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Debütroman von Frank Spilker:Die Selbstfindung als Pointe

Natürlich kann ein literarisches Genre, das immer den gleichen Regeln folgt, trotzdem zu interessanten Ergebnissen führen, genauso wie Popmusik oder Fußball. Und der geniale Texter Spilker, der seit 20 Jahren atmosphärisch dichte Kurz-Literatur über die Schwierigkeiten des Menschseins singt, wäre eigentlich prädestiniert dafür, einen pointierten Prosastil zu entwickeln, der seine depressive Geschichte in einen unterhaltenden Soundtrack verwandelt. Aber aus irgendeinem schwer verständlichen Grund will Spilker einfach nur die depressive Geschichte erzählen.

Fahrt im ICE, Sex mit einer sehr langweiligen, jung gebliebenen Altenpflegerin in Hildesheim, Besuch bei den Eltern, wo alles wie immer ist, Weiterfahrt in den Schwarzwald, um im strömenden Regen das Kurheim zu suchen, in dem der zunehmend mental erschöpfte Anspruchsflüchtling als Kind unglücklich war, um so vielleicht den Schlüssel zur eigenen Lebensunfähigkeit zu finden - mehr ist nicht los in diesem Roman.Und wenn Spilker seinem Troppelmann mal eine originelle Formulierung schenkt, dann eine wie diese kurz vor Schluss: "Ich möchte Teil einer Modelleisenbahn werden, in der die Züge immer im Kreis fahren." Das schreit doch klar nach Prozac!

Der Abgang ins Haltlose

Weder Spilkers Schärfe noch sein Talent zu knappen analytischen Beobachtungen, die Sterne-Songs so besonders gemacht haben, findet Eingang in diesen Romanversuch, der eigentlich das Etikett "Pop" nicht verträgt. Denn was Spilker beschreibt, ist maximal gewöhnlich bei minimaler Komik. Elternwohnzimmer, Zugabteile, Provinzhotels und Hamburger Tresengespräche brauchen nur dann beschrieben zu werden, wenn ein Autor die Satire liebt ober das Böse im Banalen findet.

Aber in diesem Buch erkennt man nur einfach alles wieder, wie es eben ist. Und daran ändert auch nichts, dass alle paar Seiten Dinge umfallen, als sei dies eine rätselhafte Metapher für den inneren Verfall des Helden. Oder dass Spilker eine total unsinnige Nebengeschichte über eine Trinkwasserhysterie in Hamburg konstruiert, die Troppelmann mit einem Anruf ausgelöst haben könnte.

Tatsächlich erschließt sich aus kaum einer Szene dieses kurzen Romans die Dringlichkeit, warum er überhaupt erzählt werden musste. Oder wie Thomas Troppelmann meint: "In einer Umgebung, in der alle kämpfen, ist es am schlimmsten, gar nicht kämpfen zu wollen". Als Kernthese über 160 Seiten variiert, verkennt dieser Leidenssatz nicht nur das Bedürfnis des Lesers nach Originalität, sondern den ganzen Charakter des Genres: Der Poproman handelt zwar von Versagern, aber im gelungenen Fall wirkt er dabei höchst aufbauend.

Frank Spilker: Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2013. 160 Seiten, 19,99 Euro.

© SZ vom 04.07.2013/jspe

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