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Depot mit Nazi-Raubkunst in München:Der Verwerter und sein Sohn

Zwischen Saftkartons und Konservendosen haben Fahnder in einer Schwabinger Wohnung eine riesige Sammlung an Nazi-Raubkunst entdeckt. Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, der mit der Raubkunst Geschäfte gemacht hatte, erklärte stets, seine Sammlung sei verbrannt. Nun flog sein Sohn auf, nachdem er eines der Stücke verkauft hatte. Womöglich gibt es noch weitere Depots.

Als hätte man es nicht geahnt: Die Bilder sind nicht zerstört, verbrannt oder verschollen, sondern sie existierten mitten unter uns. Und zwar viel mehr als man je vermutete. 1500 Werke "entarteter" Kunst, eine beispiellose Sammlung, ist im Frühjahr 2011 von den Zollbehörden in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt sichergestellt worden. Kunstwerke von Picasso und Matisse, Franz Marc und Paul Klee, Eduard Munch und Max Beckmann. Werke, die Gurlitt nur von seinem Vater Hildebrand Gurlitt übernommen haben kann.

Der Dresdner Kunsthändler gehörte nicht nur zu den offiziellen "Verwertern", die mit den 1937 in allen deutschen Museen sichergestellten Werken "entarteter Kunst" handeln durften. Er hatte auch direkten Zugang zu den Berliner Speichern und Depots, in denen die Nazis etwa 20.000 konfiszierte moderne Werke lagerten.

Hildebrand Gurlitt war auch glänzend im Geschäft, als es darum ging im besetzten Frankreich Objekte für das Linzer Führer-Museum zu erwerben und dazu allerhand Tauschware für deutsche Museen, die an Linz alte Meister abgeben sollten. Vieles davon war ursprünglich Eigentum jüdischer Sammler. Gurlitt hatte einen direkten Draht zu Hermann Voss, Direktor der Dresdner Gemälde-Galerie und Sonderbeauftragter für Linz. Devisen für den Auslandshandel zu erhalten war für ihn nie ein Problem gewesen.

Verschwundene Kunst

Wegen der Brisanz des Münchner Fundes hielt der Zoll und die Steuerfahndung, hielten auch die zuständigen Ministerien dicht. Am Sonntag wollten sowohl der Zoll als auch die zuständige Augsburger Staatsanwaltschaft den Bericht weder bestätigen noch dementieren. Allein die wissenschaftliche Recherche nach den Vorbesitzern der Bilder wurde in Auftrag gegeben. Meike Hoffmann, Projektkoordinatorin der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin, versucht seit mehr als einem Jahr, die genaue Herkunft der 1500 Bilder zu klären. Ein Riesenpuzzle, das, wenn es denn gelöst wird, den deutschen Museen unverhofft Werke der Moderne zurückbringen könnte. Die Sammlungsgeschichte der Häuser könnte in einem neuen Licht erscheinen. Allein die Konfiszierung "entarteter Kunst" war durch ein Reichsgesetz gedeckt. Die Verkäufe des Reichs gelten als rechtmäßig. Auch Hoffmann wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

Immerhin dürften nun etliche Suchanfragen in der Lost-Art-Datenbank der Koordinierungsstelle Magdeburg geklärt werden. Die Erben jüdischer Sammler, die von den Nazis erpresst oder enteignet worden waren, könnten überraschend längst verloren Geglaubtes zurückerhalten. Aber erst müssen die Eigentümer und die Erbberechtigten zweifelsfrei ermittelt werden, bevor restituiert werden kann.

Altmeister und Biedermeierliches

Sicher scheint nach den Recherchen des Focus, dass ein in der verrammelten Schwabinger Wohnung zwischen Saftkartons und Konservendosen gefundenes Frauenbildnis von Henri Matisse dem Kunsthändler Paul Rosenberg gehörte, der es zusammen mit 160 weiteren Werken der französischen Avantgarde in einem Pariser Safe deponiert hatte, bevor er vor den Nazi-Truppen floh. Auch Stücke aus Dresdener Privatsammlungen scheinen sich in dem Haufen beschlagnahmter Bilder zu finden. Er enthält indes nicht nur Werke der Moderne, sondern auch Altmeister wie ein Dürer-Bildnis und Biedermeierliches von Spitzweg.

Der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt war nach dem Krieg von den Alliierten selbst als Nazi-Opfer eingestuft worden. Schließlich hatte er als Verfechter der Moderne und als Enkel einer jüdischen Großmutter seine Museumsposten in Zwickau und Hamburg verloren. Als Kunsthändler machte er aber Geschäfte mit dem Teufel. Nach dem Krieg berichtete der Profiteur, er habe vielen Juden geholfen, ihr Exil zu finanzieren. Sein Kunstlager sei im Dresdner Feuersturm zerstört worden.

Quelle für Kunstforscher

Auch seine Mutter bekundete in einem Wiedergutmachungsverfahren, alle Geschäftsunterlagen seien verbrannt. Vor zweieinhalb Jahren wurden sie in der Schwabinger Wohnung des Sohnes gefunden: eine unschätzbare Quelle für die Forschungsstelle "Entartete Kunst", die seit zehn Jahren versucht, jedes der geschätzt 20.000 Kunstwerke, die konfisziert wurden, zu identifizieren und ihren heutigen Standort zu recherchieren. Gurlitts Geschäftsunterlagen sind aber auch für alle Provenienzforscher von höchstem Wert. Viel zu wenig ist über den Kunsthandel im Nationalsozialismus bekannt. Nun könnten aus Vermutungen Gewissheiten werden. Vor allem könnte es gelingen, die rechtmäßigen Voreigentümer zu ermitteln.

Gurlitts Sohn, Cornelius, scheint ausschließlich vom Verkauf der Bilder gelebt zu haben, wie leere Bilderrahmen in der Wohnung beweisen. Dass er für die Ware Käufer fand, zeigt auch, wie wenig genau der Kunsthandel immer noch auf die Provenienz der Bilder schaut. Zwar gilt der staatlich verordnete Kunstdiebstahl zwischen 1933 und 1945 juristisch als verjährt, aber moralisch könnte auch der Kunsthandel mehr Respekt und Verantwortung zeigen.

Einige Werke konnte Gurlitt in den letzten Jahren über den Berner Galeristen Eberhard Kornfeld absetzen. Auf dem Rückweg aus der Schweiz war Gurlitt auch den Zollfahndern aufgefallen, weil er in einer Tasche 18 neue 500-Euro Scheine bei sich hatte - Bargeld aus einem Verkauf bei Kornfeld. Die argwöhnischen Beamten recherchierten weiter und leiteten schließlich eine Hausdurchsuchung bei dem in München nicht Gemeldeten ein, der damals 76 Jahre alt war.

Dass Cornelius Gurlitt möglicherweise über weitere Bilder-Depots verfügt, lässt seine Einlieferung beim Auktionshaus Lempertz im Herbst 2011 vermuten - Monate nachdem die Bilder der Schwabinger Wohnung längst in einem Zolllager in Garching bei München sichergestellt worden waren. Max Beckmanns "Löwenbändiger" aus dem Jahr 1930 wurde aus der Auktion genommen, weil die Erben nach Alfred Flechtheim darauf Anspruch erhoben. Es wurde restituiert, kam mit der noblen Provenienz Alfred Flechtheim wieder in die Auktion und erzielte einen Preis von 864.000 Euro. Je nach Vergleichs-Vereinbarung dürfte davon etwa die Hälfte der Summe bei Gurlitt verblieben sein. Emma Bahlmann, die Münchner Vertreterin des Auktionshauses, beschreibt Gurlitt als "absolut seriös, lieb und umgänglich".

Der Fall Gurlitt, der bisher nur die Steuerbehörden interessierte, bleibt spannend - juristisch wie historisch. Meike Hoffmann indes zeigte sich am Sonntag mehr als irritiert, dass Inhalte ihrer Gutachten jetzt an die Öffentlichkeit geraten sind.

© SZ vom 04.11.2013/feko