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Debatte über Demokratie in den USA:"In Wahrheit habe ich als Frau kein Land"

Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Heike Paul bei der Aufzeichnung ihres „55 Voices“-Vortrages im Thomas Mann House.

(Foto: Nikolai Blaumer/Thomas Mann House)

Gleichberechtigung beim demokratischen Prozess sollte in freiheitlichen Gesellschaften wie den Vereinigten Staaten eine Selbstverständlichkeit sein. Doch es gibt Defizite.

Gastbeitrag von Heike Paul

Im Herbst 1940 bat der britische Radiosender BBC den deutschen Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, in seinem kalifornischen Exil kurze Radiovorträge zu verfassen, die nach Nazi-Deutschland gesendet wurden. 55 Ansprachen verfasste Mann bis Kriegsende. Der Trägerverein der Begegnungsstätte Thomas Mann House in Los Angeles hat die Idee der Radioansprachen wieder aufgenommen und veranstaltet die Reihe "55 Voices" mit Ansprachen für die Demokratie, die die SZ abdruckt und der Deutschlandfunk sendet.

Heike Paul ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin, Thomas Mann Fellow und Leibniz-Preisträgerin. Seit 2004 hat sie den Lehrstuhl für Amerikanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg inne.

Folgende Wahrheit sollte selbstverständlich sein: dass eine Demokratie, in der Frauen nicht auf allen Ebenen beteiligt sind, keine Demokratie ist. Lange Zeit waren Frauen von der amerikanischen Demokratie, wie auch von demokratischen Systemen anderswo, ausgeschlossen - egal wie sehr sie sich um Zugang dazu bemühten. Man denke zum Beispiel an Abigail Adams, die Ehefrau von John Adams, einem der sog. Gründerväter, die mit "einer Rebellion" drohte, sollte seine neue "Unabhängigkeit" nicht auch für sie gelten; oder an Penelope Barker und ihre Anhängerinnen, die 1774 in Edenton, North Carolina, ihre eigene "Tea Party" organisierten, um den britischen König zu ärgern; oder erinnern wir uns an Elizabeth Cady Stanton, die 1848 eine weitere "(Unabhängigkeits-)Erklärung" verfasste (die "Declaration of Sentiments"), an Sojourner Truth, die mit ihren leidenschaftlichen Reden für die Rechte der schwarzen Bevölkerung und der Frauen das Publikum aufrüttelte, und an Ida B. Wells, die für das Wahlrecht der schwarzen Frauen kämpfte. Andere Frauen wiederum brachten Flugschriften und Manifeste in Umlauf - und einige wagten es sogar, für das höchste Amt im Land zu kandidieren: die Präsidentschaft. Victoria Woodhull war die erste, die dies im Jahr 1872 tat.

In diesem Jahr, 2020, feiert man die Verabschiedung des 19. Zusatzes zur US-amerikanischen Verfassung, der amerikanischen Frauen am 18. August vor hundert Jahren das allgemeine Wahlrecht gewährte und ihnen zumindest formal den Zugang zu dem System sicherte, das amerikanische Demokratie genannt wird. Ellen Carol DuBois hat diesen langen und eng mit der Rassenfrage verknüpften Kampf um Beteiligung in ihrer jüngst erschienenen Studie "Suffrage: Women's Long Battle for the Vote" anschaulich und akribisch dokumentiert und nennt ihn "die größte Wahlrechtserweiterung in der Geschichte der Vereinigten Staaten".

Am 18. August vor hundert Jahren gewährten die USA Frauen das Wahlrecht

Zum Zeitpunkt der Verabschiedung des Zusatzartikels beeindruckte das politische, soziale und kulturelle Klima der sogenannten Progressiven Ära nicht wenige Besucherinnen der Vereinigten Staaten. Alice Salomon, eine bekannte deutsch-jüdische Pädagogin, schrieb in ihrem Reisebuch: "Immer, schon nach meinem ersten Besuch in den Staaten, ist mir klar gewesen, dass - sofern ich noch einmal als Frau auf die Welt kommen sollte - ich nur wünschen würde, in den Vereinigten Staaten geboren zu werden." Salomons Beobachtung wurde von vielen deutschen Frauen geteilt, die damals zum ersten Mal den Atlantik überquerten. Amerikanische Frauen hatten (ungeachtet ihres vergleichbaren rechtlichen Status) offenbar einen besseren Zugang zu Bildung als ihre Zeitgenossinnen in der "alten Welt". Zudem schienen sie in der Öffentlichkeit anerkannt zu werden und Gehör zu finden.

Trotzdem war Salomons feministische Interpretation der einflussreichen utopischen Tradition in und über Amerika vielleicht etwas zu enthusiastisch. Zum einen lag ihr Fokus hauptsächlich auf den Privilegien der weißen Frauen der Mittelschicht, zum anderen fiel ihre Einschätzung der Situation mit einer damals in den USA grassierenden Welle der Fremdenfeindlichkeit zusammen, die schließlich zur Verabschiedung des restriktiven Einwanderungsgesetzes von 1924 führte. Die erfolgreiche Einbeziehung einiger Frauen in den politischen Prozess ging Hand in Hand mit einer neu institutionalisierten Diskriminierung, dem Ausschluss anderer "Anderer".

Schauen wir in die Gegenwart. In den meisten aktuellen Einschätzungen überwiegen die dystopischen gegenüber den utopischen Vorstellungen, und viele von uns würden wohl kaum in Salomons Wunsch nach einer Wiedergeburt in Amerika einstimmen. Ein wiederkehrendes Thema in dem jüngst wieder aufblühenden Genre der feministischen Dystopie sind verschiedene Arten repressiver autoritärer Regime, die in den Vereinigten Staaten der Jetztzeit beziehungsweise der nahen Zukunft angesiedelt sind. In den viel gepriesenen Romanen von etablierten Autorinnen wie Margaret Atwood, Louise Erdrich und Gish Jen fürchten Frauen einmal mehr um ihr Leben und ihre Rechte in Welten, die ihre Stimme unterdrücken, ihnen ihre Menschenrechte verweigern und ihre Sexualität und Reproduktion gewaltsam kontrollieren. Es versteht sich von selbst, dass Patriarchat und Autoritarismus jeglicher Art kaum mit den universell anerkannten demokratischen Idealen vereinbar sind. Diese Formen der Unterdrückung gehen Hand in Hand mit Nationalismus und religiösem Fundamentalismus und zersetzen die Grundlagen der liberalen Gesellschaft.

Es ist erstaunlich, wie viele Frauen dem Pseudo-Feminismus der Rechten anhängen

Die in diesen dystopischen Romanen beschriebenen fundamentalistischen Renationalisierungen erscheinen leider weder weit hergeholt noch völlig unrealistisch. Sie sind vielmehr Spiegel beziehungsweise Übersteigerung des nicht nur in den USA, sondern in vielen westlichen Demokratien an Dynamik gewinnenden Backlash mit seinen Versuchen, Feminismus jeglicher Art entweder einzudämmen, zu verbieten und zu kriminalisieren oder sich diesen im Namen einer rechten, autoritären Ideologie anzueignen. Die Verwendung des Labels "Feminismus" kann zuweilen ebenso problematisch sein wie in der Vergangenheit die Verwendung des Labels "Demokratie". Sara Ahmed erinnert daran, dass der Export von "Demokratie" weltweit mit "Eroberung" und "Kolonialismus" einherging. Und Susan Faludi betont, dass die Entmachtung von Patriarchen nicht dasselbe ist wie die Abschaffung des Patriarchats - und selbst letztere reicht nicht aus, wenn wir nicht gleichzeitig heteronormative und rassistische Strukturen bekämpfen.

Wo, wie in jüngster Zeit, der Begriff des Feminismus rhetorisch von rechts gekapert wird, werden multikulturelle und kosmopolitische Ideale durch einen wiederbelebten Ethno-Nationalismus ersetzt, der stark an den Nativismus vor hundert Jahren erinnert. Wie Sara Farris in ihrer Betrachtung der europäischen politischen Kultur feststellte, erzeugt eine kulturelle Nationalisierung "im Namen der Frauenrechte" eine Art Pseudofeminismus. Dieser "Aufstieg des Femonationalismus" auf beiden Seiten des Atlantiks bedient sich nativistischer Reinheitsfantasien, fixiert sich auf die Rettung (weißer) Frauen vor ausländischen, die Grenzen überschreitenden nicht-weißen Männern und fordert sofortiges Handeln. Dabei geht es aber nicht so sehr um das Wohl der Frauen, weder individuell noch kollektiv, sondern vielmehr um das Wohl des Volkskörpers, einer organizistischen, essenzialistischen Vorstellung des politischen Körpers, die dabei geschickt aktualisiert und neu romantisiert wird. Traurigerweise finden sich zahlreiche Frauen unter der Anhängerschaft dieser nativistischen Ideen (diejenigen, die sich von der Volkskörper-Sentimentalität einwickeln lassen oder sich durch deren Propagierung strukturelle Vorteile versprechen), sodass einmal mehr einige ungleiche und unheilvolle Allianzen geschmiedet wurden. "Jede Frau betet einen Faschisten an", schrieb Sylvia Plath einst, wenn auch in einem anderen Kontext.

