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Debütroman von Rapperin Kate Tempest:Leben ist das, was du aushältst

Kate Tempest

Wird bereits zur Wortführerin einer ganzen Generation erklärt: Kate Tempest, hier bei einem Auftritt in Banksys Dismaland in Somerset.

(Foto: picture alliance/empics)

Verliebt, verkatert, verzweifelt: Rapperin Kate Tempest erzählt in ihrem Debütroman von der Ungerechtigkeit des Daseins - und begehrt auf gegen den Zynismus unserer Zeit.

Buchkritik von Karin Janker

Es liegt eine Dringlichkeit in der Stimme von Kate Tempest, die atemlos macht. Die Zuhörer, nicht sie. Auf der Bühne klingt diese Stimme, als habe Kate Tempest nur wenig Zeit, um loszuwerden, was sie zu sagen hat. Oder als habe sie Angst, dass der Mahlstrom des Überdrusses sie mit sich reißt. "Look how the traffic keeps moving, the system is too slick to stop working", rappt sie im Protestsong "Europe Is Lost".

Ob auf Lesungen oder Konzerten, Kate Tempest spuckt die Wörter förmlich aus in dem Verlangen, sich der Welt mitzuteilen, auch auf "Everybody Down" war das spürbar, ihrem 2014 veröffentlichten Debütalbum. Das Album wurde gefeiert, Kate Esther Calvert alias Kate Tempest zur Stimme einer ganzen Generation erklärt, zur Wortführerin der neuen englischen Arbeiterklasse, zur genialen Sprachkünstlerin.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Nun hat die 30-jährige Londonerin ihren ersten Roman veröffentlicht: "Worauf du dich verlassen kannst" greift die erzählerischen Miniaturen auf, die "Everybody Down" zu einem komplexen Konzeptalbum gemacht haben, und vertieft sie. Die gerappten Geschichten über diese Mittzwanziger lassen den Hörer sprachlos zurück, so gewaltig kommen sie daher, aber sie machen auch ein wenig ratlos: Was bleibt von den Figuren, wenn die Beats verklungen sind? Mit ihrem Roman erschafft Tempest ihnen nun eine Vergangenheit, eine Geschichte.

Eine empfindsame Dichterin unterwegs auf hartem Pflaster

Der Südosten Londons hat die Sprache von Kate Tempest hart und ihre Stimme fest gemacht. Doch sie wäre vermutlich nicht von den Feuilletons gefeiert worden, klänge sie nicht mehr nach William Blake als nach 50 Cent und eher nach William Butler Yeats als nach Juliane Engelmann. Tempest ist eine empfindsame Dichterin, unterwegs auf hartem Pflaster.

Mit 16 Jahren verließ sie die Schule ohne Abschluss, wollte kreatives Schreiben lernen. 2013 erhielt sie den Ted Hughes Award für ihr Gedicht "Brand New Ancients", da war sie 27. Sie arbeitet unentwegt: In Gedichten, Theaterstücken, Rap-Songs und nun auch in Prosa lotet sie die Möglichkeiten der unterschiedlichen Genres aus. Hip-Hop ist für sie eine literarische Gattung, und ihre Prosa besitzt das Pathos von Punchlines.

Noch während sie mit dem Album auf Tour war, begann sie, den Roman zu schreiben. Es gibt hier nicht nur ein Wiedersehen mit Pete, Harry und Becky, auch die Kapitel heißen genauso wie die Songs. Aber das Buch erschöpft sich keineswegs darin, die Rap-Texte auf Romanlänge auszuwalzen. Egal, wie sehr man das Album mochte, erst der Roman bringt den Figuren Empathie entgegen, und Empathie ist für Tempest das, was Literatur ausmacht. Tempest hat eine Mission: Sie möchte die Menschen erreichen, sie schütteln und ihnen zeigen, wie die Welt um sie herum aussieht. Und weil eine einzelne Stimme dafür manchmal nicht ausreicht, tut sie das nun mit einem Roman.

Drogen sollen helfen, Interesse zu heucheln

"Worauf du dich verlassen kannst" spielt in Tempests Heimat South-East London. Die schöne Becky, die eigentlich lieber Tänzerin wäre, kellnert tagsüber im Café ihres Onkels und gibt abends Männern erotische Massagen. Pete, der sie so sehr liebt, dass er ihrer beider Leben zur Hölle macht, betäubt seine Eifersucht mit Alkohol. Und Harry, ein Mädchen, das Frauen liebt, verkauft Koks an Leute, die es sich "reinballern, nur um Interesse am Gelaber der anderen heucheln zu können".

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