bedeckt München 26°

Debütroman von Ronja von Rönne:Es kommt niemand, nicht mal im übertragenen Sinn

Ronja von Rönne

Ein bisschen berühmt: Ronja von Rönne.

(Foto: dpa)

Ronja von Rönne wurde bekannt, weil sie "der Feminismus anekelt". Ihr Debütroman "Wir kommen" ist so lustlos geschrieben, als wäre ihr der eigene Text genauso egal wie alles andere auch.

Buchkritik von Meredith Haaf

Manchmal hat man ja das Glück, Autoren zu finden, die sich nicht nur für ihren Gegenstand interessieren, sondern in sich selbst einen Grund gefunden haben, warum sie über ihn schreiben, und aus deren Zeilen, selbst wenn sie von Verachtung und Verzweiflung erzählen, immer die Wärme strahlt, die entsteht, wenn es jemandem wirklich um etwas geht.

Ronja von Rönne, die laut Spiegel "halb Berlin-Mitte verrückt macht", ist leider keine solche Autorin. Zumindest noch nicht. Über knapp 25-Jährige sollte sich niemand abschließende Urteile erlauben. Ihr Debütroman "Wir kommen" handelt von einer jungen Frau namens Nora, die um ihre Jugendfreundin Maja trauert und gleichzeitig mehr oder weniger halbherzig versucht, ihre zerbröselnde Vierer-Beziehung zu retten. Ja, Nora lebt polyamor. Außerdem ist Nora ein Landei, das sich in der Stadt einsam fühlt und jede Nacht von Panikattacken heimgesucht wird. Eine Art Romanfigur gewordener Hashtag ihrer Generation. Gegen Ende kommt noch recht unverhofft ein Mordverdacht auf, aber diese Plotline endet wie alle zuvor in sprachloser Depressivität.

Vielen ist Ronja von Rönne ein Begriff, seit sie in der Welt einen bescheuerten und zu oft zitierten Text mit der Überschrift "Warum mich der Feminismus anekelt" veröffentlichte. Natürlich ist es intellektuell abstoßend, dass jemand, der keine Haltung zu irgendetwas hat ("Ich probiere Meinungen an, wie ich Kleider anprobiere"), sich als gesellschaftspolitische Windmaschine in Szene setzt.

Es "kommt" niemand, nicht einmal im übertragenen Sinn

Andererseits ist es auch eine respektable Leistung, den deutschen Literaturbetrieb mit ein paar Tageszeitungstexten, einer "Dating-Kolumne" in einer Frauenzeitschrift und einem Kurzauftritt in einem Musikvideo der Band Wanda (der immerhin mehr Eindruck hinterlassen hat als ihre Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb) derart in Wallung zu versetzen. So wandelt sie schon jetzt auf der Halbpromi-Rampe, nach der sich so viele deutsche Journalisten sehnen, die mehr sein wollen als deutsche Journalisten, und ist dabei vor allem: Ronja von Rönne.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Angewidert von ihrem Umfeld

Aber all das wäre kaum der Rede wert, hätte man bei der Lektüre von "Wir kommen" nicht den Eindruck, dass es ihrer Autorin selbst so herzlich egal ist. Das fängt mit dem Titel an: Es gibt in diesem Buch weder ein erwähnenswertes "Wir", dafür ist Ich-Erzählerin Nora viel zu angewidert von ihrem Umfeld. Und es "kommt" eigentlich auch niemand, nicht einmal im übertragenen Sinn. Die sehr läppische Vierer-Sex-Szene ("dann waren wir viele, dann waren wir überall") wirkt, als fände die Autorin allein die Vorstellung von Gruppensex so anstrengend, dass sie nicht mal Lust verspürt, ihn zu beschreiben.

Die Beziehung führt Nora nur, weil die zwei Männer es wollen

Diese schlaffe Haltung gegenüber dem eigenen Text spiegelt sich in der gesamten Konstruktion der Erzählerin und ihrer grässlichen Beziehung zu dem dauergrantigen Jonas, dem herrschsüchtigen Karl und der magersüchtigen jungen Mutter Leonie wider. In dieses Schlamassel ist Nora genauso passiv-aggressiv hineingestolpert wie ihre Schöpferin in den publizistischen Ruhm: ostentativ gelangweilt und minimal verantwortungsbewusst. Die Beziehung führt sie eigentlich nur, weil die zwei Männer es wollen.

Und von den Menschen um sich herum versteht Nora immer exakt nur deren Funktion ihr selbst gegenüber. Über ihre Jugendfreundin Maja, um die sie so tief trauert, heißt es: "Maja liebte ich vor allem, weil sie die Stille beiseite gewischt hatte." Und über die morsche Beziehung, es sei in sie "etwas Seltsames gekrochen, das mich ermüdet, weil ich es kenne, und das mich frustriert, weil ich es nicht so früh erwartet habe." Etwas Seltsames? Der Roman wimmelt von solchen pauschalen Zusammenfassungssätzen.

Fischstäbchen statt Melonen?

Dabei kann Rönne anders: Sie ist immer dann gut, wenn sie jene kleinen Beobachtungen einstreut, für die ihr Blog "Sudelheft" bekannt wurde. Über die Mütter auf dem Parkplatz eines Dorf-Discounters schreibt sie: ". . . ihren Rest Abenteuerlust lebten sie in stundenlangen Wochenendtrips zum Kaufland aus, um Wassermelonen zu besorgen für die falschen Entscheidungen, die zu Hause warteten und lieber Fischstäbchen wollten."

Der Satz ist lustig! Aber er ist auch symptomatisch für die Wurstigkeit, von der Rönnes Text strotzt. Hätte sie drei Minuten länger überlegt, wäre ihr vielleicht gekommen, dass Wassermelonen und Fischstäbchen nicht gegeneinander ausspielbar sind. Bananen, ja. Wackelpudding, okay. Aber welches Kind sagt: "Ich will Fischstäbchen!", wenn man ihm eine Melone anbietet?

Dieses Buch verströmt eine Kälte, der ein tiefes Desinteresse am Menschen und was ihn dazu macht, zugrunde liegt. Noras Panikattacken etwa, die ja der eigentliche Motor des Buches sind, finden auf den letzten, auf einmal sehr atemlosen Seiten ihre Kulmination. Hier wird zum ersten Mal so etwas wie seelische Not spürbar, vorher heißt es unbeteiligt: "Heute morgen hat mich wieder die Panik geweckt." Na, denn.

Sie wird nicht vermisst werden. Genauso wenig wie die kalten, gestörten Figuren und ihre nicht ganz runde Geschichte, die wirklich tausendmal aufregender wäre, wenn sich die junge Autorin dazu bequemt hätte, sich um irgendetwas zu scheren.

Ronja von Rönne: Wir kommen. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 208 Seiten, 18,95 Euro. E-Book 14,99 Euro.

© SZ vom 15.03.2016/cag/jobr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB