den Ernst nachempfundenen Monstern (La Horde), dem Dickicht (La Forêt) oder unter dem Sonnenuntergang einkopiert.

Nach seiner Enttarnung funktioniert das Konzept nicht mehr

Während mancher Kunstsinnige Beltracchis Fälschungen noch als Appropriation Art für museabel hielt, scheitert der Künstler in diesen Werken auf doch traurige Weise. Die Parallele zum Konzeptkünstler, der mit seinen Werken den Kunstmarkt an der Nase herumführt, funktioniert seit seiner Enttarnung, der Entzauberung, auch nicht mehr. Unter seinem eigenen Namen, als redlicher Künstler also, hat Wolfgang Beltracchi bis jetzt Memorabilien produziert, selbstverliebte Souvenirs eines großen Krimis, der die Kunstwelt über Monate in Atem gehalten hat. Mehr aber ist es nicht.

Aus der Symbiose von Malerei und Fotografie entstehe "eine kreative Spannung", schreiben die Freunde Esser und Beltracchi, "in welcher sich die Entwicklung der Malerei des vergangenen Jahrhunderts auf kontemporäre Weise ausdrückt". Dazu, zu seiner Geschichte, den Bildern, und wie es künstlerisch jetzt weitergehen soll, würde man Wolfgang Beltracchi gern selbst Fragen stellen. Aber er ist für diese Zeitung nicht zu sprechen. Warum? Reinhard Birkenstock beantwortet diese Frage nicht. Er entscheidet.

Das Vermarktungskonzept jedenfalls muss langfristig funktionieren. Die Gläubiger stehen Schlange, und noch sind nicht einmal die beiden Anwesen der Beltracchis verkauft. Im Freiburger Haus hat allein der Bau des Schwimmbades eine Million Euro gekostet. So schnell wie möglich müsse Beltracchi "wieder ans Malen kommen", sagt Birkenstock, damit auch wieder Bilder verkauft würden.

Ja, aber warum malt er nicht einfach? Was für eine Frage! Weil Manfred Esser nicht Galerist ist, sondern Fotograf - und sein Studio in Bergisch Gladbach Beltracchis Galeere.

Da rudert er nun.