Die Zahl der neuen feministischen Manifeste zeugt von einer generellen Krise

Im Zeichen von Antichauvinismus und Antifaschismus wandte sich Virginia Woolf bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts von solchen Debatten ab und erklärte: "In Wahrheit habe ich als Frau kein Land. Als Frau will ich kein Land haben. Als Frau ist mein Land die ganze Welt." Sie steht nicht allein in der Forderung nach einer anderen, grenzüberschreitenden und offenen Form der Gemeinschaft. Aktivistinnen der schwarzen Diaspora haben schon lange dynamische Formen der Zugehörigkeit jenseits der Nation konzipiert. Mit den Worten von Audre Lorde: "Gemeinschaft darf nicht bedeuten, unsere Unterschiede aufzugeben, und auch nicht, die erbärmliche Vorstellung zu hegen, dass diese Unterschiede nicht existieren." Woolf und Lorde erinnern uns heute daran, dass der Kampf für die Rechte der Frauen ein internationaler und transnationaler Kampf war und immer noch ist. Darüber hinaus erinnert Woolfs Aussage an ein weiteres Genre, das neben dem dystopischen Roman in letzter Zeit international eine Renaissance erlebt: das feministische Manifest. Ein Manifest ist ein programmatischer und, was Anspruch und Vision angeht, oft utopischer Text, der öffentlich zu tief greifenden politischen und sozialen Veränderungen aufruft. Die Anzahl an Manifesten nimmt in Zeiten politischer Krisen zu, und die neuen, zum Teil auch nur neu aufgelegten feministischen Manifeste zeugen von einer generellen Krise - sie weisen auf Defizite im demokratischen System hin, die sie behoben wissen wollen. Die Manifeste von Chimamanda Ngozi Adichie, Mary Beard, Marie Rotkopf und Sara Ahmed oder der kollektiv verfasste Band "Feminism für the 99%", um nur einige zu nennen, mögen bisweilen Genrekonventionen aufbrechen und politisch vielstimmig sein. Ganz sicherlich jedoch versuchen sie alle, der düsteren Politik eines dystopischen, aktuell immer realer anmutenden Heteropatriarchats mit einem programmatischen Ruf nach alternativen horizontalen Zugehörigkeiten zu begegnen.

Vielleicht ist das Thomas- (und Katia-) Mann-Haus in der heutigen Zeit ein ebenso gut geeigneter Ort für politische Manifeste, wie er es in den 1940er-Jahren war, in denen Thomas Mann hier seine Stimme für die Demokratie erhob. Ganz im Sinne der langjährigen Praxis des Feminismus sollten wir diese Verwandlung der ehemals privaten, häuslichen Sphäre in einen politischen öffentlichen Raum fortschreiben - einen Raum, in dem die Problematik von Geschlechterdifferenz, sozialer Ungleichheit und Rassismus stets aufs Neue verhandelt werden muss. Dies erscheint angesichts der allgemeinen restaurativen Tendenzen bezüglich traditioneller Geschlechterrollen, des ubiquitären strukturellen Rassismus und der erheblichen sozialen Benachteiligung (alles verstärkt durch die häuslichen Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Corona-Krise) umso dringlicher. Das Thomas-und-Katia-Mann-Haus kann ein solcher Raum sein, von dem aus wir an die transatlantischen Netzwerke der Vergangenheit erinnern, Utopien imaginieren und über die Vision einer transnationalen Zivilgesellschaft für die Zukunft der Demokratie nachdenken. Dazu gehören selbstverständlich auch die transnationale Vergangenheit und die Zukunft eines intersektionellen Feminismus und das fortwährende Engagement für Gleichberechtigung, hier und anderswo.

© SZ vom 11.08.2020/khil

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