Demonstranten-Feldforschung:Mit Seifenblasen gegen G 8

Rote Nase statt schwarzem Kapuzenpulli: In Rostock irritieren Demonstranten in Clownskostümen mit ihrem friedlichen Protest und einer neuen Protestkultur die Polizei. Ein bebildertes Interview mit der Soziologin Andrea Pabst.

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Rote Nase statt schwarzem Kapuzenpulli: In Rostock irritieren Demonstranten in Clownskostümen mit ihrem friedlichen Protest und einer neuen Protestkultur die Polizei. Ein bebildertes Interview mit der Soziologin Andrea Pabst. Von Carolin Pirich.

sueddeutsche.de: Frau Pabst, auf der Demonstration am Samstag sind Leute auf Stelzen mitgegangen, haben sich als Clowns verkleidet, große Puppen aus Pappmaché gebastelt und riesige Schneemänner schweben lasen. Ist diese Kreativität eine neue Protestform?

Andrea Pabst: In der Wissenschaft werden die Proteste gegen die Welthandelsorganisation in Seattle 1999 oft als Einschnittpunkt zitiert. Das kann man sehen wie man will...

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... Aber seit bestimmt zehn Jahren sind Straßenproteste deutlich kreativer geworden - auch, um sich mit der Gewalterfahrung auseinanderzusetzen. Die Clowns zum Beispiel: Sie sagen deutlich, dass sie Angst um ihre Körper haben. Die Verkleidung ist ein Ausdruck ihrer bisherigen Erfahrung bei Straßenprotesten.

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sueddeutsche.de: Rote Nase, bunte Perücken, geschminkte Gesichter - schützt die Verkleidung vor körperlicher Gewalt?

Pabst: Am Samstag konnte man tatsächlich erleben, dass Clowns mit ihrer Strategie sogar deeskalierend wirken. Sie gehen ganz nah an die Polizisten heran und machen dadurch eine andere Form von Interaktion möglich. Einmal, als 20 Polizisten auf den Platz der Kundgebung vordringen wollten, haben die Clowns sie gemeinsam mit anderen wortwörtlich zurückgetanzt.

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sueddeutsche.de: Warum gerade Clownskostüme?

Pabst: Man könnte ganz plakativ sagen, dass es einfach nicht gut aussehen würde, wenn ein Clown von einem Polizisten niedergeschlagen wird. Und die Polizei hält sich vermutlich auch zurück, weil ihr der Umgang mit solchen Protestformen nicht klar ist. Die Clowns-Taktik funktioniert jedoch nur so lange bis die Polizei gelernt hat, darauf zu reagieren. Dieses Wechselspiel treibt die Entwicklung der Protestformen voran. Wenn die Aktivisten als Clowns die Polizei nicht mehr irritieren können, dann müssen sie sich etwas Neues ausdenken.

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sueddeutsche.de: Gelten also schwarze Kapuzenpullis und Tücher vor dem Gesicht in der Protestkultur als rückschrittlich?

Pabst: Man kann beobachten, dass auch Aktivisten, die sich eigentlich dem Schwarzen Block zurechnen würden, schon an Aktionen von Clowns teilgenommen haben. Das ist eben das besondere an Protestformen. Sie sind nicht an eine bestimmte Gruppe gebunden. Jeder kann sich eine Clownsnase aufsetzen. Was er dann damit macht, ist eine ganz andere Frage...

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... Der Schwarze Block tritt zwar homogen auf, ist aber in sich sehr vielfältig. Wenn man jeden einzelnen befragen würde, käme heraus, dass viele von ihnen inhaltlich und theoretisch umfangreich begründen können, warum sie in so einem Schwarzen Block laufen. Und dann gibt es vermutlich auch welche, die es einfach nur aufregend finden, schwarz verkleidet zu sein. Dabei müssen sie nicht unbedingt sagen, au ja, ich wollte schon immer auch mal Steine schmeißen.

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sueddeutsche.de: Welche Bedeutung hat der Körpereinsatz bei Protesten?

Pabst: Man sieht das zum Beispiel an Tutti Bianchi aus Italien, die sich nach den Protesten in Genua aufgelöst haben: Die haben ganz bewusst den Einsatz ihrer Körper thematisiert. Sie traten in gepolsterten weißen Anzügen auf und thematisierten in Pamphleten die Verletzbarkeit des Körpers. Die Auseinandersetzung mit dem Körper spielt in den globalisierungskritischen Bewegungen eine immer größere Rolle.

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sueddeutsche.de: Werden Sie selbst am Mittwoch ausprobieren, den ganzen Körper als Protestmittel einzusetzen? Nehmen Sie an den Blockaden teil?

Pabst: Ja. Ich finde es spannend, mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen ein ganz konkretes Ziel zu haben: den Gipfel zu blockieren. Es entspricht zudem nicht meinem Wissenschaftsverständnis, mir die Dinge nur von außen anzusehen. Das funktioniert vom Thema her nicht, denn es geht auch um ganz individuelle Erfahrung. Das muss ich schon selbst erleben, um es nachvollziehen zu können.

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Andrea Pabst, 28, ist Soziologin und erforscht in ihrer Dissertation Straßenproteste globalisierungskritischer Bewegungen und die Rolle, die Körper darin haben. In Rostock betreibt sie derzeit Feldforschung.

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