"Der Engländer, der in den Bus stieg" im Kino:Im Nahverkehr

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"Der Engländer, der in den Bus stieg" im Kino: Regionalbusnutzer Timothy Spall, Mitreisende: Irgendwo kommt man immer an.

Regionalbusnutzer Timothy Spall, Mitreisende: Irgendwo kommt man immer an.

(Foto: Capelight Film)

Timothy Spall spielt den "Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr". Tatsächlich geht es für den alten Mann nur bis ans Südende der Insel - aber sein Land ist fremd genug.

Von Josef Grübl

Sollte tatsächlich noch jemand Zweifel an der Nutzbarkeit des Neun-Euro-Tickets hegen, dem sei der britische Film "The Last Bus" empfohlen. Dieser hat zwar nichts mit deutschen Bussen oder Bahnen zu tun; er entstand auch zu einer Zeit, als man das Thema Verkehrswende hierzulande höchstens in der Theorie besprach. Als Plädoyer für den öffentlichen Nahverkehr geht er trotzdem durch. Erzählt wird die Geschichte eines Neunzigjährigen, der im Norden Schottlands lebt und in den Süden Englands will. Die 1300 Kilometer lange Reise möchte Tom (Timothy Spall) in Regionalbussen zurücklegen, die er als Pensionär kostenfrei nutzen kann.

Anders als bei den erlebnishungrigen Deutschen, die derzeit mit dem Billigticket durchs Land zuckeln, steht bei ihm aber nicht das Abenteuer im Mittelpunkt. Dafür ist er einfach zu alt: Welcher Greis quetscht sich schon freiwillig so lange in rumpelige Busse, wenn er nicht unbedingt muss? Tom muss aber: Er will die Asche seiner verstorbenen Frau dort hinbringen, wo sie sich einst kennenlernten. Insofern ist der deutsche Verleihtitel etwas irreführend: "Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr" soll wohl an die ebenfalls ellenlang betitelten Eskapaden des fidelen "Hundertjährigen" von Jonas Jonasson erinnern, der in Büchern und Filmen ein breites Publikum erreichte.

Mal sind Schafe im Bus, dann wieder eine Kofferdiebin

Der neunzigjährige Tom erlebt zwar auch Abenteuer, er sitzt mit Schafen im Bus, verfolgt eine Kofferdiebin oder singt an der Bushaltestelle ein Lied für alle. Besonders skurril oder lustig ist das aber nicht: Dafür liegt eine zu große Traurigkeit über dem Film, dafür gibt es zu viele Rückblenden in die Jugendjahre von Tom und seiner Frau Mary, die es nach einem Schicksalsschlag in den Norden verschlug.

In der Gegenwart erkennt der alte Mann sein Land kaum wieder, die meisten Menschen betrachten ihn als den schrulligen Bus-Opa, den sie aus ihren Social-Media-Kanälen kennen. Also fotografieren sie ihn und machen ihn noch ein bisschen berühmter. Richtig nett wird es erst, als er auf der Geburtstagsparty von ukrainischen Gastarbeitern landet - sie sind die freundlichsten Personen, denen er begegnet. Obwohl das nur dem zeitlichen Zufall des Kinostarts geschuldet ist, genauso wie der Vergleich mit dem Neun-Euro-Ticket, dürfte dieses positive Ukrainebild im Jahr 2022 bei (westlichen) Zuschauern gut ankommen.

Mit ihren eigenen Landsleuten gehen der schottische Regisseur Gillies MacKinnon ("Marrakesch - Hideous Kinky") und sein englischer Drehbuchautor Joe Ainsworth härter ins Gericht: Sie zeigen Menschen, die mal liebenswert, mal unliebsam sind, die zu viel trinken oder rassistische Parolen grölen. Tom wird aus dem Bus geworfen oder mit nach Hause genommen, sein Ziel verliert er aber nie aus den Augen. Dass man sich keine allzu großen Sorgen um ihn macht, liegt auch an Timothy Spall: Der Engländer ist einer der großen Schauspieler seiner Generation, bekannt aus den Filmen von Mike Leigh ("Secrets and Lies", "Mr. Turner"). Hier wirkt er aber etwas aus der Zeit gefallen: Den hüftsteifen Neunzigjährigen nimmt man dem Mittsechziger nicht immer ab.

The Last Bus, GB 2021 - Regie: Gillies MacKinnon. Buch: Joe Ainsworth. Kamera: George Geddes. Mit: Timothy Spall, Phyllis Logan, 86 Minuten, Capelight Pictures. Kinostart: 10.08.2022.

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