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Denkmal:Die Wipfel unterm Dach

Wolfratshauser Bürgerinnen und Bürger kämpfen für den Erhalt des Badehauses Waldram als vielschichtigen Ort der Erinnerung

Waldram hatte schon viele Gäste. General Dwight D. Eisenhower, Rabbi Halberstam, den "Klausenburger Rebbe", dem die Nazis Frau und elf Kinder ermordet hatten. Oder Max Mannheimer, der sich im Displaced-Persons-Lager Föhrenwald im Auftrag der Amerikaner um die Hardcore-Cases, um schwerst-traumatisierte Juden kümmerte. Hitler war nicht da, er besichtigte 1938 nur nebenan im Wolfratshauser Forst den Bau seiner Rüstungsbetriebe und ließ in Föhrenwald - so hieß Waldram damals - eine Mustersiedlung für die Arbeiter der Munitionsfabriken errichten. Wie in einem Brennglas spiegelt der Erinnerungsort Badehaus am Waldramer Kolpingplatz Zeitgeschichte wieder.

Der Kolpingplatz hieß früher anders, eine Weile war er die "Danziger Freiheit", dann der "Independence Place", bevor er in den Fünfzigerjahren nach dem katholischen Priester benannt wurde. Die Namen stehen für die verschiedenen Zeitschichten, die sich im Badehaus gekreuzt haben, angefangen bei den Zwangsarbeitern der NS-Zeit und den Überlebenden des Todesmarsches über die jüdischen "Displaced Persons" (DP), die sich in diesem Lager nach dem Krieg auf ihre Auswanderung vorbereiteten, bis hin zu den hier angesiedelten Heimatvertriebenen, vorwiegend aus dem Sudetenland. Vor einem Jahr hat die ehrenamtlich betriebene Erinnerungsstätte eröffnet, 4000 Besucher waren inzwischen an diesem "zutiefst europäischen Ort", wie es Sybille Krafft formuliert.

Die Autorin und Filmemacherin ist die Vorsitzende des Vereins "Bürger für das Badehaus Waldram-Föhrenwald". Ihrer Zähigkeit und dem unglaublichen Engagement der 460 Vereinsmitglieder ist es zu verdanken, dass das Badehaus noch steht und nicht einer Wohnbebauung weichen musste. 19 000 Stunden ehrenamtliche Arbeit haben sie inzwischen in ihr Museum gesteckt, ob beim Schreiben von Förderanträgen, auf der Baustelle oder als Kassenkraft. Auf Dauer kann das so nicht weitergehen, auch wenn sich bislang weder die Stadt Wolfratshausen noch eine andere öffentliche Stelle am Unterhalt des Hauses beteiligen möchte. "In dem Projekt steckt wahnsinnig viel Arbeit, aber genauso viel Herzblut und Emotionen", sagt Sybille Krafft, während sie durch das Museum führt. 900 Quadratmeter, verteilt auf drei Stockwerke, jede Zeitspanne in einem andersfarbigen Raum. Überall Medienstationen, in denen Zeitzeugen, multiperspektivisch von ihren jeweiligen Erfahrungen erzählen. Kein Take länger als drei Minuten, trotzdem kann man hier Stunden verbringen - zutiefst bewegt. "Mich interessiert Geschichte nicht, wenn sie mich nicht berührt", sagt Krafft.

Der Wald der Erinnerung wächst im Dachgeschoss des Badehauses. Jeder seiner Bäume steht für einen eigenen Zeitabschnitt in der Geschichte des Gebäudes. An den Wänden finden sich Biografien der Zeitzeugen.

(Foto: Felicitas Amler)

Jeder Versuch, dem Badehaus einen Denkmalschutzstatus zu verschaffen, scheiterte. Die Begründung der Obersten Behörde: das Gebäude habe zu viele bauliche Veränderungen erlebt. Dabei besteht die Einzigartigkeit des Erinnerungsorts genau in diesen verschiedenen Nutzungen, die alle ihre Spuren hinterlassen haben. Die Verweigerung des Denkmalstatus' hatte fatale Konsequenzen: Sie trieb die Baukosten in die Höhe, weil nach aktuellen Brandschutzrichtlinien umgebaut werden musste, während für ein Denkmal Ausnahmeregelungen gegolten hätten. Die Eingriffe in Bausubstanz und Statik waren massiv, schließlich kostete der Umbau 1,8 Millionen Euro; Städtebauförderung und die Stadt Wolfratshausen machten es möglich. Zehn Prozent musste der Verein aufbringen.

Anfangs gab es heftigen Gegenwind. "Wir durchkreuzten ein großes Immobilienprojekt, das schafft keine Freunde", sagt Krafft. 2011 hatte die katholische Kirche, um den Neubau ihres Spätberufenen-Gymnasiums in Waldram zu finanzieren, einen Teil des Seminargeländes verkauft. Dass historische Bausubstanz weichen musste, nahm sie in Kauf. Der Historische Verein Wolfratshausen, dem Krafft ebenfalls vorsteht, und die Siedlungsgemeinschaft Waldram reagierten alarmiert, sahen sie das städtebauliche Herz Waldrams - den Kolpingplatz mit Badehaus - gefährdet. Aus den Mitgliedern beider Gruppierungen entstand 2012 der Badehaus-Verein.

