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Depot mit Nazi-Raubkunst in München:Quelle für Kunstforscher

Auch seine Mutter bekundete in einem Wiedergutmachungsverfahren, alle Geschäftsunterlagen seien verbrannt. Vor zweieinhalb Jahren wurden sie in der Schwabinger Wohnung des Sohnes gefunden: eine unschätzbare Quelle für die Forschungsstelle "Entartete Kunst", die seit zehn Jahren versucht, jedes der geschätzt 20.000 Kunstwerke, die konfisziert wurden, zu identifizieren und ihren heutigen Standort zu recherchieren. Gurlitts Geschäftsunterlagen sind aber auch für alle Provenienzforscher von höchstem Wert. Viel zu wenig ist über den Kunsthandel im Nationalsozialismus bekannt. Nun könnten aus Vermutungen Gewissheiten werden. Vor allem könnte es gelingen, die rechtmäßigen Voreigentümer zu ermitteln.

Gurlitts Sohn, Cornelius, scheint ausschließlich vom Verkauf der Bilder gelebt zu haben, wie leere Bilderrahmen in der Wohnung beweisen. Dass er für die Ware Käufer fand, zeigt auch, wie wenig genau der Kunsthandel immer noch auf die Provenienz der Bilder schaut. Zwar gilt der staatlich verordnete Kunstdiebstahl zwischen 1933 und 1945 juristisch als verjährt, aber moralisch könnte auch der Kunsthandel mehr Respekt und Verantwortung zeigen.

Einige Werke konnte Gurlitt in den letzten Jahren über den Berner Galeristen Eberhard Kornfeld absetzen. Auf dem Rückweg aus der Schweiz war Gurlitt auch den Zollfahndern aufgefallen, weil er in einer Tasche 18 neue 500-Euro Scheine bei sich hatte - Bargeld aus einem Verkauf bei Kornfeld. Die argwöhnischen Beamten recherchierten weiter und leiteten schließlich eine Hausdurchsuchung bei dem in München nicht Gemeldeten ein, der damals 76 Jahre alt war.

Dass Cornelius Gurlitt möglicherweise über weitere Bilder-Depots verfügt, lässt seine Einlieferung beim Auktionshaus Lempertz im Herbst 2011 vermuten - Monate nachdem die Bilder der Schwabinger Wohnung längst in einem Zolllager in Garching bei München sichergestellt worden waren. Max Beckmanns "Löwenbändiger" aus dem Jahr 1930 wurde aus der Auktion genommen, weil die Erben nach Alfred Flechtheim darauf Anspruch erhoben. Es wurde restituiert, kam mit der noblen Provenienz Alfred Flechtheim wieder in die Auktion und erzielte einen Preis von 864.000 Euro. Je nach Vergleichs-Vereinbarung dürfte davon etwa die Hälfte der Summe bei Gurlitt verblieben sein. Emma Bahlmann, die Münchner Vertreterin des Auktionshauses, beschreibt Gurlitt als "absolut seriös, lieb und umgänglich".

Der Fall Gurlitt, der bisher nur die Steuerbehörden interessierte, bleibt spannend - juristisch wie historisch. Meike Hoffmann indes zeigte sich am Sonntag mehr als irritiert, dass Inhalte ihrer Gutachten jetzt an die Öffentlichkeit geraten sind.

© SZ vom 04.11.2013/feko
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