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Denkmalstreit in Tallinn:Vom Sockel gestoßen

Rätselhaftes Treiben auf steinernen Sockeln: Mit der Veränderung des politischen Klimas in Osteuropa hat sich auch der Blick auf Kriegerdenkmäler und die Kunst der Sowjetzeit verändert.

Gottfried Knapp

Die Verbannung des bronzenen russischen Denkmal-Soldaten aus dem Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn an den Rand der Stadt hat zu schweren lokalen Straßenschlachten und zu einem politischen Zerwürfnis zwischen Russland und der ehemaligen Sowjetrepublik Estland geführt.

Ähnlich großen Ärger könnte es demnächst auch zwischen Russland und Polen geben, wenn die Polen, trotz düster warnender Töne aus Moskau, mit ihrer jüngsten Ankündigung ernst machen und alle Denkmäler im Land, die an den Sieg der sowjetischen Armee erinnern, entfernen.

In Ungarn sind nach dem Zerfall der Sowjetunion die russischen Soldatendenkmäler ohnehin fast alle abgebaut worden. Lediglich das zentrale Monument in Budapest auf dem Freiheitsplatz in der Nähe des Parlamentsgebäudes - es ist schon mehrfach von ungarischen Nationalisten geschändet worden und wurde deshalb mit einem hohen Stahlzaun gesichert - hat die postkommunistischen Bilderstürme überlebt. Doch nun soll auch dieses vergleichsweise sachlich neutrale, fast ausschließlich auf architektonische Elemente bauende Monument aus der Innenstadt entfernt und auf einen fernen Friedhof hinausverlegt werden.

Völlig vom Sockel

Wie einseitig diese Entscheidungen von politischen und ideologischen Überlegungen bestimmt waren und wie wenig die Bildprogramme, also der ästhetische Ausdruck der Monumente und die künstlerische Leistung der Schöpfer dabei eine Rolle gespielt haben, zeigt ein kleiner Rundblick auf einige der prominentesten Streitobjekte und auf die bildnerisch bemühtesten Denkmalensembles.

Der in Tallinn vom Sockel gehobene Rotarmist kann dabei gut als Einstieg dienen. Auf seinem mäßig hohen ursprünglichen Denkmalsockel in der Nische vor der steinernen Bossenwand hatte der übermannshohe Bronze-Geselle noch einen recht mächtigen und düsteren Auftritt. Sein ergriffen-ernster Blick nach unten auf die Grabstätte wirkte auf die Passanten, die zu ihm hinaufblickten, nicht in sich gekehrt, sondern abweisend-grimmig, ja der gesenkte markante Kopf hatte für die Untenstehenden etwas Feindliches, Herrisches, Strafendes.

In dem Soldatenfriedhof, in den die Statue vor kurzem umgesiedelt wurde, steht der Koloss auf ebener Erde in einem Blumenbeet - und nun, da er, trotz Übergröße, quasi auf Augenhöhe Kontakt hat mit den Besuchern, ist er plötzlich nicht mehr die übermächtige, finster-fremde Figur aus der Denkmalnische, sondern misst sich mit den Menschen, die vorbeigehen.

Ja mit den Blumen an den Stiefeln bekommt der Koloss mit dem Helm unter dem Arm sogar fast etwas Rührendes. Das Senken des Kopfes wirkt nun, da man auf die Haarpracht blickt, nicht mehr wie eine herrische Projektion nach unten, sondern wie eine Geste der Demut, der Ergriffenheit.

Seite 2: Der Kampf osteuropäischer Staaten gegen den überlebensgroßen Feind.

Das Herunterholen vom Sockel und die Freistellung im Grünen, also das demonstrative Herabsetzen der Figur, hat den russischen Soldaten also nicht degradiert, sondern allenfalls entdämonisiert, ja ihn vermenschlicht. Wenn die Väter der Tallinner Umsiedlung diesen Effekt einkalkuliert oder gar bewusst inszeniert haben, sind sie zu einem großen Erfolg zu beglückwünschen.

