Delphine de Vigan: "Die Kinder sind Könige":Beinharte Fröhlichkeit

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Delphine de Vigan: "Die Kinder sind Könige": Die Brutalität beinharter Fröhlichkeit: Delphine de Vigan im vergangenen September in Deauville.

Die Brutalität beinharter Fröhlichkeit: Delphine de Vigan im vergangenen September in Deauville.

(Foto: Loic Venance/AFP)

Delphine de Vigan hat einen Roman über die Instagram-Wracks der Zukunft geschrieben.

Von Rudolf von Bitter

Ein sechsjähriges Kind ist entführt worden, die Ermittler tappen im Dunklen, keine Hypothese zur Lösung des Falls hält länger als drei Stunden. Mittlerweile hoffen die Kommissare schon auf eine Lösegeldforderung, dann wäre es wenigstens kein Kinderschänder. Kimmy ist ein hinreißend hübsches Mädchen, Millionen Menschen kennen sie, denn sie ist der Star der Youtube-Seite "Happy Récré", die ihre Mutter Mélanie gegründet hat und die inzwischen, dank der Abertausenden Follower, aus Werbung und Product Placement ein Vermögen eingespielt hat.

Als endlich eine Geld-Forderung eintrifft, soll die zugunsten der Kinderschutz-Organisation "Enfance en danger" sein. Die Eltern sind nur allzu bereit zu zahlen, die altgedienten Kriminalpolizisten aus der Zentrale der Pariser Kripo sind irritiert. Allein Clara, Angehörige der Mordkommission und Protokollantin des Falls, ahnt etwas. Sie hatte es auf sich genommen, sämtliche Storys und Posts mit und um Kimmy anzuschauen.

Sammy, der bravere Sohn, hat noch großen Blogger-Ruhm erlebt, dann erfasste ihn massiver Verfolgungswahn

Aufgefallen war ihr die beinharte, brutale Fröhlichkeit der Mutter, wenn sie "meine Lieben" zu Abos und Likes auffordert. "Hallo, meine Lieben, tausend Dank! Ihr wart sehr, sehr viele, die abgestimmt haben, um uns zu helfen, und ihr habt für Kimmy die goldenen Nike Air ausgesucht!" Daneben die sichtbar nachlassende Begeisterung des kleinen Mädchens, das wie ein dressiertes Tier zu allen möglichen Aktionen geleitet wurde, die die Mutter und die Produzenten der beworbenen Produkte sich ausgedacht hatten. Womöglich ist es keine Kindesentführung, sondern das Kind könnte sich dem Zwang immer neu zu produzierender Filmchen selbst entzogen haben.

Mit dem Ende der Ermittlung, Kimmy war in das Auto einer früheren Nachbarin gestiegen und ein paar Tage bei ihr geblieben, ist die Geschichte für die Autorin nicht zu Ende. Sie projiziert das Leben von Kimmy und ihrem Bruder Sammy in die Zukunft des Jahres 2031, in der sie volljährig sind. Kimmy will jetzt mit Claras Hilfe ihre Akten einsehen und erhebt Klage gegen ihre Mutter: Missbrauch und das Recht am eigenen Bild. Sammy, der bravere Sohn, hat noch eine Zeit großen Blogger-Ruhms erlebt, dann erfasste ihn der Verfolgungswahn.

Delphine de Vigan: "Die Kinder sind Könige": Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige. Roman. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont-Verlag, Köln 2022. 320 Seiten, 23 Euro.

Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige. Roman. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont-Verlag, Köln 2022. 320 Seiten, 23 Euro.

(Foto: Dumont)

Nur Mélanie, die Youtuber-Mutter, lässt nicht nach. Dabei geht es ihr noch nicht einmal um die Einnahmen: Es sind die Steigerungen der Follower-Zahlen, der Bedeutungszuwachs, der sie antreibt wie eine Sucht: "Sie brauchte die Aufmerksamkeit dieser Menschen. Ihre Komplimente. Sie gaben ihr das Gefühl, einzigartig zu sein. Ein Mensch, der Beachtung verdiente. Dafür musste sie sich nicht schämen." Parallel zu Mélanies Gier nach Publikum verspürt Clara genau wie die vielen Fans eine Faszination - ob es Mélanies Charisma ist oder ihre hübsche Tochter, lässt de Vigan offen. Stattdessen lässt sie zurückblicken auf Mélanies Jugend, als sie mit der Familie die französische Version von Dschungelcamp schaute und von deren Stars fasziniert war, während sie selbst ein eher unauffälliges Mädchen war, dem die eigene Mutter kaum ein Talent zugestand.

Über welches Schadenspotenzial die sozialen Medien gerade bei Kindern und Heranwachsenden verfügen, muss kaum ausgeführt werden. Auch der ständige Druck, die Zahl der Follower als Indiz des eigenen Werts zu steigern, der Drang zur Selbstoptimierung und der Zwang, in hoher Frequenz immer neue Inhalte zu produzieren, sind wissenschaftlich erkannt und beschrieben. So könnte es als wohlfeile Themenwahl erscheinen, dass die Autorin dieses Buch offenbar aus einem eher beiläufigen Anlass verfasst hat: Auf die Idee brachte sie eine Fernsehreportage über Kinder-Influencer und Influencerinnen, die eine Buchsignierstunde in einem Supermarkt abhielten.

Das Verhalten der Erwachsenen kann in den Seelen der Kinder Verheerungen anrichten

Tatsächlich ist es aber das Thema zweier bereits vorliegender Bücher von Delphine de Vigan, welche Verheerungen das Verhalten der Erwachsenen in den Seelen der Kinder anrichten kann. In "Das Lächeln meiner Mutter" erzählt sie die Geschichte einer Frau, die als Mädchen in den Fünfzigern und Sechzigern durch Vermittlung ihrer Mutter erfolgreich Model ist und später eine völlig zerrüttete Existenz; in "Loyalitäten" zeigt sie, dass Kinder zu ihren Eltern halten, wie schlimm die auch mit ihnen umgehen, und wie sehr es auf ihnen lasten kann, wenn sie unversehens für die Eltern Verantwortung tragen müssen.

Delphine de Vigan macht ihre Anliegen dabei zu kurzweiligen Romanen. Die Erträge ihrer Recherchen kleidet in kurze Dialoge oder macht sie zu Elementen der Handlung. Vergleiche mit früheren Fällen von Kindesentführung und die typografisch abgesetzten Protokolle der Polizei lassen diesen Roman streckenweise wie einen Bericht erscheinen. Im Deutschen haben die unterschiedlichen Register ihres Vokabulars dank der Übersetzerin eine gelungene Entsprechung gefunden.

Wie bereits bei ihren vorhergegangenen Büchern, mag man auch "Die Kinder sind Könige" kaum aus der Hand legen: die Kriminalgeschichte einer vermeintlichen Entführung, dazu der engagierte Roman um die Auswirkungen der sozialen Medien und schließlich das psychologische Drama einer Abhängigen, ihres in Co-Abhängigkeit gefangenen Mannes und der ihr ausgelieferten Kinder, von denen das eine in Loyalität verharrt, bis der Schaden angerichtet ist, während das andere noch rechtzeitig aussteigen kann.

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