"Der blinde Fleck" im Kino Mit stechendem Blick

extra 23.1.

Ein Polit-Thriller, der die Augen öffnet: Daniel Harrich geht es in "Der blinde Fleck" um die wahren Hintergründe des Oktoberfest-Attentats von 1980. Er zeigt auf, dass die Politik nicht nur bei den NSU-Morden weggeschaut hat, sondern schon damals. Doch vielleicht ist in diesem Fall das Kino am Ende mächtiger als die Vertuscher.

Von Rainer Gansera

Auf dem Oktoberfest geht eine Bombe hoch, 13 Menschen sterben - und ein hoher Beamter der bayerischen Staatsregierung hat nichts Eiligeres zu tun, als die wahren Hintergründe des Attentats zu verschleiern. Wie leicht hätte ein derart brisanter Stoff ins Aufgedonnerte und Suggestive entgleiten können! Eine Gefahr, die Regisseur und Co-Autor Daniel Harrich souverän zu vermeiden weiß. Seine unaufdringliche Erzählgeste folgt dem innersten Anliegen des Films: den Opfern des Oktoberfest-Attentats würdig zu gedenken.

Ein Glücksfall

"Der blinde Fleck" ist der Glücksfall eines Polit-Thrillers, der nicht Genreformeln nacheifert, sondern die Augen für vertuschte, verheimlichte und vorsätzlich verwischte Zusammenhänge öffnet. Schritt für Schritt, geduldig und hartnäckig. Die Geschichte folgt den Ermittlungen des Journalisten Ulrich Chaussy, der am Drehbuch mitgearbeitet hat und im Film von Benno Fürmann verkörpert wird.

Schon der Prolog führt zurück in eine andere Zeit, erinnert mit einer fulminanten Montage aus Archivmaterial an den polemisch schrillen Wahlkampf des Jahres 1980. Franz Josef Strauß, Bayerns Ministerpräsident und Kanzlerkandidat, wütet gegen die amtierende SPD/FDP-Regierung, stellt deren vermeintliche Laschheit gegenüber dem Linksterrorismus an den Pranger. Dann die schockierende Nachricht.

Freitag, 26. September 1980, 22 Uhr 19: Am Haupteingang der Oktoberfestwiese töte ein Sprengsatz 13 Menschen, mehr als 200 werden verletzt, 68 von ihnen schwer. Nach einer Tatortbesichtigung macht Strauß sogleich die RAF für das Attentat verantwortlich, muss aber wenige Tage später zurückrudern.

Generalbundesanwalt Rebmann gibt bekannt, dass der beim Anschlag ums Leben gekommene 21-jährige Geologiestudent Gundolf Köhler, der als Täter in Betracht komme, Mitglied einer rechtsextremen Organisation gewesen sei. Rebmanns Fazit: "Wir nehmen nicht an, dass Köhler als Alleintäter gehandelt hat."

1983, nach dreijährigen Ermittlungen, die gegenteilige, mit Ausrufen der Empörung quittierte Aussage des Generalbundesanwalts bei einer Pressekonferenz: "Köhler handelte aus persönlichen Motiven, sexueller Frustration und Perspektivlosigkeit. Ein politisches Motiv konnte nicht erkannt werden. Es gibt keinen Hinweis auf eine Beteiligung weiterer Täter."