Doch wer in den letzten Monaten all die anderen politischen Reaktionen auf Relikte der Sowjetära aus dem ehemaligen Ostblock beobachtet hat, muss befürchten, dass sich auch in Tallinn keiner der Verantwortlichen für die künstlerische Botschaft des Denkmals interessiert hat.

Tatsächlich fällt es heute auch recht schwer, den oft schrillen Signalen der sowjetischen Ehrenmäler in die beabsichtigten Richtungen zu folgen. Denn je weiter der gloriose Sieg über den Faschismus, den die Bildhauer und Architekten möglichst plastisch zu feiern hatten, in die Vergangenheit entrückt, desto rätselhafter wird das Treiben, das auf den Sockelreliefs dargestellt ist und von den pfeilerhoch freistehenden Personengruppen vorgeführt wird.

Zugewachsen ist den martialischen Helden-Inszenierungen der ersten Nachkriegsjahre im Lauf der Zeit eigentlich nur eine gewisse unfreiwillige Komik, etwas hinterhältig Destruktives, das den physischen Zersetzungsprozess der aufgetürmten Steinmassen auf geistig-moralischer Ebene fortsetzt.

Artistische Anachronismen

Zu den Denkmälern, die in den nächsten Monaten demontiert werden könnten, gehört auch das Sowjetehrenmal in Warschau. Es steht weithin sichtbar in der Mitte eines großen Platzes und verblüfft den Betrachter durch die extremen Temperamentsunterschiede seiner Akteure. Die vier Soldaten, die in langen Mänteln an den vier Ecken des quadratischen Mittelpfeilers Aufstellung genommen haben, sind wohl schon im Erbauungsjahr selig entschlafen.

Die drei Infanteristen aber, die hoch darüber auf der schmalen Plattform des Pfeilers ihre Gewehre auf die Menschen unten auf dem Platze richten und eine Handgranate schwingen, bringen ihre selbstmörderischen Aktionen mit so viel artistischem Schwung vor, dass man sich fragt, wie sie ein halbes Jahrhundert lang, ohne abzustürzen, da oben herumtänzeln konnten.

Auch wenn die entsicherten Waffen der Soldaten zunächst auf die Faschisten gerichtet waren - besonders vertrauenerweckend wirken die Auftritte der Russen in Warschau nicht. Man kann die Polen also gut verstehen, wenn sie die vom ehemaligen Brudervolk oktroyierte aggressive Symbolik aus ihrer Hauptstadt verbannen wollen. Und auch der Mythos von der Schutzmacht Sowjetunion, den die vier Standfiguren verkörpern, ist nur noch ein Anachronismus.

Dennoch darf man staunen, zu wie viel bildnerisch unterschiedlichen Lösungen die sowjetischen Denkmalbauer in den ersten Jahren nach dem Krieg fähig waren. In Brest in Weißrussland etwa haben sie mit einem etwa 15 Meter hohen, eindrucksvoll böse blickenden Männerkopf, der die amerikanischen Präsidentenköpfe am Mount Rushmore blass aussehen lässt, an den erbitterten Widerstand der Roten Armee nach dem Einmarsch der Deutschen erinnert. In Sofia begrüßen überlebensgroße vollplastische Menschengruppen, die allen möglichen Tätigkeiten nachgehen, auch mal Motorrad fahren, den Frieden, den der Rotarmist hoch oben auf seinem Kanzelpfeiler triumphierend verkündet.

In Lettland allerdings hat man sich Zeit gelassen mit dem Denkmal für die russischen Befreier. Erst im Jahr 1985 - und nun in modern abstrahierten klobigen Formen - durften die rund fünf Meter hohen Monumentalfiguren, in denen man mit einigem guten Willen bewaffnete Soldaten erkennen kann, gegenüber dem lettischen Freiheitsdenkmal aus den dreißiger Jahren aufmarschieren. Das auch dieses mit so viel künstlerischem Ehrgeiz gestaltete späte Denkmal in den nächsten Jahren geschleift wird, darf bezweifelt werden.

© SZ vom 11.5.2007
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