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Theater:Du sollst nicht recht haben wollen

Dekalog

Ohne offensichtlichen Grund bringt ein Mann (Christian Erdt) einen anderen (Robert Dölle) um. Später wird er zum Tode verurteilt. Zu Recht?

(Foto: Birgit Hupfeld)

Calixto Bieitos "Dekalog" am Münchner Residenztheater.

Von Christiane Lutz

Es gibt diesen Moment, wenn Menschen Entscheidungen treffen müssen, da verschwindet die Welt hinter der Wucht des Gefühls. Da ist alles Zaudern, Vortasten und dann ein Erschrecken ob der neuen Wirklichkeit. Zu entscheiden ist die größte menschliche Freiheit. Und es ist die größte Last. Vielleicht mögen Menschen auch deshalb Regeln, weil sie so schön entlasten.

So packt Michael (Robert Dölle) Anka (Linda Blümchen) zunächst auch begierig am Po, sie sitzt auf seinem Schoß, drückt alles in sein Gesicht, es flammt etwas auf zwischen ihnen, hektisches Entkleiden - dann überlegt er es sich anders und legt behutsam seine Jacke um sie. Sie ist seine Tochter, sehr wahrscheinlich, vielleicht auch nicht, so oder so wäre es falsch, haben sie gelernt. Erschrocken über die eigenen Gefühle bleibt er zurück. "Ehre deinen Vater und deine Mutter", heißt das vierte Gebot, Teil einer der ältesten Gesetzessammlungen der Welt, den zehn Geboten.

Calixto Bieito hat am Münchner Residenztheater "Dekalog" adaptiert, nach der polnischen Filmreihe von Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz von 1988/1989, die in einem trostlosen Warschauer Plattenbau nicht weniger als die Fragen nach menschlicher Freiheit, Recht und Unrecht verhandelt hat. In zehn Miniaturen verhandelt auch Bieito die biblischen zehn Gebote und macht daraus einen sehr menschlichen, direkten Theaterabend. Und abgesehen davon, dass es kurz verstörend ist, Menschen beim Einander-Anfassen zu sehen (das ist wieder erlaubt auf der Bühne), so sind viele dieser dieser Szenen so konzentriert gespielt, so angenehm unangenehm nah inszeniert, dass es einen schauert.

Bieito, früher mal für absichtlich provozierende, gewalttätige, gern auch sexualisierende Operninszenierungen bekannt, interessiert sich hier null für Provokationen, sondern für eben jene Entscheidungsmomente und was sie mit den Menschen machen. Er schiebt die Figuren dafür ganz nach vorn an den Bühnenrand, an den buchstäblichen Rand der Verzweiflung oft, er exponiert sie, zoomt auf ihr Zögern, den Entschluss und den Horror über das, was nun geschieht.

Geschichten von Liebe und Verantwortung, von Wut und Missgunst, Ehrlichkeit und Lüge - und der Hoffnung auf Erlösung

Da ist die Geschichte eines Vaters (Michael Wächter), der seinen Sohn zum Schlittschuhlaufen schickt, weil er, Computernerd, der er ist, die Dicke des Eises berechnet haben will. Das Kind stürzt ein. "Du sollst neben mir keine anderen Götter haben", heißt das erste Gebot. Ein Anwalt (Max Rothbart) macht sich Vorwürfe, einen jungen Mörder (Christian Erdt) nicht vor der Todesstrafe bewahrt zu haben, "Du sollst nicht töten", das fünfte Gebot. Es sind Geschichten von Liebe und Verantwortung, von Wut und Missgunst, Ehrlichkeit und Lüge. Von Leid und der Hoffnung auf Erlösung.

Das Bestechende an den Filmen ist, wie frei von Urteil sie sind. Es gibt kein Richtig und Falsch, beziehungsweise gibt es keine Entscheidung, die nicht auch zumindest nachvollziehbar gelesen werden kann. Es gibt nur das ethische Dilemma, in das die Menschen teils verschuldet, teils zufällig geraten und in dem sie sich nun winden. Die zehn Gebote bieten keine einfache Antwort auf die Komplexität des Lebens. Das vermeintlich simple "Du sollst nicht lügen" etwa wird für eine Professorin (Ulrike Willenbacher) zum Dilemma, als eine Lüge das Leben eines jüdischen Mädchens (Massiamy Diaby) retten könnte. Ist sie vielleicht froh, dass hier ein Gesetz für sie die Dinge regelt, ein bequemer Ausweg aus einer Verantwortung, die zu übernehmen sehr anstrengend wäre? Kieślowski beantwortet diese Fragen nicht, Bieito auch nicht.

Dekalog

Der Kubus auf der Bühne faltet sich zur Kulisse auf, zum Schutzraum, vor dem die Menschen ihre Kämpfe ausfechten.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Es ist Zufall, dass diese großen Themen in die Zeit passen, Bieito wollte kein Pandemie-Stück machen, er interessiert sich schon länger für "Dekalog". Er ist nicht der Erste. 2005 adaptierte Johan Simons die Filme an den Münchner Kammerspielen, 2013 machte Christopher Rüping am Schauspiel Frankfurt ein Mitmachformat aus dem Stoff, bei dem Zuschauer in Gewissensfragen abstimmen mussten. Das wiederholte er ähnlich vergangenes Frühjahr am Schauspielhaus Zürich, dann digital. Besser als die Filme könne er ohnehin nicht sein, sagte Calixto Bieito in einem Interview vorab, und schraubte damit die Erwartungen gleich mal ordentlich nach unten.

Bieito macht nicht den Fehler, den Filmen irgendwas hinzufügen zu wollen, er reduziert den Stoff auf entscheidende Momente

Zu Unrecht. Bieito macht nicht den Fehler, den Filmen irgendwas hinzufügen zu wollen, im Gegenteil. Die Inszenierung lebt vom Spiel am vorderen Bühnenrand, und davon lebt sie gut. Was nicht zuletzt an den tollen Schauspielerinnen und Schauspielern liegt, 20 sind es, welch Wahnsinnsanblick nach so langen Monaten. Im Grunde bräuchte es dafür auch den großen Leinwand-Kubus nicht, der im Zentrum steht (Bühne: Aída Leonor Guardia) und sich mal zu einer Art Flügelaltar aufklappt, dann zum Schutzraum für die Spielerinnen wird. Die wenigen religiösen Zitate, etwa ein Choräle singender Jüngling und ein paar nachgestellte Kreuzigungsbilder, wirken auch fast fremd, sind die moralischen Fragen der Gebote trotz ihres biblischen Ursprungs doch zutiefst menschliche. Die Komplexität liegt hier in den Konflikten, nicht in der Ästhetik, der Ausstattung oder pfiffigen Regie-Ideen. Da hätte man ruhig noch weglassen können.

Bieitos Inszenierung mag in ihrer Form zwar ein wenig konventionell sein (da nutzt auch der Auftritt einer Schauspieler-Band nichts, die am Ende AC/DCs "Money Talk" grölt), doch sie bohrt sich immer wieder in die Brust und macht die Abgründe des menschlichen Herzens ein klein wenig erfahrbar.

© SZ/rich
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