"Eigentlich wussten wir damals wenig über das Haus", erinnert sich Krafft. Nur dass es in Waldram noch "Badebau" hieß, obwohl nichts mehr auf die Funktion hindeutete. Zuletzt hatten dort Lehrer und Studierende gewohnt. Und wäre es dem Verein nicht gelungen, nachzuweisen, dass hier nach dem Krieg eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad, existiert hatte, wäre es schwierig geworden, den Noch-Besitzer Kirche vom Erhalt des maroden Gebäudes zu überzeugen. So aber überließ sie das Haus 2015 unentgeltlich dem Verein.

Sybille Krafft ist Autorin, Filmemacherin und Vorsitzende des Vereins "Bürger für das Badehaus".

(Foto: Hartmut Pöstges)

Auf der Mikwe hatte der orthodoxe Rabbi Halberstam bestanden. Von ihr ist nichts mehr zu sehen. An die Stelle, wo einst vermutlich die Stufen ins Wasserbecken führten, wird ein Film projiziert. Benjamin und Chana Braun, Überlebende der Schoah, erzählen, wie sie hier 1955 vor ihrer Hochzeit eintauchen mussten, zwei von 15 Zeitzeugen, die sich an das Bad erinnern. Inzwischen hat der Verein, der sich lang anhören musste, die Mikwe hätte gar nicht existiert, auch Handwerkerrechnungen für das "koschere Bad" gefunden.

Der Besucher landet erst spät im Keller. Zunächst passiert er die erste, die nationalsozialistische Zeitschicht, geht vorbei an den Kisten der Deutschen Sprengchemie, den spezialbeschichteten Schuhen, den Mehlsäcken mit Hakenkreuzen oder den Listen, die akkurat die Nationalitäten der Arbeiter verzeichnen. Anfangs fungierte das Haus als Männerbad, in dem sich die Arbeiter der Munitionsfabriken säuberten, auch die dienstverpflichteten Deutschen, die in der Mustersiedlung in Häusern untergebracht waren. Die Zwangsarbeiter lebten zusammengepfercht in Baracken, in Interviews erzählen sie von den elenden Bedingungen.

Da ein Strang des Todesmarschs aus dem Konzentrationslager Dachau in der Nähe vorbeiführte, verbrachten diejenigen, die überlebten, im Lager ihre ersten Stunden in Freiheit, konnten sich im Badehaus zum ersten Mal wieder waschen. Wenig später im September 1945 besuchte Militärgouverneur Eisenhower, der spätere amerikanische Präsident, das Lager und entschied, Föhrenwald als rein jüdisches DP-Lager zu führen. Damit begann die Geschichte des "letzten jiddischen Schtetls auf europäischem Boden" (Krafft). Eine Welt für sich, bald von seinen Bewohnern selbst verwaltet, mit Fußballverein, Zeitung, Polizei, Feuerwehr. Und vielen Babys: In Föhrenwald habe es, sagt Krafft, in den ersten Nachkriegsjahren so viele Geburten wie in keiner anderen jüdischen Gemeinde auf der ganzen Welt gegeben. Das DP-Lager existierte zwölf Jahre lang, die letzten Juden, die zum Auswandern nicht mehr die Kraft fanden, gingen im Februar 1957. Nicht freiwillig, sondern sie wurden, auch das erzählen Zeitzeugen, in Lastwagen nach München oder Frankfurt gebracht und auf Sozialwohnungen verteilt. "Das war nicht schön", sagt eine Frau bedauernd.

Beispielhaftes Engagement: Die Gründungsmitglieder des Vereins "Bürger für das Badehaus Waldram-Föhrenwald" vor ihrem Museum.

(Foto: Justine Bittner)

Das nächste Kapitel, das im Badehaus aufgeschlagen wird, erzählt von einer planmäßigen Rekatholisierung. Das Katholische Siedlungswerk kaufte 1955 das Lagergelände, benannte es 1956 in Waldram um und siedelte dort Heimatvertriebene an, oft kinderreiche Familien, die es schwer hatten, woanders unterzukommen. Für große Freude bei den Nachbarn sorgte das nicht. Wüsste man es nicht besser, könnte man sich angesichts der Kommentare in den Medienstationen sofort in die Jetztzeit versetzt fühlen. Die Vertriebenen erzählen vom Neid ihrer Nachbarn, von denen manch einer die Auffassung vertrat, die Flüchtlinge erhielten viel zu viel finanzielle Unterstützung, während die Einheimischen sich alles erarbeiten müssten.

Oben im Dachgeschoss wächst der Wald der Erinnerung mit fünf stilisierten Föhren, jede erinnert an einen Zeitabschnitt. Ein guter Platz, um sich in die Biografien der Zeitzeugen zu vertiefen. Ihre Namen stehen umlaufend an den Wänden. "Irgendwann soll alles voll sein", sagt Krafft. Aber ohne mehr finanzielle Unterstützung wird es nicht funktionieren, die hohe Qualität zu halten. Und das wäre immens schade.

Badehaus Waldram, geöffnet Fr., 9 bis 16 Uhr und Sa., So., 13 bis 17 Uhr

© SZ vom 27.12.2019

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