Schriftsteller B. Traven:Der deutsche Phantom-Autor

Schriftsteller B. Traven: Ret Marut alias Otto Feige alias B. Traven, als er in London 1923 erkennungsdienstlich behandelt wurde.

Ret Marut alias Otto Feige alias B. Traven, als er in London 1923 erkennungsdienstlich behandelt wurde.

(Foto: Ullstein Bild)
  • 1969 starb in Mexiko-Stadt der rätselhafte Schriftsteller B. Traven.
  • Seine Abenteuerromane waren weltweit Bestseller und wurden von Hollywood verfilmt.
  • In Wirklichkeit hieß der Autor Otto Feige und kam aus Brandenburg.

Von Tobias Sedlmaier

Ob Homer oder Shakespeare, ob Thomas Pynchon oder Elena Ferrante: Auch 50 Jahre nach Roland Barthes' Ausspruch vom "Tod des Autors" ist das Leserinteresse an der Identität von Schriftstellern kaum erlahmt.

Im Gegenteil: Nach wie vor wird gefragt und geforscht, was das eigentlich für ein Mensch sei, der da schreibt, wie er wohl aussehen mag, was er getrieben und wie viel aus seinen Büchern er selbst erlebt hat. Heutzutage erfüllt der Schriftsteller oft den Wunsch seiner Leserschaft nach Nahbarkeit und präsentiert sich als Celebrity, händeschüttelnd auf Lesungen, Autogrammstunden und Buchmessen.

Die Gesamtauflage seiner Bücher beläuft sich auf etwa 30 Millionen Exemplare

Eine gänzlich andere Auffassung hatte einer der geheimnisvollsten, eigenwilligsten Autoren des 20. Jahrhunderts: "Die Biografie eines schöpferischen Menschen ist ganz und gar unwichtig. Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert." So rigoros formulierte es der Autor B. Traven Mitte der Zwanzigerjahre in einem Aufsatz.

Kurz zuvor war "Die Baumwollpflücker", eine Geschichte über den Alltag eines ausgebeuteten Tagelöhners, als Fortsetzungsroman in der SPD-Zeitung Vorwärts erschienen. Sie etablierte Stil und Thematik von Travens Romanen, die sich in ihrer knappen Strenge und den manchmal anarchistischen, doch immer sozialkritischen Tendenzen von den spannungsvollen Fantasieabenteuern eines Karl May unterschieden.

Travens Protagonisten sind mehr Arbeiter als Abenteurer und dabei stets Benachteiligte, Außenseiter, Ausgestoßene.

B. Travens größter Erfolg wurde 1926 veröffentlicht. "Das Totenschiff" handelt von einem Seemann, der seine Ausweispapiere verliert und zusammen mit anderen Staatenlosen auf einem maroden Kahn in totaler Hoffnungslosigkeit durch eine Welt treibt, die niemanden ohne Pass aufzunehmen bereit ist.

Ein Buch von geradezu prophetischer Aktualität, grimmig und bitter, dabei an keiner Stelle moralisierend. Mit seinen weiteren Büchern, darunter dem 1947 mit Humphrey Bogart verfilmten "Der Schatz der Sierra Madre" und dem sechsbändigen "Caoba-Zyklus" über die Indianer Mexikos erlangte B. Traven Weltruhm mit einer Gesamtauflage von etwa 30 Millionen Exemplaren.

Dabei hatte deren Urheber niemand im deutschen Literaturbetrieb leibhaftig zu Gesicht bekommen - kein Verleger, kein Journalist, kein Leser. Die Korrespondenz mit seinem Verlag "Büchergilde Gutenberg" erfolgte postalisch aus Mexiko, unterzeichnet eben mit B. Traven.

Treffen mit amerikanischen Verlegern verweigerte oder umging der Autor mit Ausreden. Seine Herkunft und Staatsangehörigkeit blieben ungewiss, was die Spekulationen in der Weimarer Republik beflügelte. So mutmaßte etwa der anarchistische Autor Erich Mühsam mithilfe einer Analyse des literarischen Stils, hinter B. Traven könnte ein Funktionär aus der Zeit der Münchner Räterepublik namens Ret Marut stecken.

Womit er zumindest einen Teil der Wahrheit erriet. Weitere Puzzleteile seines Lebenslaufs konnten erst nach B. Travens Tod 1969 von dem englischen Journalisten Will Wyatt enthüllt werden: Die Verdeckung der wahren Identität war nur ein Element einer geschickt konstruierten Biografie, einer sich selbst stilisierenden Attitüde, eines sorgsam aufrechterhaltenen Mythos, der heute zu großen Teilen aufgeklärt zu sein scheint.

Der Mann, der sich als Autor so polyglott B. Traven nannte, wurde 1882 als Otto Feige, Sohn eines Töpfers und einer Fabrikarbeiterin, im brandenburgischen Schwiebus, heute Świebodzin in Polen, geboren. Seine Ausbildung zum Maschinenschlosser befriedigte ihn nicht, er wagte den radikalen Bruch mit dem Elternhaus und entschied, sich neu zu erfinden.

Als durch das Erdbeben von San Francisco 1906 nicht nur ein Großteil der Stadt verwüstet wurde, sondern auch die meisten der Einwohnerakten unwiederbringlich verloren gingen, kam ihm die entscheidende Idee: Aus Otto Feige wurde 1907 der Schauspieler Ret Marut, geboren am 3. Mai 1890 in San Francisco. Mit seiner neu "erworbenen" Herkunft erhielt er kurze Engagements am Theater, unter anderem in Danzig und Düsseldorf.

1915 siedelte er zusammen mit seiner ersten Frau Irene 1915 nach München über. Dort gab er den Ziegelbrenner, eine antimilitaristische Zeitschrift heraus, und engagierte sich später in der Münchner Räterepublik, an deren blutigem Ende er nur knapp der Exekution entging. Auf abenteuerlichem Wege emigrierte B. Traven über die Stationen England und Kanada 1924 nach Tampico in Mexiko und lebte dort unter dem Namen Traven Torsvan.

Selbst in seinem neuen und finalen Exil fanden die Verwirrspiele um seine Identität kein Ende. So kamen auch Gerüchte auf, Esperanza López Mateos, die Tochter des mexikanischen Präsidenten und enge Vertraute B. Travens, oder gar ihr Vater seien die wahren Urheber seiner Werke.

"Je mehr man über ihn erfährt, umso mysteriöser wird er"

Auch wenn sich die Forschung heute weitgehend einig über den wesentlichen Verlauf von B. Travens Leben ist und Literaturwissenschaftler wie Jan-Christoph Hauschild Wyatts Funde belegen konnten, bleiben manche Etappen seiner Existenz und so manch anderes gewähltes Pseudonym nach wie vor im Dunklen.

Zu sehr scheint das permanente Stricken an der Mystifizierung der eigenen Identität an den Protagonisten aus dem "Totenschiff" zu erinnern.

So bleibt nach wie vor ein Körnchen Wahrheit in dem, was John Huston, Regisseur von "Der Schatz der Sierra Madre", über B. Traven sagte, als er in Hal Croves, einem am Filmset anwesenden Literaturagenten, das Phantom zu erkennen glaubte: "Je mehr man über ihn erfährt, umso mysteriöser wird er."

Dieser Text erschien zuerst in der Print-SZ am 5. November 2016.

© SZ.de/odg
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